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Organhandel Kosovo-Krieg Verschleppt und ausgeweidet

Im Kosovo-Krieg sollen serbische Gefangene von albanischen UCK-Kämpfern nach Albanien verschleppt, dort getötet und ihre Organe auf dem Schwarzmarkt verkauft worden sein. Serbien präsentiert einen Kronzeugen.

13.09.2012 16:43
Frank Herold
Serbiens Staatsanwalt Vladimir Vukcevic gibt sich überzeugt. Foto: dapd

Serbien ist überzeugt, endlich Beweise für den illegalen Organhandel während des Kosovo-Krieges 1999 vorlegen zu können. „Wir haben einen Kronzeugen“, sagte der für die Verfolgung von Kriegsverbrechen zuständige Belgrader Staatsanwalt Vladimir Vukcevic in dieser Woche. Am Tag darauf strahlte der staatliche Belgrader TV-Sender RTS ein Interview mit einem mutmaßlichen Mittäter der Verbrechen aus. Im Kosovo-Krieg sollen serbische Gefangene von albanischen UCK-Kämpfern nach Albanien verschleppt, dort getötet und ihre Organe auf dem Schwarzmarkt verkauft worden sein.

Grauenvolle Details

Der mutmaßliche Zeuge schilderte ein solches Szenario in allen grauenvollen Details. Er selbst, so sagte der nur als Schatten erscheinende Mann, habe einem lebenden serbischen Gefangenen mit einem Skalpell die Brust aufgeschnitten und das Herz freigelegt. Wie dieser Eingriff auszuführen sei, habe ihm, einem einfachen UCK-Kämpfer, vorher ein Arzt gezeigt. Als er das Herz in einen Kühlbehälter gelegt habe, habe es noch geschlagen. Nach seiner Kenntnis sei das Herz später auf dem Flughafen von Tirana an einen Käufer übergeben worden. Der Interviewte sprach albanisch, seine Aussagen gab der Sender mit serbischen Untertiteln wider.

Die EU hat 2010 eine Gruppe von Sonderermittlern beauftragt, den Vorwürfen über illegalen Organhandel nachzugehen. Sie gehen auf Geheimdiensthinweise zurück, die bereits seit 2003 vorliegen sollen. Öffentlich machte sie die frühere Chefanklägerin des Jugoslawien-Tribunals, Carla Del Ponte, vor drei Jahren in einem Buch. Eine Passage darin sorgte vor allem für Aufregung. Es gebe glaubwürdige Hinweise, hatte Del Ponte geschrieben, dass albanische UCK-Rebellen aus dem Umfeld des heutigen Regierungschefs Hasim Thaci bis zu 300 Serben nach Nordalbanien verschleppt haben sollen. Dort sollen den Menschen bei lebendigem Leibe Organe entnommen worden sein.

EU-Ermittler sind irritiert

Am angeblichen Tatort 36 Kilometer nördlich von Tirana sind später tatsächlich Blutspuren, Muskelentspannungsmittel und Spritzen gefunden worden. Für eine Anklageerhebung reichten die Indizien jedoch nicht aus. Vor zwei Jahren ging auch der Schweizer Parlamentarier im Auftrag des Europarates dem mutmaßlichen Organhandel nach. Er bestätigte Del Ponte und fügte unter Berufung auf Zeugenaussagen weitere schaurige Details hinzu. Allerdings weigert er sich bis heute, seine Gewährsleute öffentlich zu präsentieren, weil deren Sicherheit nicht umfassend garantiert werden könne.

Kosovo und Albanien wiesen die Anschuldigungen wiederholt zurück, sie seien lediglich der propagandistische Versuch, beide Länder zu diskreditieren. Sie stimmten jedoch grundsätzlich Ermittlungen zu. Eulex, die Rechtsstaatsmission der EU hat nun vor einem Jahr ein eigenes Ermittlungsteam eingesetzt, das der US-Staatsanwalt John Clint Williamson leitet. Dessen Büro zeigte sich irritiert von der plötzlichen Präsentation eines Kronzeugen im serbischen Fernsehen. Beim nächsten Treffen mit der serbischen Staatsanwaltschaft werde man Zugang zu dem mutmaßlichen Mittäter verlangen, hieß es aus Williamsons Büro.

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