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Pflegenotstand in Deutschland Pflegepersonal aus der Schwestern-Fabrik

Die Bundesregierung will Fachpersonal von den Philippinen für die hiesigen Altenheime anwerben. Doch mit der Suche im Ausland allein lässt sich die Nachfrage nach Arbeitskräften nicht befriedigen. In der Heimat der Arbeitsmigranten wiederum leiden die Familien.

Weltweit gefragt: das gut ausgebildete Pflegepersonal von den Philippinen. Das Land gilt als Schwestern-Fabrik, die Fachkräfte werden dort an rund 400 Einrichtungen ausgebildet. Foto: dpa

Die Zahlen umschreiben eine dramatische Situation. 10.000 offenen Stellen stehen 3600 Arbeitssuchende mit geeigneter Qualifikation gegenüber. Ein freiwerdender Arbeitsplatz bleibt im Schnitt mehr als vier Monate unbesetzt. In keinem anderen Berufsfeld herrscht ein so akuter Fachkräftemangel wie in der Altenpflege. Dabei spiegeln die Statistiken der Bundesagentur für Arbeit (BA) nur einen Teil des Problems. Nach Angaben des Bundesverbands privater Anbieter sozialer Dienste fehlen aktuell tatsächlich rund 30.000 qualifizierte Beschäftigte im Pflegebereich.

Maßnahmenbündel für gezielte Anwerbung

Dieses Defizit, da sind sich alle Fachleute einig, kann absehbar nicht allein durch inländische Pflegerinnen und Pfleger abgedeckt werden. Vor diesem Hintergrund haben sich Bund, Länder und Pflegeverbände im Dezember 2012 auf ein Maßnahmenbündel geeinigt, das die gezielte Anwerbung qualifizierten Personals in Ländern außerhalb der EU vorsieht. In der vergangenen Woche unterzeichnete die Bundesagentur eine Vereinbarung mit der philippinischen Arbeitsverwaltung: Im fernöstlichen Inselstaat reichlich vorhandene Pflegefachkräfte sollen in Deutschland den eklatanten Mangel lindern. Der Bedarf sei „auch mit Blick auf die Zukunft so groß, dass wir nicht nur alle inländischen und europäischen Potenziale ausschöpfen dürfen, sondern auch auf dem internationalen Arbeitsmarkt aktiv für Karrieren in Deutschland werben müssen“, befand Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU).

In der Tat ist es vor allem die Entwicklung in den kommenden Jahrzehnten, die Zuwanderung von Pflegepersonal in nennenswerter Größenordnung unausweichlich erscheinen lässt. Die Zahl der Pflegebedürftigen von derzeit rund 2,5?Millionen wird bis zum Jahr 2020 voraussichtlich auf 2,9 und bis 2040 auf 4,2 Millionen ansteigen. Damit wächst auch der Personalbedarf. Schätzungen gehen für 2020 von bis zu 220.000 fehlenden Pflegekräften aus. Ein Jahrzehnt darauf, so prognostiziert es die Bertelsmann Stiftung, werden bis zu 500?000 Stellen im Pflegebereich nicht besetzt werden können. Nur um die Dimensionen zu verdeutlichen: Derzeit sind laut Bundesagentur 573.000 examinierte Pflegerinnen und Pfleger sowie Altenpflegehelfer in Deutschland beschäftigt.

Fatale Konsequenzen

Dass bei solchen Prognosen der inländische Nachwuchs nicht ausreicht, ist klar: 2011 befanden sich im privaten Sektor bundesweit 21.400 junge Leute im ersten Ausbildungsjahr zur Altenpflegefachkraft. Hinzu kamen 5100 Altenpflege-Schüler, die mit Unterstützung der Bundesagentur eine Ausbildung begannen. Im vergangenen Jahr stieg die Zahl der Anfänger nach vorläufigen Angaben leicht auf 5600.

Hieraus einen Trend abzuleiten, wäre indessen verfehlt. 2009 hatten noch 7000 junge Menschen gefördert von der Bundesagentur eine Pflegeausbildung begonnen, 2010 waren es sogar 9200. Der starke Rückgang seither ist Folge der insgesamt deutlichen Reduzierung aktiver Arbeitsmarktpolitik durch die Bundesregierung. Politik aus einem Guss sieht anders aus. Für den Pflegebereich hat das fatale Konsequenzen. Denn auch die Zuwanderung wird, trotz der schönen Worte von ministerieller Seite, den Mangel nicht beheben. Auch wenn die Zahl jener, die aus Fernost zu uns kommen, noch unklar ist, weil viele Details jenseits der Grundsatzvereinbarung noch offen sind, ist eines jetzt schon deutlich: Die philippinischen Pflegekräfte werden nur einen kleinen Bruchteil des Bedarfs abdecken können. Ein ähnliches Zuwanderungsabkommen mit Kroatien führte in den vergangenen Jahren zu einem Zuzug von nur wenigen hundert Pflegekräften. Der Effekt einer Anfang des Jahres mit Serbien getroffenen Vereinbarung bleibt abzuwarten.

Beträchtliche Unterschiede in der Ausbildung

Hinzu kommen Sprachbarrieren, kulturelle Unterschiede und eine anders gelagerte Ausbildung, was die Beschäftigung philippinischer Pflegerinnen nicht eben erleichtert: In Fernost handelt es sich um eine vierjährige, überwiegend akademische und daher auch theorielastige Ausbildung, die gegenüber die hiesigen sowohl Vor- als auch Nachteile und jedenfalls beträchtliche Unterschiede aufweist. Dabei dürfte nicht die Anerkennung der philippinischen Berufsabschlüsse, die den Bundesländern obliegt, das Problem sein, sondern die ganz praktische Einarbeitung in den deutschen Pflegealltag.

So wäre es wohl schon ein großer Erfolg, wenn sich eine 40 Jahre alte Zuwanderungsgeschichte wiederholen ließe. Zwischen 1969 und 1973 hatte die sozialliberale Bundesregierung unter Willy Brandt 3000 philippinische Krankenschwestern ins Land geholt.

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