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Parlamentswahl in Frankreich Die Demut der Sieger

Nach der massiven Stimmenthaltung in Frankreich frohlockt nicht mal Macrons Truppe.

Emmanuel Macron
Nur 43 Prozent der wahlberechtigten Franzosen gingen zu den Parlamentswahlen. Das drückt auf Macrons Stimmung. Foto: rtr

Am Tag nach den französischen Parlamentswahlen üben sich Sieger wie Verlierer in Demut. Dabei gäbe es durchaus Grund zu Stolz und Zuversicht. Die allseits angekündigte politische Erneuerung ist da. Für 75 Prozent der Gewählten ist der Einzug in die Nationalversammlung eine Premiere. Auch sind die Frauen auf dem Vormarsch. Statt bisher 27 stellen sie künftig 40 Prozent der Abgeordneten.

Wenn die Stimmung gleichwohl gedrückt ist, dann deshalb, weil die Mehrheit der Wähler sich verweigert hat. 57 Prozent der Stimmberechtigten sind am Sonntag zu Hause geblieben. Ein Rekord ist das in der 1958 gegründeten Fünften Republik. Und dann gibt das Votum der die Wahllokale aufsuchenden Minderheit auch noch wenig Anlass zu Genugtuung.

Nicht einmal die Bewegung des sozialliberalen Präsidenten Emmanuel Macron wollte am Montag frohlocken. Dabei hat République en Marche (LRM, Republik in Bewegung) zusammen mit der verbündeten Zentrumspartei Modem in der Nationalversammlung 350 der 577 Sitze erobert. Der zu Reformen entschlossene Staatschef kann sich auf die erhoffte absolute Mehrheit stützen. Aber im Regierungslager hatte man eben mehr erwartet. In letzten Umfragen waren LRM und ihrem Juniorpartner 430 bis 470 Mandate prophezeit worden.

Die Macronmanie, diese an Begeisterung grenzende, breite Zustimmung nach den ersten Auftritten des neuen Staatschefs, scheint abgeebbt zu sein. Laut ersten Wahlanalysen beginnt sie einer abwartenden, wenn nicht skeptischen Haltung zu weichen. Wer am Sonntag zu Hause blieb, mochte offenbar weder den als sicheren Wahlsieger geltenden Präsidenten stärken noch die von Richtungs- und Führungskämpfen gezeichneten Konservativen oder Sozialisten.

Macron, der den Wahlausgang mit Ministern und Beratern im Elysée-Palast verfolgt hatte, gab nach den Worten eines der anwesenden Getreuen die Losung aus: „Nicht triumphieren, sondern entschlossen und zügig an die Arbeit gehen.“

Dass im nordfranzösischen Amiens, wo Macron geboren und aufgewachsen ist, am Sonntag der Linksradikale François Ruffin ein Mandat errungen hat, dürfte die Stimmung zusätzlich gedämpft haben. Der für Jean-Luc Mélenchons Unbeugsames Frankreich (LFI) antretende Filmemacher ist für Macron ein rotes Tuch. Im Präsidentschaftswahlkampf waren die beiden in Amiens auf dem Parkplatz einer von Schließung bedrohten Firma aneinandergeraten.

Die Spitzen der konservativen Republikaner (LR) wie auch der Sozialisten (PS) konnten es sich am Montag sparen, ihre Mitstreiter vor triumphalen Äußerungen zu warnen. Beide Parteien haben so schlecht abgeschnitten wie noch nie in der Geschichte der Fünften Republik. Wobei die Konservativen mit 113 Mandaten immerhin nicht ganz so tief gestürzt sind wie befürchtet.

Republikaner sprechen vom Gefühl, nach einer Flutkatastrophe „immerhin die Möbel gerettet zu haben“. LR-Chef Bernard Accoyer versichert im Radiosender Europe 1, die zwischen Macron nahestehenden Liberalen und Rechtskonservativen zerrissene Partei „wird nicht explodieren“. Einer für Mittwoch anberaumten Krisensitzung soll im Spätherbst ein Parteitag folgen.

Der Sozialist Jean-Christophe Cambadélis sagt am Montag gar nichts mehr. Nach Verkündung der Wahlergebnisse hatte der PS-Chef am Vorabend den Parteivorsitz niedergelegt. Von der in der vergangenen Legislaturperiode den Staatspräsidenten und 284 Abgeordnete stellenden Traditionspartei ist nicht mehr viel übrig. Auf 30 Mandate ist sie gekommen, 5,2 Prozent der Parlamentarier sind das.

Nicht einmal Marine Le Pen mag sich recht freuen. Dabei hat die Chefin des Front National (FN) im dritten Anlauf in ihrer nordfranzösischen Hochburg Hénin-Beaumont endlich einen Parlamentssitz errungen. Mit ihr werden sieben weitere FN-Kandidaten in der Nationalversammlung sitzen. Aber Le Pen weiß, dass acht Sitze gleichwohl eine magere Ausbeute sind und die nach den Präsidentschaftswahlen aufgekommenen Zweifel an ihren Führungsqualitäten und dem von ihr verfochtenen Abschied vom Euro noch zunehmen dürften.

Und so ist es allein der Linksaußen Mélenchon, der am Montag selbstbewusst das Haupt hebt. Der Chef des Unbeugsamen Frankreichs deutet die Zurückhaltung des Wählers entschlossen als „bürgerlichen Generalstreik“ und sieht eine Revolution heraufziehen – mit ihm als Anführer.

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