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Pakistan Im Zweifel Blasphemie

Die Regierung von Ministerpräsident Sharif geht immer härter gegen Kritiker im Internet vor.

Die kleine Schar der Zuhörer verliert sich in dem großen, hellen Raum des Cafés „The Second Floor“ in Pakistans Hafenmetropole Karatschi. Die Gäste applaudieren jeder Autorin und jedem Autor, die einen Auszug ihres Beitrags im Sammelband „Breakups“ vorlesen, dem ersten hier seit 2001 auf Englisch veröffentlichen Buch. Sex in der islamischen Nation kommt ebenso zur Sprache wie Blasphemie. Wehklagen über Korruption und Liebesgedichte, mit einer Portion Ironie gewürzt, folgen bei der Buchvorstellung des neugegründeten Mongrel-Verlags dicht aufeinander. Doch ein Thema ist tabu: Kritik an Pakistans Sicherheitskräften.

An den Wänden dienen Fotos von Sabeen Mahmud, der Gründerin des Intellektuellentreffpunkts, als eindrückliche Warnung vor dem Überschreiten des unausgesprochenen Verbots. Die junge Frau wurde im April in Karatschi auf der Straße erschossen, weil sie eine Informationsveranstaltung über Verfehlungen der Streitkräfte in der Provinz Belutschistan organisiert hatte.

Während der Buchvorstellung ist die schaurige Wirklichkeit immer präsent. Alle Besucher wissen: Wer Pakistans Behörden unangenehm auffällt, riskiert Vorwürfe wegen Blasphemie – Beleidigung des Koran.

Die Regierung in Islamabad ließ vor Wochen fünf Aktivisten frei, die rund 21 Tage als spurlos verschwunden galten. Mit einer Ausnahme verließen sie inzwischen das Land. Salman Haider, der prominenteste, blieb gezwungenermaßen. Die Behörden erließen ein Ausreiseverbot. Früher ein witziger und wortgewaltiger Kritiker pakistanischer Zustände auf Facebook und Twitter, schweigt er nun eisern über die Zeit in den Händen seiner Entführer. Den Geheimdiensten nahestehende Medien hatten behauptet, die Aktivisten seien wegen Blasphemie verhaftet worden.

Schließlich wagte sich der Aktivist Waqass Goraya Wochen nach seiner Freilassung und der anschließenden Flucht in die Niederlande an die Öffentlichkeit. „Wir wurden gefoltert“, schilderte er seine Zeit als „Verschwundener“, „wir wurden geschlagen, getreten und mussten stundenlang in anstrengenden Körperhaltungen verharren“. Hinter der Entführung der fünf soll Pakistans „Information Bureau“ (IB) gesteckt haben, eine Schwesterorganisation des berüchtigten Geheimdienstes ISI. Die Streitkräfte bestreiten jede Verantwortung.

„Die Entführung war eine typische Einschüchterungsaktion“, sagt ein Gast der Buchvorstellung, „die Botschaft: Das Militär darf nicht kritisiert werden.“ Pakistans lebhafte traditionelle Medien haben längst die Grenzen ihrer Freiheit akzeptiert und folgen den Richtlinien, die auf informellem Weg aus dem Militärhauptquartier in Rawalpindi übermittelt werden.

Facebook-Seiten blockiert

Nun werden auch die sozialen Medien an die Kandare genommen. Im März wurde die satirische Seite „Sarcasmistan“ auf Facebook ohne Begründung blockiert. Bereits seit Januar verhindert Islamabad, dass „Khabaristan Times“ gelesen werden kann. Beide Veröffentlichungen glänzten mit sarkastischen Kommentaren zur Lage in Pakistan.

Premier Nawaz Sharif verlangt jetzt von Twitter und Facebook, rund ein Dutzend Konten zu schließen. Der konservative Regierungschef, der während seiner ersten, 1999 durch einen Putsch beendeten Amtszeit die Todesstrafe für Beleidigung des Koran einführte, witterte Blasphemie. Osama Khilji, ein Internetaktivist, wagte sich dennoch an die Öffentlichkeit. Der Vorwurf der „Blasphemie ist ein Werkzeug, um kritische Ansichten zu unterdrücken. Die Regierung weiß das“, sagte er dem US-Sender VOA.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Pakistan

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