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Oxfam Machtmissbrauch ist kein Einzelfall

Nach dem Sexskandal von Oxfam räumen nun weitere Hilfsorganisationen Übergriffe ein. Eine Aktivistin beklagt das Schweigekartell von Männern bei Oxfam & Co.

Oxfam-Residenz
Jetzt bitte keine Presse. Die Oxfam-Residenz in Petion Ville, Port-au-Prince, Haiti. Foto: afp

Nach dem Oxfam-Skandal bahnt sich eine Lawine der Schuldbekenntnisse in der Welt der Hilfsorganisationen an: 24 bestätigte Fälle von sexueller Belästigung und sexuellem Missbrauch machte die Nichtregierungsorganisation (NGO) Ärzte ohne Grenzen am Mittwoch aus ihren Reihen bekannt. Die NGO, die ihren Hauptsitz in Frankreich hat, ist eine der größten weltweit und bietet medizinische Betreuung in Konfliktgebieten an. Am Donnerstag folgte das International Rescue Committee mit Hauptsitz in New York und meldete drei Fälle von sexuellem Missbrauch in der Demokratischen Republik Kongo. Kein Ende nehmen die Vorwürfe bei der britischen NGO Oxfam: Ihre Mitarbeiter sollen in Haiti und dem Tschad Orgien mit möglicherweise minderjährigen Prostituierten gefeiert, von Schutzbedürftigen Sex im Austausch gegen Hilfsgüter erpresst und an anderen Standorten eigene Kolleginnen belästigt haben.

Inge Bell, stellvertretende Vorsitzende der Hilfsorganisation Terre des Femmes, überraschen diese Vorwürfe nicht: „Ich schätze die Dunkelziffer sehr hoch ein.“ Wurzel der krankhaften Systeme seien Männer im Auslandseinsatz, die zum Teil „entgleisen, ihre Macht missbrauchen und pure sexualisierte Gewalt gegen die Schwächsten anwenden – Mädchen und Frauen“. NGOs, UN-Blauhelme und Nato-Truppen hätten allesamt dasselbe Problem. Missbrauchsfälle, auch von Kindern, durch NGO-Mitarbeiter oder Blauhelme sind unter anderem aus Liberia, Guinea, Sierra Leone, dem Kongo, der Zentralafrikanischen Republik, Sudan, Südsudan, Griechenland und Haiti bekannt.

Wie wenig einigen vermeintlichen Helfern ihre Machtposition in Krisenregionen bewusst ist, beweist der Telefonanruf eines ehemaligen Oxfam-Mitarbeiters bei einem britischen Sender. Er habe während des Jugoslawien-Kriegs für die NGO in Bosnien gearbeitet. „Normale Frauen klopfen dort an dein Taxi und bieten dir Sex für 40 Zigaretten an.“ Einen Grund, die illegalen Angebote, die vor allem von Not getrieben sind, abzulehnen, sieht er nicht: „Ich war Single, sie wollten es, welches Recht habt ihr, mich zu kritisieren? Kommt runter von eurem hohen Ross.“

„Es ist besonders zynisch, wenn die Garanten der Menschenrechte diese mit Füßen treten“, sagt Inge Bell. Die lokale Bevölkerung empfinde die Mitarbeiter der NGOs dann zurecht als „Botschafter des schlechten Geschmacks und der Doppelmoral“. Von Seite der ausländischen Fachkräfte, die eigentlich helfen sollen, haben die Einheimischen keine Unterstützung zu erwarten. Dort sei der Missbrauch meist ein offenes Geheimnis: „Jeder weiß es, die NGO-Mitarbeiter, die Soldaten, sogar die Journalisten. Aber die Männer schweigen.“ Als Bell, damals noch ARD-Auslandsreporterin, Bordell-Besuche, auch bei minderjährigen Prostituierten, der deutschen UN-Friedenstruppen im Kosovo und Mazedonien aufdeckte, habe ein Kollege sie scharf kritisiert: „Du weißt schon, was du damit unseren Truppen antust?“

Vertuschung wird jetzt auch der Oxfam-Führung vorgeworfen: Die Vorfälle aus dem Jahr 2011 sollen an der Spitze der Organisation seit langem bekannt gewesen sein – die Mitarbeiter wurden stillschweigend entlassen oder hätten sogar kündigen dürfen. „Es gibt eine Kultur des Leugnens, besonders bei Hilfsorganisationen“, sagt Bell. Denn ein Missbrauchs-Skandal habe in der Außenwirkung für NGOs sehr viel größere Konsequenzen als für andere Unternehmen. „Die einzige Währung einer NGO ist das Vertrauen der Menschen in sie. Und der Verlust von Vertrauen ist gleichzusetzen mit dem Verlust von Geldern.“ 1800 Spender haben bereits erklärt, ihre Unterstützung für Oxfam zu streichen. Das britische Parlament diskutiert ferner, die Förderung durch den Staat, die gut ein Viertel des Budgets ausmacht, zu kürzen oder zu streichen.

Das Streichen von Mitteln hält Bell für ein „zweischneidiges Schwert“. Denn der Einsatz der Hilfsorganisationen sei wichtig und nötig. Eine Verknappung der Mittel könne die Lage auch verschlechtern. Wichtiger sei, Organisationen dazu zu verpflichten, Straftaten sofort der Justiz in den Heimatländern zu melden – und nicht nur mit Entlassungen zu reagieren: „Man muss lückenlos aufklären und strafverfolgen.“ Bell plädiert außerdem für eingehendere Schulungen vor den Einsätzen und Sensibilisierung der Mitarbeiter für die Notlage der lokalen Bevölkerung, vor allem in Hinblick auf Frauenrechte.

Sie hofft, auch wegen der Debatte um #Metoo und Machtmissbrauch in Hollywood, auf nachhaltigen Wandel im Hilfssektor: „Die Zeit des Schweigens ist vorbei.“

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