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Papst in Irland Franziskus trifft ein wütendes Volk

Irland hat sich Schritt für Schritt von der katholischen Kirche emanzipiert. Und der Missbrauchsskandal überschattet den Besuch des Papstes massiv.

Wachsfigur von Papst Franziskus in Dublin
Franziskus-Double in Dublin: Eine Wachsfigur des Papstes ist schon da. Foto: dpa

Der Besuch von Papst Franziskus am Wochenende in Irland weckt bei treuen Kirchgängern wehmütige Erinnerungen an den ersten und bisher einzigen Papstbesuch in der Republik im Jahr 1979. Seit jener Zeit hat sich die damals streng katholische Gesellschaft grundlegend gewandelt: Die Kirche hat deutlich an Autorität verloren.

Als Papst Johannes Paul II., der „polnische Papst“, 1979 seine „Schäfchen“ in Irland besuchte, wurde ihm ein Empfang zuteil, wie er ihn kaum anderswo in der Welt hätte erwarten können. Von den damals knapp fünf Millionen Bewohnern der irischen Insel drängte die Hälfte auf die Straßen oder in die Parks und Kathedralen, in denen „JP2“ zu sehen war. Eine kollektive Begeisterung“erfasste die Insel.

In jener Zeit war die Stellung der katholischen Kirche noch unangefochten: Sie entschied in Moralfragen, gab die sozialen Regeln vor, kontrollierte das Schul- und Gesundheitswesen. Politik konnte nicht gemacht werden ohne Rücksicht auf das Verdikt von den Kanzeln der Nation.

An Priestern und Nonnen mangelte es noch nicht. Die Kirchen waren voll – und das nicht nur sonntags. Kein anderes europäisches Land hatte so große Familien, keines stand so fest zu den Lehren des Vatikans. Vehement verteidigten Irlands Kirchenfürsten ihren Einfluss.

Als sie Anfang der 80er Jahre alarmiert feststellten, dass der Staat erstmals (rezeptpflichtige) Verhütungsmittel zuließ, beschlossen sie, ein Exempel ihrer Macht zu statuieren. Beim berühmten „Abortion-Referendum“ von 1983 wurde das bereits existierende totale Abtreibungsverbot im Lande als neuer Artikel in die irische Verfassung aufgenommen – um es unangreifbar zu machen. Zwei von drei Iren stimmten damals, von der Priesterschaft und rechtskatholischen Verbänden angeleitet, für die Verfassungsänderung. Jahrzehntelang wagte kaum ein Politiker, sich der Weisung der Kirche in dieser sensitiven Frage zu widersetzen. Erst 35 Jahre später, im Mai 2018, wurde die Klausel mit einer „umgekehrten“ Zweidrittelmehrheit wieder aus der Verfassung gestrichen.

Die gesellschaftlichen Verhältnisse und Wertvorstellungen in Irland haben sich langsam, aber radikal gewandelt. 1995 wurde das Scheidungsverbot aufgehoben. 2015 überraschte die ehedem konservativste Nation ihre Nachbarn damit, dass sie als erstes Land der Welt per Referendum die Ehe für alle einführte – noch dazu mit einem klaren Ja von 62 Prozent. Irlands katholische Kirche hatte sich da längst selbst auf spektakuläre Weise ihrer Glaubwürdigkeit beraubt.

Den Anstoß für diesen Prozess hatten ausgerechnet zwei prominente Geistliche gegeben, die Papst Johannes Paul II. bei seinem Auftritt in der neuen Kathedrale von Galway, im Westen Irlands, zur Seite standen. Bischof Eamonn Casey und Father Michael Cleary, so stellte sich damals heraus, hatten jeweils versucht, intime Verhältnisse geheim zu halten, aus denen Kinder hervorgegangen waren.

Ihre Heuchelei, die viele Gläubige schockierte, war freilich noch nichts im Vergleich zum Horror des massenhaften Missbrauchs von Kindern durch irische Priester, der praktisch mit der Staatsgründung begonnen hatte und dessen Ausmaß den Iren den Atem verschlug.

Bis heute werden immer neue Fälle bekannt. Tausende von Anschuldigungen wurden untersucht und werden es noch. Viele Geistliche haben sich schwerster Verbrechen schuldig gemacht. Bischöfe halfen, die Taten zu vertuschen. Das haben nicht mal die gläubigsten Iren ihren Seelsorgern und der Kirchenhierarchie verziehen.

Open-Air-Messe in Dublin

Die Enthüllungen über die Behandlung unverheirateter Mütter und ihrer Kinder durch kirchliche Institutionen über Jahrzehnte hin beschädigten zusätzlich das Ansehen der Kirche zusätzlich. Und so hat die Kombination aus Kirchenskandalen und sozialen Reformen neue Realitäten in Irland geschaffen.

Der Anteil „nomineller“ Katholiken an der Bevölkerung ist von 95 auf 75 Prozent gesunken. Aber die Zahl der wirklich religiösen Iren liegt weit niedriger, als es die Statistik suggeriert. Zudem gehen der Kirche die Priester aus. Selbst der Erzbischof von Dublin, Diarmuid Martin, räumt inzwischen ein, dass der Katholizismus in Irland in den nächsten Jahren „unvermeidlich“ zu einer „Minderheitskultur“ werden wird.

Beim Besuch von Papst Franziskus in Irland hofft Martin noch einmal eine eindrucksvolle Menschenmenge mobilisieren zu können. Erwartet werden mehrere hunderttausend Menschen, wenn der Pontifex am Sonntag iin Dublin eine Open-Air-Messe zelebriert. Tags zuvor ist Franziskus Ehrengast beim katholischen „Welt-Festival der Familien“ im Stadion von Croke Park in der Hauptstadt.

Auch Erzbischof Martin weiß, dass sich der treue Kern der Gemeinden von Franziskus nicht nur päpstlichen Segen erhofft, sondern Antworten auf unbequeme Fragen.

Die irische Ordensfrau Marie Collins, selbst Opfer von Missbrauch, und mehrere Verbünde kündigten Proteste an. Collins hatte die päpstliche Kommission für den Schutz von Minderjährigen im vergangenen Jahr aus Protest verlassen. Der Deutschen Presse-Agentur sagte sie: „Es gibt immer noch eine Menge Wut.“

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