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Pharmatests in der DDR Eine günstige Teststrecke

Westdeutsche Arzneikonzerne ließen in den 70er- und 80er-Jahren Studien in der DDR durchführen. Viele Patienten wussten davon offensichtlich nichts.

Probieren geht über Studieren – an einigen Kliniken der DDR wurde dieses Bonmot offenbar allzu wörtlich genommen. Das Foto zeigt die Ost-Berliner Charité, wo unter anderem Schering und Boehringer-Mannheim Versuche durchführen ließen. Foto: Ullstein Bild

Westdeutsche Arzneikonzerne ließen in den 70er- und 80er-Jahren Studien in der DDR durchführen. Viele Patienten wussten davon offensichtlich nichts.

Volker Hess will keinen Skandal erkennen. „Ich würde nie von Menschenversuchen sprechen, das ist eine andere Kategorie“, sagt der Leiter des Instituts für die Geschichte der Medizin an der Berliner Universitäts-Klinik Charité und meint damit die jüngsten Nachrichten über Arzneimitteltests westlicher Pharmafirmen in der DDR. Es handele sich um klinische Versuche, die nach gängigen Regeln durchgeführt worden seien. Eine der nun zu klärenden Fragen bleibe jedoch, ob und wie beide Seiten von den Tests ökonomisch profitiert hätten, fährt Hess fort. Deshalb will die Charité ein Forschungsprojekt starten und dabei alle Beteiligten einbinden, also auch die Pharmaunternehmen. „Wir wollen prüfen, ob alles mit rechten Dingen zuging.“

Verwunderlich ist das nicht. Das Magazin Spiegel berichtet in seiner jüngsten Ausgabe detailliert, dass die besagten Arzneimitteltests in der Deutschen Demokratischen Republik gängige Praxis waren. An den dort ausgebreiteten Fakten werden die Beteiligten nur schwer vorbeikommen.

Kontaktstelle eingerichtet

Auf westlicher Seite waren nahezu alle Pharma-Firmen vertreten: Hoechst, Bayer, Schering, Sanoz - um nur ein paar zu nennen. Sie suchten Probanden und fanden in der DDR laut Charité-Forschungsdirektor Christian Thierfelder eine „günstige Teststrecke“. Medikamentenhersteller aus Westdeutschland, der Schweiz und den USA gaben in der DDR dem Spiegel zufolge mehr als 600 Versuche in Auftrag. Davon waren mindestens 50?000 Patienten in 50 Kliniken betroffen.

Was anfangs offenbar noch recht ungeordnet vonstatten ging – die ersten Versuche wurden offenbar Anfang der 70er-Jahre durchgeführt –, bekam 1983 einen offiziellen Rahmen. Die SED-Oberen richteten in der Fehrbelliner Straße unweit des Berliner Alexanderplatzes ein „Beratungsbüro für Arzneimittel und medizinische Erzeugnisse“ ein, an das sich westliche Pharma-Manager wenden konnten. Angeblich waren auch West-Berlins Regierender Bürgermeister Eberhard Diepgen und die damalige Bundesgesundheitsministerin Rita Süssmuth (beide CDU) hilfreich. Beide können sich daran heute nicht mehr erinnern oder verweisen auf mangelnde Detailkenntnis.

Relativ klar scheint zu sein, dass die Patienten nicht informiert wurden. Das ergibt sich aus Zeugenaussagen (siehe Interview), auch schriftliche Dokumente legen es nahe. So erklärte sich die Firma Hoechst angeblich noch im Jahr 1989 ausdrücklich damit einverstanden, „dass der Aufklärungstext beim Prüfer verbleibt und nicht dem Patienten ausgehändigt wird“. Dass die Kranken nichts erfuhren, ist aber auch deshalb wahrscheinlich, weil es sich ideologisch schwer hätte verkaufen lassen, dass die DDR solche Tests bei sich zulässt. Dies wäre mit dem Eingeständnis von Schwäche verbunden gewesen – und dem Verrat an anti-kapitalistischen Idealen.

DDR wollte Westgeld

Dass die Charité involviert war, scheint gewiss. Boehringer-Mannheim hat hier dem Spiegel zufolge die als Dopingmittel missbrauchte Substanz Erythropoetin („Epo“) an dreißig „unreifen Frühgeborenen“ erproben lassen. Manager der West-Berliner Schering AG hätten den Verantwortlichen sogar ein Testvolumen von jährlich sechs Millionen D-Mark angeboten. Ansonsten stellten die Hersteller pro Studie dem Vernehmen nach bis zu 800?000 D-Mark bereit. An Berlins Renommier-Klinik soll es des öfteren geheißen haben: „Das ist devisenträchtig, das machen wir!“

Unterdessen zeigt sich die Union der Opferverbände Kommunistischer Gewaltherrschaft (UOKG) bei der Bewertung der Vorgänge weniger zurückhaltend als der Charité-Historiker Hess. Die neuesten Berichte verwunderten ihn nicht, sagte der Vorsitzende Rainer Wagner am Montag der Frankfurter Rundschau. „Denn gerade bei Pharma-Firmen ist ja sehr viel Geld zu verdienen. Zugleich findet man bei gefährlichen Experimenten nicht so ohne weiteres Leute.“

Zudem zeigten die Vorgänge, „wie die Verantwortlichen im Unrechtsstaat DDR hinterm Westgeld her waren und von daher keine moralischen Skrupel kannten“, sagt Wagner. „Kapitalistische Unternehmen nutzten das für ihre finanziellen Zwecke aus.“ Der UOKG-Chef will Aufklärung und mahnt: „In eindeutigen Fällen sind die Betroffenen zu entschädigen – bis zu einem einmaligen Schmerzensgeld. Dafür müssten die Pharma-Firmen einstehen. Sie haben ja die Geschäfte gemacht.“

Auf welcher Grundlage die Charité forschen will, ist übrigens offen. Sie lässt nämlich Akten routinemäßig vernichten. Aktuell sind die aus dem Jahr 1983 dran.

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