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Pogromnacht Der ganz alltägliche Judenhass

80 Jahre nach den Pogromen in Deutschland warnt die jüdische Gemeinschaft vor wachsendem Antisemitismus – vor allem unter Jugendlichen.

Kippa-Tag, Römerberg
Wer auf deutschen Straßen als Jude erkennbar ist, muss mit Übergriffen rechnen. Foto: Michael Schick

Erst bliesen ihm die beiden Mitschüler den Rauch ihrer Zigaretten ins Gesicht. Dann sagten sie: „Zur Erinnerung an deine Verwandten.“ Der 15-Jährige wusste gar nicht, was er sagen sollte, und lief weg. Die beiden Raucher lachten dem jüdischen Jungen hinterher.

Wir schreiben das Jahr 2018, und es ging Monate so: Beschimpfungen, Mobbing, Hakenkreuzschmierereien auf der Kleidung. Die Schulleitung wurde erst aktiv, als die Presse davon Wind bekam. Und es handelt sich nicht um irgendeine Schule in einem einschlägigen Stadtbezirk in Berlin. Nein, es passierte in der amerikanisch-deutschen Eliteschule „John F. Kennedy“ im feinen Steglitz-Zehlendorf.

80 Jahre nach den Pogromen in Deutschland, als in der Nacht des 9. November Synagogen in Flammen aufgingen, Scheiben jüdischer Kaufleute barsten und die systematische Vertreibung der Juden begann, ist Antisemitismus aktuell wie lange nicht. Ein älterer Deutscher schreit den aus Israel stammenden Berliner Gastronomen Yorai Feinberg an: „Was macht ihr Juden noch hier, haben die Gaskammern nicht gereicht?“ Im Prenzlauer Berg schlägt ein junger Syrer einen Israeli mit einem Gürtel, weil der mit einer Kippa durch die Straßen geht. Einem Berliner Drittklässler wird von einem Mitschüler gesagt, ihn hätte man wohl vergessen zu töten.

Judenhass ist kein neues Phänomen

1504 antisemitische Straftaten verzeichnete die Kriminalstatistik 2017 für Deutschland. Berlin ist die Hochburg von Judenhass motivierter Vorkommnisse. Der Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus (Rias) wurden 947 im vergangenen Jahr gemeldet. So viele waren es noch nie. Dazu zählen Angriffe, Bedrohungen, Sachbeschädigungen oder verletzende Äußerungen. Daniel Poensgen von Rias sagt: „Viele fühlen sich animiert durch den Zuspruch rechtspopulistischer Positionen im Netz und in der Offline-Welt.“

Judenhass ist kein neues Phänomen. Er gehört quasi zur DNA Europas. Selbst in einer aufgeklärten Welt vererben sich Ressentiments offenbar wie Krankheiten von Generation zu Generation. Die jüdische Gemeinschaft, stellt der Präsident des Zentralrats der Juden, Josef Schuster, fest, müsse gegenwärtig so vehement wie lange nicht mehr um ihre Grundrechte auf Religionsfreiheit und auf persönliche Freiheit kämpfen. „Freiheit bedeutet, sich bewegen zu können mit sichtbaren Zeichen des Judentums wie der Kippa und dem Davidstern, ohne angestarrt, angepöbelt oder gar geschlagen zu werden. „Freiheit“, so Schuster, „bedeutet auch, offen als Jude leben zu können, ohne als Kindermörder, Spekulant oder Raffzahn diffamiert zu werden.“

Bereits 1981 stellte der Kölner Soziologe Alphons Silbermann in seiner Studie „Sind wir Antisemiten?“ fest, dass etwa ein Fünftel der Bundesdeutschen stark ausgeprägte antisemitische Vorurteile pflegte. Damals lebten in Deutschland rund 30.000 Juden. Diese Zahl schätzten lediglich 21 Prozent realistisch ein. Der Rest glaubte, in Deutschland würden Millionen Juden leben.

Heute sind knapp unter 100.000 Menschen in den jüdischen Gemeinden Deutschlands organisiert. Noch einmal so viele Juden, wird geschätzt, leben ohne Bindung an eine Gemeinde in der Bundesrepublik. Silbermanns Zahlen sind durch neue Untersuchungen belegt. Die Forscherin Monika Schwarz-Friesel von der TU Berlin hat beispielsweise die digitale Kommunikation der vergangenen zehn Jahre auf Antisemitismus untersucht. Ergebnis: Die Anzahl entsprechender Online-Kommentare hat sich verdreifacht. Nutzer seien in digitalen Medien kaum noch vor judenfeindlichen Texten sicher. Schwarz-Friesel warnt: „Wenn das so weiter geht, wird die Akzeptanz in der Gesellschaft steigen.“ Kann man nichts dagegen tun? Der Antisemitismusbeauftragte der jüdischen Gemeinde zu Berlin, Sigmount Königsberg, meint, dass es schwierig sei, Erwachsene von antisemitischen Vorbehalten abzubringen. 

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