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Petra Hinz SPD-Abgeordnete Hinz legt Mandat nieder

Die Bundestagsabgeordnete Petra Hinz räumt ein, wichtige Teile ihres Lebenslaufs gefälscht zu haben. Sie verfüge weder über Abitur noch über ein abgeschlossenes Jurastudium. Später legt sie ihr Bundestagsmandat nieder.

Petra Hinz im Bundestag. (Archivbild) Foto: dpa

Normalerweise scheut die Essener Bundestagsabgeordnete Petra Hinz die Öffentlichkeit nicht. Jede Woche berichtet sie via Newsletter über ihre Arbeit. Als „Gläserne Abgeordnete“ legt sie ihre Einkünfte offen, um „Fakten gegen Vorurteile und Halbwahrheiten“ zu setzen. Eine Vorzeigeparlamentarierin, würde man meinen. Doch am Mittwoch waren plötzlich ihre Facebook- und Twitter-Konten gelöscht. Am Telefon lief nur der Anrufbeantworter, und die Biografie auf ihrer Homepage war leer.

Die SPD-Abgeordnete ist verschwunden. Jedenfalls in wesentlichen Teilen. Angeblich hatte sie 1984 Abitur gemacht, danach Jura studiert, das Erste und Zweite Staatsexamen abgelegt und dann zehn Jahre freiberuflich und für einen Konzern als Juristin gearbeitet, bevor sie 2005 in den Bundestag einzog. So hat sie es der Parlamentsverwaltung gemeldet. Doch nun kommt heraus: Nichts davon stimmt: kein Abi, kein Studium, kein Examen, keine Juristinnentätigkeit. Die 54-Jährige hat zwei Jahrzehnte ihres Lebens frei erfunden.

Abgeschriebene Hochschularbeiten, Schummeleien bei Auslandsjobs, gekaufte Doktortitel – im Berliner Regierungsviertel ist man einiges gewohnt. Aber eine erfundene Biografie nach dem Vorbild des Hochstaplers Felix Krull? So etwas gab es bislang nur in der Literatur. Und in sehr schlechtem Fernsehen. Entsprechend groß ist der Schock bei der SPD. „Wir erwarten von unseren Mandatsträgern Glaubwürdigkeit und Integrität“, sagt der nordrhein-westfälische Justizminister Thomas Kutschaty, der den Essener Unterbezirk der SPD leitet. Hinz habe „sich selbst, aber auch der SPD großen Schaden zugefügt.“ Das stimmt, zumal die Essener Gliederung ohnehin ein Problemkind ist: Zuletzt hatte es dort in der Flüchtlingskrise heftig geknirscht. Die Bundestagsfraktion wiederum hat gerade erst die Edathy-Affäre überstanden.

„Wir sind überrascht und enttäuscht“, gesteht Geschäftsführerin Christine Lambrecht nun.

Die Hochstaplerin selbst lässt ihren Anwalt sprechen. „In der Rückschau vermag Frau Hinz nicht zu erkennen, welche Gründe sie seinerzeit veranlasst haben, mit der falschen Angabe über ihren Schulabschluss den Grundstein zu legen für weitere unzutreffende Behauptungen über ihre juristische Ausbildung und Tätigkeit“, teilt die Kanzlei mit.

Bereits vor einigen Tagen hatte die Hinterbänklerin angekündigt, 2017 nicht mehr kandidieren zu wollen. Grund sind offenbar Mobbing-Vorwürfe ehemaliger Mitarbeiter ihres Büros. Möglicherweise kam so auch die Täuschung ans Licht. Der Bundestag reagierte schnell. Mittags war Hinz’ Eintrag auf der Homepage des Parlaments um zwei Drittel geschrumpft. Der berufliche Werdegang liest sich nun wie der einer Langzeitarbeitslosen. Ansatzpunkte für rechtliche Schritte sieht die Verwaltung aber nicht. Zeugnisse werden beim Parlament nicht überprüft.

Hinz könnte sogar noch bis zum Herbst 2017 ihre Diäten beziehen. Das würde der Partei dann so richtig schaden, gerade wegen des Bundestagswahlkampfs. Kutschaty, Lambrecht und der Parteiapparat haben dann wohl massiv Druck ausgeübt: Mittwochnachmittag legte Hinz ihr Mandat nieder.

Das alles klingt nach dem traurigen Ende einer SPD-Bilderbuchkarriere. Ihr „Schlüsselerlebnis“ sei 1969 eine Begegnung mit Willy Brandt in der Grugahalle gewesen, schrieb Hinz auf ihrer Homepage. Damals war sie sieben Jahre alt. Aber vielleicht ist auch das erfunden.

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