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Parteitag der Piraten Der effiziente Schwarm

Die Piraten gelten gemeinhin noch immer als eine recht chaotische Ansammlung von Sonderlingen. Doch auf ihrem Bundesparteitag in Neumünster zeigen sie ein Gespür für die öffentliche Erwartungshaltung.

Marina Weisband (M.) zusammen mit Gefion Thürmer (l.) und Wilm Schumacher. Foto: rtr

Die Piraten gelten gemeinhin noch immer als eine recht chaotische Ansammlung von Sonderlingen. Doch auf ihrem Bundesparteitag in Neumünster zeigen sie ein Gespür für die öffentliche Erwartungshaltung.

Die Schwarmintelligenz zeigt sich äußerst diszipliniert. Mehr als 2000 Piraten und einige wenige Piratinnen haben den Weg in die Holstenhalle von Neumünster gefunden, um einen historischen Parteitag der Piratenpartei zu erleben. Historisch nicht nur, weil zahlreiche Anträge zur Änderung der Satzung zu besprechen sind. Oder weil, wie jedes Jahr, ein neuer Vorstand zu wählen ist und nicht weniger als acht Kandidaten sich um das Ehrenamt bewerben. Historisch, weil die Piraten einen beispiellosen Aufstieg erleben, ihre Mitgliederzahlen innerhalb eines Jahres von 12 000 auf 28 000 mehr als verdoppelt haben – und bald in vier Landtagen sitzen könnten.

Eine strikte Versammlungsleitung führt die bunte Truppe, die gerade durch einen Spiegel-Titel zu Dilettanten geadelt wurde, ziemlich professionell durch einen ganzen Wust von Satzungsänderungsanträgen. Soll die Amtszeit des Vorstands auf zwei Jahre verlängert werden? Nein. Soll dem Vorstand ein unterstützendes Helfergremium zur Seite gestellt werden? Nein. Soll der Vorstand um zwei Posten erweitert werden? Ja. Soll das Schiedsgerichtsverfahren grundsätzlich überarbeitet werden? Hm, darüber muss länger und an anderer Stelle diskutiert werden.

Für jeden Antrag gibt es kurze Wortbeiträge, sie erörtern das Für und Wider. Schon beantragt ein Pirat die Befristung der Redezeit auf eine Minute. Die Mitglieder stehen in Reih und Glied vor dem Saalmikrofon und sprechen zum Thema. Irgendwann wird ein Ende der Rednerliste gefordert. Das Meer der blauen Stimmkarten (Ja) beweist, zu intensiv möchte der Schwarm die sperrige Materie nicht besprechen. So bleibt man im Zeitplan.

Selbst der Vorstand darf sich nur in fünfminütigen Beiträgen feiern, seine Arbeit bilanzieren und für eine Wiederwahl werben. Währenddessen wachsen die Schlangen an den Essensständen und vor der Männertoilette, die hier allerdings nicht so heißen dürfen, schließlich ist man post-gender: WC mit oder ohne Pissoir, heißt es piratisch korrekt.

Weisband warnt vor Selbstüberschätzung

Einzig Marina Weisband, die junge scheidende politische Geschäftsführerin der Partei, darf etwas aus der Masse herausstechen. Die hübsche 24-Jährige ist nicht mehr nur Star der Medien, sondern auch des kompletten Parteitags, was nicht allein daran liegt, dass sie in einer Art Hochzeitskleid auftritt und dem Klischee der Männer-Nerd-Partei so gar nicht entsprechen will. Weisband ist es auch, die auf sympathische Weise den Verein immer wieder vor Selbstüberschätzung, aber auch vor Selbstüberforderung warnt. Sie seien gut, sagt sie unter dem Jubel der Piraten, müssten aber noch besser werden. „Lasst uns“, ruft sie in den Saal, „einen geilen Vorstand wählen.“

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Die politischen Freibeuter gehen auch überraschend gelassen mit der Nachricht um, dass die Buchhaltung der Partei ziemlich chaotisch ist, der Jahresabschluss nicht mal annähernd vorliegt und die Kassenprüfer nicht einmal das erste Halbjahr 2011 eingesehen haben. Was bei Männergesangvereinen zu einer veritablen Vertrauenskrise führen könnte, ficht Piraten kaum an. Flugs wird die juristisch nötige Entlastung des Vorstands aufgeteilt in eine politische Entlastung, die gewährt wird, und eine finanziell haftende, die man den sieben Vorstandsmitgliedern verweigert.

Vor der Wahl des neuen Vorstands beschließt der Parteitag noch einstimmig einen Antrag, der sich klar gegen jede Leugnung des Holocaust und damit gegen rechtsextreme Umtriebe bei den Piraten wendet. Der Schwarm zeigt ein Gespür für die öffentliche Erwartungshaltung. Wenig ist das nicht. Der Parteitag läuft bis Sonntagabend.

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