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Parlamentswahlen in Afghanistan Kandidatur unter Todesangst

Bei den Parlamentswahlen in Afghanistan riskieren viele Bewerberinnen ihr Leben. Ihre Wahlplakate werden beschmiert und von den Mauern gerissen, sie werden als Prostituierte beschimpft und mit Morddrohungen überzogen.

Ein Wahlplakat der Kandidatin Nima Suratgar für die Parlamentswahlen in Afghanistan, aufgenommen am 8. September 2010 in Kabul. Foto: Ahmad Masood/rtr

Als Fawzia Gailani bei den Wahlen 2005 einen Sitz im afghanischen Parlament gewann, schlug ihr Ehemann sie grün und blau. „Er war eifersüchtig, weil ich mehr als 14.000 Stimmen bekam, aber er nur 160“, erzählt die 40-Jährige, das Haar mit einem schwarzen Tuch bedeckt. Trotzdem kandidiert sie nun in der westlichen Provinzhauptstadt Herat erneut für einen Parlamentssitz. Ihren prügelnden Ehemann hat sie verlassen. Doch dafür hat sie es heute mit einem weit tödlicheren Feind zu tun. Die Taliban entführten Ende August fünf ihrer Wahlhelfer. Man fand später ihre von Kugeln durchsiebten Leichen. Das Blutbad schockte das Land.

Die Attacke sei eine tödliche „Warnung an alle weiblichen Kandidaten“ gewesen, betont Jed Ober von Democracy International. Die Bedrohung von Kandidatinnen habe bei diesen Wahlen alarmierend zugenommen, warnen auch andere Organisationen. Noch nie haben sich so viele Frauen für Afghanistans Parlament beworben wie jetzt. Von den fast 2500 Kandidaten, die beim Wahlgang am Samstag um die 249 Sitze in der Wolesi Jirga, dem Unterhaus, buhlen, sind 430 Frauen. Viele riskieren ihr Leben. „Ich habe das Gefühl, ich stehe an vorderster Front eines Krieges“, beschreibt Gailani die Lage. „Aber ich schulde es meinem Land, weiter zu kämpfen. Und wenn ich dabei sterbe, teile ich nur das Schicksal der normalen afghanischen Frauen.“

Die Burka- und Kalaschnikow-Kultur lebt in vielen Köpfen weiter. Von einem fairen Wahlkampf kann keine Rede sein, am allerwenigsten für Frauen. Ihre Wahlplakate werden beschmiert und von den Mauern gerissen, sie werden als Prostituierte beschimpft und mit Morddrohungen überzogen. Wahlauftritte sind lebensgefährlich. Viele Frauen schicken Stellvertreter, um ihre Anhänger zu erreichen, oder sie funken ihre Wähler mühsam per Handy an.

„Zu den meisten Orten können wir nicht gehen, besonders nicht am Abend, um unsere Anhänger zu besuchen. Männer können überall hingehen“, klagt die 25-jährige Nachwuchs-Politikerin und Sportlerin Robina Jelali, die Afghanistan zweimal bei den Olympischen Spielen vertrat.

Neun von zehn Drohungen richten sich gegen Frauen

Selbst in der Hauptstadt Kabul sehen sich manche Kandidatinnen einer Hexenjagd ausgesetzt. Seit Nima Suratgar ihre Bewerbung einreichte, erlebt die 39-jährige Professorin einen Alptraum. „Ich erhalte täglich Mails und Anrufe von Männern, die drohen, mich zu töten, wenn ich meine Kandidatur nicht zurückziehe.“

Zwar werden auch männliche Kandidaten Opfer von Gewalt und Einschüchterung. Aber von zehn Drohungen richteten sich neun explizit gegen Frauen, meldet die Beobachterkommission Fefa. Eine Kandidatin musste ihre Kampagne in der Provinz abbrechen und nach Kabul fliehen. Dies spiegelt auch die Abwärtsspirale wider, in der sich das ganze Land befindet.

Doch die Einschüchterungskampagne geht nicht allein auf das Konto der Taliban. Auch viele Kandidaten sind wenig zimperlich. Statt auf Argumente setzen viele lieber auf Waffen oder Angstmache ? und können sogar mit dem Applaus konservativer Wähler rechnen. Frauen, die sich politisch engagieren, kratzen an der traditionellen Vormachtstellung der Männer. Das schürt Angst ebenso wie Wut. Auch neun Jahre nach dem Sturz der Taliban ist es um die Frauenrechte, mit denen der Westen unter anderem seinen Militäreinsatz zu rechtfertigen sucht, schlecht bestellt. Noch immer werden junge Mädchen zwangsverheiratet, wie Vieh verkauft. Frauen werden nicht selten wie Sklavinnen und Gebärmaschinen behandelt.

Auch auf die Regierung von Hamid Karsai können die Kandidatinnen kaum hoffen ? es sei denn, sie sind aufseiten Karsais. Human Rights Watch warf der Regierung vor, bedrohte Bewerberinnen nicht ausreichend zu schützen. Einige Frauen lehnen Hilfe von Regierungsseite von sich aus ab – sie trauen nicht mal den Sicherheitskräften.

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