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Ostermarsch Von der Bombe zum Kraftwerk

Die Ostermarschierer bewegte schon immer die atomare Vernichtung. Der Ursprung der Bewegung liegt im Kalten Krieg. Ein Rückblick.

25.04.2011 18:59
Astrid Hölscher
Von London nach Aldermaston: der erste Ostermarsch 1958. Foto: Getty Images

Die Ursprünge der Ostermarsch-Bewegung liegen im Kalten Krieg, als der Westen offiziell gegen die Sowjetunion auf Abschreckung mittels Atomwaffen setzte. Gegen diese Staatsdoktrin wandte sich die britische „Kampagne für nukleare Abrüstung“, die Anfang 1958 gegründet wurde. Ihr Präsident war Lord Bertrand Russell, Mathematiker, Philosoph, Pazifist und Literatur-Nobelpreisträger. Zu Ostern 1958 startete die Kampagne unter dem Motto „Ban the bomb“ den ersten Zug von London zum 80 Kilometer entfernten Atomforschungszentrum Aldermaston.

In Deutschland griff Konrad Tempel die Idee auf. Der Hamburger Lehrer und Quäker, der 1959 in Aldermaston dabei war, organisierte Ostern 1960 mit Freunden einen Sternmarsch zum Truppenübungsplatz Bergen-Hohne in der Lüneburger Heide. Anlass war die Nachricht, dass dort Atom-Raketen vom Typ „Honest John“ getestet werden sollten. Aus Hamburg zogen 120 Pazifisten von Karfreitag bis Ostermontag zum 90 Kilometer entfernten Heideort. Gruppen von Kriegsdienstverweigerern aus Bremen, Braunschweig, Göttingen und Hannover stießen hinzu. Prominente Unterstützer des ersten Ostermarschs waren der Theologe Martin Niemöller, die Publizisten Erich Kuby und Robert Jungk; später folgten weitere wie der Verleger Ernst Rowohlt, die Schriftsteller Erich Kästner und Stefan Andres.

Höhepunkt 1968

Von Jahr zu Jahr fand der Marsch zunächst mehr Anhänger. Zu den ethisch-religiös Motivierten gesellten sich nach dem KPD-Verbot heimatlos gewordene Kommunisten, aber auch Sozialdemokraten, die dem Boykott-Beschluss ihrer Partei gegen den Ostermarsch trotzten. Waren es 1960 zunächst rund tausend Teilnehmer, stieg deren Zahl schon 1961 auf 23000 an. 1964 wurde es sechsstellig mit 100000 Protestierern auf 280 Einzelveranstaltungen, 1967 kamen rund 150000 Menschen zu 800 Märschen. Doppelt so viele waren es Ostern 1968, aber da hatte sich der Charakter der Märsche schon gewandelt. Studenten waren zu Wortführern avanciert. Kurz nach dem Attentat auf Rudi Dutschke richtete sich der Protest nicht mehr ausschließlich gegen Atomwaffen, sondern auch gegen den Axel-Springer-Verlag.

Danach verlief sich die Ostermarsch-Bewegung, entzweit über den Prager Frühling und dessen gewaltsame Niederschlagung sowie über Willy Brandts Ostpolitik. Ihre erste Wiedererweckung erlebte die Protestform mit der Friedensbewegung Anfang der 80er Jahre. Gegen den Nato-Doppelbeschluss und die Stationierung von Mittelstreckenraketen auf deutschem Boden zogen wieder Massen durch die Städte, nicht nur, aber zunehmend auch an Ostern. Je eine halbe Million dürfte es gewesen sein 1982 sowie 1983.

Die Grünen wurden gegründet und beanspruchten das pazifistische Erbe. Der Kalte Krieg wurde beerdigt, Deutschland wieder vereint. Einige Unentwegte, die einander mit Namen begrüßen konnten, demonstrierten weiter zu Ostern. Sie wandten sich gegen das Bombodrom in der Wittstocker Heide und den Irak-Krieg, und wenn es 10.000 waren bundesweit, so waren es viele. Bis zu diesem Jahr 2011.

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