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Ostukraine Terror im Donbass

Eine Ärztin aus Donezk verschwindet und wird später von den Rebellen als ukrainische Spionin präsentiert – nur ein Beispiel für Willkür in der Separatistenregion.

Ukraine
Eine Patrouille der Regierungstruppen in einem ostukrainischen Dorf, Dezember 2017. Foto: rtr

Wer weiß, ob sie insgeheim mit der Ukraine sympathisierten oder stattdessen fest an die Donezker Rebellenrepublik DNR glaubten? Wie die meisten Bürger von Donezk redeten sie nicht viel über Politik. Aber auf jeden Fall sind Jelena Lasarewa (50) und Andrej Kotschmuradow (46) geblieben, als im April 2014 im Donezk der prorussische Aufstand gegen die Ukraine ausbrach. Die Stadt war ihr ganzes Leben: ihre Arbeit als Ärztin, sein Internetgeschäft, der Sohn, die zwei Enkel. Sie besaßen eine Eigentumswohnung, fuhren zwei französische Mittelklasseautos, ihr Sohn arbeitete in der republikanischen Bank. Eine Donezker Familie, die trotz des Krieges fest auf den Beinen stand. Bis zu jenem Tag Mitte Oktober.

Auf den Videos, die DNR-Fernsehsender im Dezember ausstrahlten, wirken die Gesichter der beiden nicht reuig oder panisch. Sie drücken eher Gehorsam aus und das Bemühen, ein logisch schlüssiges Geständnis aufzusagen. Man scheint ihren Selbstverteidigungswillen gründlich gebrochen zu haben.

Nach Angaben des MGB, des Stasi-Ministeriums der Aufständischen, hatten Beamte des ukrainischen Geheimdienstes SBU das Ehepaar an einer ukrainischen Straßensperre festgenommen, ihm wegen einer Dashcam im Auto ein Strafverfahren angedroht und beide so als Spione angeworben. Vor Fernsehkameras berichtet die Ärztin Lasarewa: „Seit Juli 2016 bis in die Gegenwart habe ich über Whatsapp SBU-Mitarbeitern regelmäßig Informationen über die Wehrdienstleistenden geliefert, die sich zur Behandlung in unserer Abteilung aufhielten.“ Die Ukrainer hätten Personalien, Truppenteile, Adressen und die Verletzungen der Patienten interessiert. „Im Rahmen meiner Arbeitstätigkeit hatte ich Zugang zu dieser Art von Information.“ Andrej erklärt, von ihm hätten die SBU-Leute die Kundendatei des Providers verlangt, für den er arbeitete.

Einziger Schönheitsfehler im öffentlich inszenierten Geständnis: Lasarewa sagt, der SBU habe sie und ihren Mann im Juli 2016 angeworben, letzterer nennt den Dezember 2016. Als hätte man beiden erfundene und schlampig abgeglichene Bekenntnisse diktiert.

Die Rebellenkanäle zeigen regelmäßig TV-Geständnisse. Nach eigenen Angaben klärte das MGB dieses Jahr 45 Fälle auf, in denen es um Vaterlandsverrat und Spionage ging. 14 Personen erhielten Haftstrafen zwischen zwölf und 18 Jahren. Sehr viele Menschen in der DNR leben in Angst, sie könnten verschleppt, festgenommen, gefoltert und als Verräter drakonisch bestraft werden. Wie Jelena Lasarewa.

Die Ärztin kehrte Mitte Oktober von einer Gedächtnisfeier für ihre verstorbene Mutter nicht aus dem ukrainisch kontrollierten Pokrowsk zurück. „Sie hatte eine Straßensperre der DNR passiert und rief ihren Sohn an, sie sei fast zu Hause“, erzählt ein früherer Kollege Andrej Kotschmuradows. „Aber dann rief sie ihren Mann an: ,Es gibt Probleme, du musst kommen und das klären’.“ Danach verschwand das Paar mitsamt seinen Autos.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Ukraine

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