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Pädagogik Für Schulen ohne Mobbing

Im Rhythmus von zwei Jahren wird uns durch Pisa ein Spiegel vorgehalten. Damit Schüler sich wohlfühlen, brauchen sie zufriedene Lehrer. Aber das allein reicht nicht. Ein Gastbeitrag.

Mobbing in der Schule
15,7 Prozent der befragten Schüler sind mehrmals pro Monat von körperlicher oder seelischer Misshandlung durch Mitschüler betroffen. Foto: dpa

Dem „Pisa-Schock“ des Jahres 2001 sind wir unendlich dankbar. Denn dass Deutschland in den klassischen Schulleistungen, die im Jahr 2000 gemessen wurden, nur einen Mittelplatz erreichte, war so heilsam, dass die Politik bereit war, fortan mehr für die Schulen zu tun. Das zahlte sich aus. Von Studie zu Studie wurde Deutschland langsam immer besser.

Im Rhythmus von zwei Jahren wird uns durch Pisa ein Spiegel vorgehalten, und dazwischen auch immer wieder durch andere Studien wie Iglu, Timms, Desi, Delphi, Kess, Lau, Vera und wie sie alle sonst noch so heißen mögen, mal regional, mal national, mal international. Dabei dosiert die OECD-Pisa-Kommission mit ihrem Bildungsdirektor Andreas Schleicher ihre Botschaften immer ganz geschickt, damit trotz Banken-, Flüchtlings-, Kriegs- und Terrorkrisen der Motor, der Schulen besser machen soll, nicht lahmt. Daher gibt es nach jeder großen Pisa-Studie immer noch einen Nachklapp mit neuen, aber ganz andersartigen Botschaften. Die Studie 2015, die im vergangenen Jahr veröffentlicht wurde, ergab, dass Deutschland in Mathe und Naturwissenschaften leicht abgesackt war, aber in der Lesekompetenz der 15-Jährigen zugelegt hatte.

Bei Pisa 2015 hatten eine halbe Million Neuntklässler aus 72 Ländern teilgenommen. Was Deutschland danach wie schon bei sämtlichen Studien zuvor erneut vorgeworfen wurde, war: Die Leistungsfähigkeit unserer 15-Jährigen hängt anders als in anderen vergleichbaren Ländern weniger von so etwas wie Begabung oder Intelligenz ab, sondern vielmehr von ihrer sozialen Herkunft. Ein Merkmal unserer Schulen scheint zu sein, dass Milieu und Biografie stärker durchschlagen als das, was die Schule und ihre Lehrkräfte tun.

In dem gestern in Berlin vorgestellten Nachklapp zur Studie 2015 geht es erstmals nicht um kognitive Leistungsaspekte, sondern um das Wohlbefinden von Neuntklässlern in ihrer Schule. Dazu wurden 10 000 Schüler befragt. Ein Ergebnis: 15,7 Prozent sind mehrmals pro Monat von körperlicher oder seelischer Misshandlung durch Mitschüler betroffen. Jungen deutlich häufiger als Mädchen, die hingegen mehr unter Ausgrenzung leiden. Fazit von Andreas Schleicher: „Da hilft nur noch eine Null-Toleranz-Praxis“ gegenüber dem Anbeginn von gewalttätigem Verhalten in Klasse 1.

Nun ja, es gibt ja eine Definition für gute Schulen: Gute Schulen erkennt man erstens daran, dass im herkömmlich Kognitiven außerordentlich viel gelernt wird, dass sie zweitens (zumindest in Städten) mehr Anmeldungen als Plätze haben und dass sich drittens sowohl die Schüler als auch die Lehrkräfte in ihnen sehr wohlfühlen. Dabei fällt auf, dass sich Schüler in Schulen, in denen sich die Lehrkräfte wohlfühlen, auch wohler fühlen.

Und Lehrkräfte fühlen sich wohler, wenn sie im Konsens arbeiten, also an einem Strang ziehen, wenn sie angemessen bezahlt werden, wenn sie weniger Wochenstunden zu unterrichten haben (Deutschland ist in Sachen Wochenunterrichtszeit der Lehrkräfte immer noch Europameister: bis zu 29 Wochenstunden in Hessen; in Finnland sind es im Schnitt 16 Wochenstunden). Und wenn sie das machen dürfen, was sie für erforderlich halten, das heißt, wenn es eine geringere Lehrplananbindung gibt. Schulen, die einen geschlossenen Bildungsgang vom fünften Lebensjahr (Vorschule) an oder von der 1. Klasse bis zum 16. Lebensjahr oder auch bis zum Abitur anbieten, haben immer weniger Gewalt bzw. Mobbing als Schulen, die erst mit Klasse 5 oder 7 beginnen. Es war also eine Todsünde, ausgebauten Schulen die Grundschule wegzunehmen! Primarstufen sind nun mal für das gewaltarme Gelingen von Sekundarstufen unverzichtbar, zumal wenn es auch um Gewaltprävention gehen soll.

Die früher bewährte Arbeitsteilung, mit der die Familie erzog und die Schule bildete, funktioniert heutzutage schon bei etwa 60 Prozent der Erstklässler nicht mehr. Der erzieherische Rahmen des schulischen Wirkens muss also deutlich gestärkt werden, damit es mit der Bildung wieder klappt, und das bedeutet:

– Wir müssen Kinder früher schulisch erreichen, also spätestens mit fünf Jahren; besser wäre wie in den Niederlanden und in Luxemburg schon mit drei Jahren. Nur eine obligatorische Vorschule, die der Staat bezahlt, könnte die von Schleicher gewünschte Null-Toleranz zustande bringen, und zwar mit dem Motto guter Erzieherinnen, Sozialarbeiter und Grundschullehrerinnen: „Karl-Heinz muss von Anfang an spüren, dass er an mir nicht vorbeikommt.“

– Wir brauchen flächendeckend Ganztagsschulen, um mehr Zeit für eine nachgereichte Erziehung über Bildung hinaus bieten zu können, und um Lernen mit dem notwendigen Wechsel von Anspannung und Entspannung erfolgreicher rhythmisieren zu können.

– Lehrkräfte und gleichbezahlte Sozialpädagogen, von denen jede Schule wie auch von Sonderschullehrkräften wesentlich mehr als bislang benötigt, müssten – wie es die kanadischen Schulen mit den „parent raps“ machen – den Eltern bei der Erziehung zu helfen vermögen, indem diese Bemühungen genau wie Unterricht auf die Arbeitszeit angerechnet werden.

Prof. Dr. Peter Struck ist Erziehungswissenschaftler an der Universität Hamburg.

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