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Parteitag in Manchester Die Ratlosigkeit der Tories

Die britischen Konservativen klammern sich beim Parteitag in Manchester an leere Parolen - und feiern Brexit-Star Boris Johnson.

Boris Johnson
Verbreitet sonnigen Optimismus in Manchester: Boris Johnson. Foto: rtr

Es ist kein Durchkommen an diesem Dienstag. Zweieinhalb Tage zuvor haben die Mitglieder des britischen Kabinetts vor halbleerem Saal gesprochen, entsprach die Stimmung in der Kongresshalle von Manchester der brutalen Prognose des „Times“-Kolumnisten Matthew Parris: Die Zusammenkunft der konservativen Regierungspartei sei „ein Parteitag von Toten auf Urlaub“. Doch jetzt ist die Halle voll, kommt Stimmung in die angeblichen Zombies. Es geht um Europa und Großbritanniens Loslösung von der EU. Und es spricht Außenminister Boris Johnson, die Brexit-Galionsfigur.

Wie in seinen jüngsten Zeitungsartikeln schrammt der 53-Jährige auch diesmal haarscharf am Vorwurf der Illoyalität gegenüber Premierministerin Theresa May vorbei. Und natürlich erfüllt er die Erwartungen der überwiegend EU-feindlichen Partei. Er serviert ein paar süffisante Schmähungen gegen Labour-Oppositionsführer Jeremy Corbyn und verbreitet sonnigen Optimismus: „Wir werden Brexit zum Erfolg machen.“ Jubel im Saal.

„Beide Seiten verlieren“

Erfolgreicher Brexit. Brexit bedeutet Brexit. Flexibilität und Kreativität, wie sie May in Florenz von den EU-Partnern gefordert hat – das seien doch alles leere Phrasen, findet der CDU-Abgeordnete Detlef Seif aus dem rheinischen Euskirchen. In Wahrheit, glaubt der Brexit-Berichterstatter der CDU-Fraktion im Deutschen Bundestag, sei beim EU-Austritt die sogenannte „Win-Win“-Situation ausgeschlossen: „Beide Seiten werden verlieren.“ Es gehe nur um Schadensbegrenzung.

Schweigend hört ihm das Publikum zu, das am Montag zu einer Veranstaltung der Konrad Adenauer-Stiftung erschienen ist. Wie bei fast allen dieser sogenannten Fringe meetings („Treffen am Rande“) sind weit vor Beginn alle Stühle vergeben, müssen viele Interessierte im Stehen zuhören. Es handelt sich vor allem um die wenigen verbliebenen EU-Freunde in der Tory-Partei. Die gebe es noch, beteuert Ex-Gesundheitsminister Stephen Dorrell, ehe er den Brexit zum „historischen Fehler“ erklärt.

Tories wollen Jungwähler erreichen

Vielleicht hat die seltsam depressive, uninteressierte Stimmung im Kongresssaal ja auch damit zu tun, dass bis zum Dienstagnachmittag über das beherrschende Thema britischer Politik so wenig wie möglich gesprochen wurde. Die Innenministerin lobt die Polizei und verspricht schärfere Gesetze gegen Terror-Propagandisten im Internet. Der Gesundheitsminister lobt Ärzte und Krankenschwestern und verspricht mehr Nachwuchs. Der Finanzminister lobt die freie Marktwirtschaft und verspricht mehr Kredithilfen für junge Häuslebauer. Umgehend muss er sich, ausgerechnet von der „Financial Times“, dafür tadeln lassen: Dies werde lediglich die Preise im ohnehin gefährlich überhitzten Immobilienmarkt hochtreiben.

Wie aber die Jungwähler und Junggebliebenen zurückgewinnen, die bei der letzten Wahl in Scharen zur Labour-Opposition überliefen? Und jene Jungen, die seit dem Finanzcrash 2008 die brutale Sparpolitik der Regierung erleiden müssen, deren Reallöhne sinken, deren Aussichten auf ein eigenes Dach über dem Kopf gegen Null tendieren? 47 Jahre, so hat es der Meinungsforscher YouGov ermittelt, stellte im Juni die Grenze dar: Wer jünger war, wählte mehrheitlich Labour, die Älteren und ganz Alten mit immer größerem Vorsprung Tory.

Der Thinktank Bright Blue macht dazu eine Veranstaltung im ehrwürdigen Rathaus von Manchester, und auch diesmal ist der Saal gesteckt voll. Die Ratsuchenden sind also quicklebendig, immerhin. Freilich bleiben sie auch ratlos. Politik müsse „ein Dialog sein, kein Monolog“, teilt der schwarze Abgeordnete Sam Gyimah mit. Jungen Leuten müsse man „etwas Positives bieten“, beteuert Thinktankerin Laura Round. Und natürlich dürfe die Partei sie „nicht als Problem behandeln“, weiß Ex-Kabinettsmitglied David Willetts. Kreative Ideen, Lösungen gar sehen anders aus.

Vielleicht hat die Regierungschefin welche anzubieten, wenn sie an diesem Mittwoch zum Abschluss des Parteitages spricht. Gewiss wird dann die Halle voll sein, und pflichtschuldig werden die Delegierten ihrer Chefin stehende Ovationen bereiten. Bitter nötig hätte Theresa May ein wenig Aufwind: In der jüngsten Umfrage geben sich gerade mal 37 Prozent der Briten mit ihrer Amtsführung zufrieden.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Großbritannien

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