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Organspenden Organspenden - der Übervater soll aufräumen

Interimschef Rainer Hess soll die Stiftung Organtransplantation aus der Vertrauenskrise holen. Hess gilt als freundlich, aber hart in der Sache

Die Stiftung Organtransplantation (DSO) ist in Deutschland für Organspenden verantwortlich und steckt nach verschiedenen Skandalen in einer schweren Vertrauenskrise. Foto: dpa

Seine neuen Schützlinge sind todkrank, doch die Chance auf schnelle Hilfe ist so gering wie lange nicht. Viel Zeit hat auch Rainer Hess nicht. Ein Jahr hat er bekommen, um in einer Organisation aufzuräumen, die in einer schweren Vertrauenskrise steckt: Bis Ende des Jahres übernimmt Hess kommissarisch die Leitung der Stiftung Organtransplantation (DSO), die in Deutschland für die Organisation von Organspenden verantwortlich ist. 72 Jahre alt ist Hess bereits. Doch einen Besseren für diese Aufgabe, da sind sich ausnahmsweise alle Gesundheitsexperten einig, hätte man nicht finden können.

Als eine Art Übervater des deutschen Gesundheitssystems ist Hess immer wieder bezeichnet worden. Acht Jahre lang, bis zum vergangenen Sommer, leitete er das mächtigste Gesundheits-Gremium der Republik: Den Gemeinsamen Bundesausschuss. Diese Institution, häufig auch „kleiner Gesetzgeber“ genannt, bestimmt darüber, welche Medikamente und Behandlungsmethoden von den gesetzlichen Krankenkassen bezahlt werden.

Obwohl – oder gerade weil – Hess kein Mediziner ist, er hat Mathematik und Jura studiert und im Steuerrecht promoviert, entwickelte sich der Ausschuss unter seiner Leitung zu einem fair arbeitenden, transparenten Gremium. Als „Mann des Ausgleichs“ bezeichnet er sich auch selbst. Dabei wurde seine Ernennung 2004 kritisch gesehen. Denn Hess arbeitete davor fast 30 Jahre als Ärztefunktionär, allein sechs Jahre war er als Hauptgeschäftsführer der Kassenärztlichen Bundesvereinigung ein einflussreicher Lobbyist in Berlin. Als Ausschuss-Chef wurde er später jedoch gerade wegen seiner Überparteilichkeit gelobt.

Der als geschickter Verhandler geltende Hess ist stets freundlich, aber hart in der Sache. Als es etwa 2006 zu einem erbitterten Streit über neue, teure Insuline für Diabetiker kommt, die der Ausschuss aus der Kostenerstattung herausnahm, bleibt er trotz der Angriffe von Pharmaindustrie und Patientenverbänden konsequent. Es gehe darum, das medizinisch Notwendige zu gewährleisten, dabei müssten Kosten und Nutzen aber in einem angemessenen Verhältnis stehen, betonte Hess immer wieder.

Der Hobbyruderer und Vater von vier Kindern ersetzt nun den bisherigen DSO-Vorstand Günter Kirste, dem nicht nur Vetternwirtschaft und Verschwendung vorgeworfen wurden. Kirste hat die Stiftung nach dem Motto geführt, Transparenz schadet nur der Spendenbereitschaft. Die bekanntgewordenen Betrügereien spielte er als bedauerliche Einzelfälle herunter. Hess stellt dagegen die richtigen Fragen: „Steckt dahinter ein System? Sind Kliniken auf mehr Transplantationen angewiesen, um ihre Ökonomie zu stützen?“ Er sagt aber auch: „Wir hatten den Ärzten offenbar zu viel Vertrauen geschenkt.“ Seine Aufgabe ist es jetzt, die Stiftung Organtransplantation so umzugestalten, dass sie künftig transparent agiert und besser kontrolliert werden kann. Sein Vorgänger Kirste hat von ihm aber nichts zu befürchten: „Ich werde nicht in der Vergangenheit wühlen.“

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