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Petra Pau Hass-Demo mit Erlaubnis der Polizei

Bundestagsvizepräsidentin Petra Pau schildert, wie grölende Rassisten gezielt vor ihrem Haus aufmarschierten. Beschimpfungen, Beleidigungen, zuletzt sogar Morddrohungen. Doch vor zwei Wochen ist für die Linken-Politikerin eine neue Grenze erreicht worden.

„Ein gespenstisches Erlebnis“: Petra Pau, Bundestagsvizepräsidentin und Politikerin der Linkspartei, über den Aufmarsch vor ihrer Wohnung. Foto: dpa

Beschimpfungen, Beleidigungen, zuletzt sogar Morddrohungen: Petra Pau hat sich an vieles gewöhnen müssen. Aber an jenem Montag vor zwei Wochen ist für die Linken-Politikerin eine neue Grenze erreicht. Sie sitzt gerade in der Küche ihrer Berliner Mietwohnung, als sie Lärm von draußen hört. Völlig überrascht sieht sie, dass eine grölende Hundertschaft vor ihrem Haus aufmarschiert ist, schreit, rassistische Parolen skandiert.

„Ein gespenstisches Erlebnis“, sagt Pau und schildert ihre Erinnerungen an den Auflauf. Sie wusste: Das müssen die Demonstranten der selbst ernannten „Bürgerbewegung Marzahn“ sein, die jeden Montag gegen eine Flüchtlingsunterkunft in ihrem Stadtteil protestieren, für die Pau sich einsetzt. Auch NPD-Funktionäre sind in der „Bewegung“ aktiv. Aus diesem Umfeld erhält sie seit Monaten öffentliche Drohungen. Sie gehöre erschossen oder „aufgeknüpft“, heißt es auf der Facebook-Seite der Heimgegner. Jemand veröffentlichte sogar Paus Privatadresse.

Seit 2006 Bundestagsvizepräsidentin

Wenig später wird bekannt, dass im sachsen-anhaltinischen Tröglitz ein ehrenamtlicher Bürgermeister zurückgetreten ist: Auch er fürchtete um seine Familie und Privatsphäre, weil die Behörden eine ebensolche Anti-Asyl-Demonstration bis zu seinem Haus erlaubten. Seitdem werden aus ganz Deutschland ähnliche Fälle bekannt: Magdeburgs SPD-Oberbürgermeister hatte bereits 2007 protestierende Neonazis vor seinem Privathaus stehen, bei einer Wahlkampfveranstaltung an diesem Samstag wurde er tätlich angegriffen. Der Duisburger Bürgermeister berichtet im „Spiegel“, dass sein Privathaus wegen der städtischen Asylpolitik mit Eiern beworfen worden sei; der Kollege aus dem sächsischen Schneeberg erlebte, wie die Polizei 50 teils angetrunkene Neonazis vor sein Haus eskortierte. „Zeig dich, du Sau!“, riefen die. Nicht nur deshalb findet Pau nun: „Es reicht.“

Wer Petra Pau gegenübersteht, ohne sie zu kennen, muss sie erst einmal unterschätzen. Wenn sie als Politikerin vor Publikum spricht, wirkt das meist wenig staatsmännisch. Ihre Stimme klingt, weil sie heiser und brüchig ist, oft zaghaft oder sogar ängstlich. Wer gelegentlich die Nachrichten schaut, mag vergessen haben, dass sie es war, die als Kandidatin der SED-Nachfolgepartei PDS 1998 gegen SPD-Kopf Wolfgang Thierse und Grünen-Promi Marianne Birthler das Direktmandat für den Bundestag in Berlin-Mitte gewann und die dort nach 2002 allein mit Gesine Lötzsch die PDS vertrat, die an der Fünf-Prozent-Hürde gescheitert war.

Aber als hartnäckige und doch zurückhaltende Linken-Obfrau im NSU-Untersuchungsausschuss war Pau eine Zeitlang täglich zu sehen, und seit sie 2006 zur Vizepräsidentin des Bundestags gewählt wurde, ist sie immerhin eine Stellvertreterin des zweithöchsten Staatsamts der Republik. Und wer Pau aus der Nähe kennt, weiß auch: Ihr allürenfreies Auftreten hat ihrem Ansehen in ihrem plattenbaudominierten Ost-Wahlbezirk Marzahn-Hellersdorf eher genützt, und damit auch ihrer Karriere. Und dass sie es schaffte, trotz einer Nervenerkrankung, die die Sprachmuskeln verkrampfen lässt und Pau 2010 für ein Jahr fast zum Verstummen brachte, Ämter und Mandat weiter auszuüben, beweist ihre Willensstärke.

Die zeigt sich nun wieder. „Wir erleben gerade einen Rückfall in die frühen 90er Jahre, als Neonazis die Gesellschaft in Angst versetzten – und nur Sprachlosigkeit ernteten“, sagt Pau der FR. Sie hat inzwischen erfahren, dass die Polizei die Routenänderung der Demonstranten zu ihrem Haus genehmigt hatte. Das sei ein falsches Signal, findet Pau. Nicht ihretwegen, sondern weil es die Rechtsradikalen bestärke.

Das ist keine Vermutung. Am nächsten Morgen fragte die „Bürgerbewegung“ via Twitter bei Pau nach, ob es ihr jetzt besser gehe. „Oder sollen wir nächste Woche noch mal bei ihnen vorbeikommen?“

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