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Patientenverfügungen Entscheiden über Leben und Tod

Wie soll man mit dem Willen von Patienten im Krankenhaus umgehen? Der Ethiker Klaus Kobert sagt, dass Patienten immer häufiger vor ihren eigenen Verfügungen geschützt werden müssen.

06.04.2013 17:00
Wenn das Lebenslicht zu erlöschen droht – soll ein Patient gegen seinen Willen künstlich beatmet werden? Mal ja, mal nein. Foto: imago stock&people

Wie soll man mit dem Willen von Patienten im Krankenhaus umgehen? Der Ethiker Klaus Kobert sagt, dass Patienten immer häufiger vor ihren eigenen Verfügungen geschützt werden müssen.

Klaus Kobert ist einer der wenigen hauptamtlichen Ethiker, die in Deutschland in einem Krankenhaus arbeiten. Er kritisiert die oft dubiose Rolle, die Angehörige beim Verfassen von Patientenverfügungen spielen.

Herr Kobert, seit drei Jahren gibt es den gesetzlichen Anspruch auf Umsetzung einer Patientenverfügung. Muss man heute noch fürchten, dass der Patientenwille nichts zählt?

Sie finden bestimmt noch Ärzte, die sich mit den Verfügungen schwer tun. Aber das kommt immer seltener vor. Ich kann aus meinen persönlichen Erfahrungen sagen, dass die Patientenverfügung noch vor zehn Jahren von Ärzten sehr kritisch gesehen wurde. Aber das hat sich deutlich geändert. Ich erlebe viel häufiger, dass Ärzte richtig froh sind, wenn sie den Willen eines Patienten kennen, der sich nicht mehr äußern kann.

Die Sorge vieler Menschen vor einer Übertherapierung ist nicht mehr berechtigt?

Als ich vor acht Jahren anfing, die Klinische Ethik hauptberuflich zu machen, war die Angst der Angehörigen vor einer medizinisch nicht mehr sinnvollen Behandlung des Patienten fast immer der Grund, dass wir Ethiker dazu gerufen wurden, wenn die Umsetzung der Verfügung strittig war. Diese Sorge war durchaus berechtigt. Heute haben wir viel häufiger die Lage, dass Patienten vor ihrer eigenen Verfügung geschützt werden müssen.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Wir hatten einen jungen Mann, in dessen gültiger Patientenverfügung stand, dass er niemals künstlich beatmet werden wollte. Nun hatte er eine Rauchgasvergiftung, nachdem in seiner Wohnung ein Schwelbrand ausgebrochen war. Bei einer Rauchgasvergiftung muss ich künstlich beatmen, sonst droht ein Hirnschaden, möglicherweise auch der Tod. Er hatte die Beatmung aber ausdrücklich ausgeschlossen, eigentlich hätten wir ihn sterben lassen müssen.

Diese Situation kann der Mann aber unmöglich gemeint haben.

Ja, davon sind wir auch ausgegangen. Deshalb haben wir ihn erst einmal ein paar Tage beatmet, sodass er keine bleibenden Schäden davon trug. Wir haben zugleich mit seinen Angehörigen gesprochen. Da kam heraus, dass er das eigentlich nicht so gemeint hatte, wie er es geschrieben hatte. Sein Großvater war lange auf der Intensivstation und starb nach wochenlanger künstlicher Beatmung. So etwas wollte er für sich nicht. Solche Fälle kommen immer häufiger vor. Menschen schreiben relativ unreflektiert etwas auf und wir müssen uns dann im Ernstfall fragen, ob er das wirklich so gemeint hat. Denn in dem beschriebenen Fall war der junge Mann hinterher natürlich sehr froh, dass wir ihn nicht wörtlich genommen haben.

Die Angehörigen spielen also eine zentrale Rolle?

Ja, Angehörige sind ganz wichtige Gesprächspartner, wenn es zum Beispiel in Fallbesprechungen darum geht zu ermitteln, was der bewusstlose Patient auf der Intensivstation wünschen würde, wenn er sich äußern könnte. Diese Vorgehensweise hat sich bei uns in Bethel sehr bewährt.

Was wir aber immer häufiger erleben, ist, dass Patientenverfügungen von Angehörigen vorgelegt werden und wir gucken müssen, ob die überhaupt vom Patienten selbst unterschrieben wurde. Oft schreibt zum Beispiel die Ehefrau die Verfügung für ihren Mann, der gar nicht mehr einwilligungsfähig ist. Die Angehörigen sagen uns dann, ich bin der Vorsorgebevollmächtigte, ich darf das. Das geht natürlich nicht.

Und wenn das Formular nachweislich vom betroffenen Patienten ausgefüllt wurde? Wie erleben Sie da die Rolle der Angehörigen?

Die meisten vertreten den Willen des Patienten in einer sehr angemessenen Form und unterstützen damit den Prozess der Entscheidungsfindung in Sinne des Patienten. Einige treten aber zunehmend fordernder auf. Häufig wedeln die Angehörigen schon mit der Verfügung in der Hand und verlangen, dass wir sofort alle medizinischen Maßnahmen einstellen. Sie sagen das dann, ohne selbst in die Verfügung geschaut zu haben, was der Patient denn wirklich angegeben hat.

Die Patientenverfügung wird also grundsätzlich mit einem Sterbewunsch gleichgesetzt?

Das kann man häufig so sagen. Letztens rief mich eine Nachtschwester an und berichtete mir von einem älteren Herrn auf ihrer Station. Er hatte eine Lungenentzündung, war leicht dement und sollte mit Antibiotika behandelt werden. Sein Neffe verlangte dagegen, dass wir mit der Behandlung aufhören sollten, da der Mann eine Patientenverfügung habe. Es stellte sich dann aber heraus, dass der Mann keineswegs für diese Situation einen Abbruch der Behandlung gewünscht hatte, wie es der Neffe behauptet hatte. Der Mann ist wieder gesund geworden.

Sie sagen, solche Situationen erleben Sie seit ein paar Jahren immer häufiger. Wie erklären Sie sich das?

Ich glaube, die Menschen reflektieren zu wenig, was eine Patientenverfügung tatsächlich bedeutet, vielleicht ist auch das Misstrauen gegenüber Krankenhäusern immer noch groß. Es gibt aber auch eine Tendenz zu sagen, das ist doch kein Leben mehr. Ich höre häufig von Angehörigen, dass sie sagen, das würde ich für mich nicht wollen. Darum geht es aber nicht. Ich kann entscheiden, was für mich lebenswert ist. Aber wenn jemand anderes entscheidet, das sei kein Leben mehr, kommen wir in eine gefährliche Kategorisierung, dass man ein unwertes Leben hat und dann sind wir auf einem ganz falschen Weg.

Das Gespräch führte Mira Gajevic.

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