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Opposition in Russland Ein It-Girl gegen Putin

Der erste Star des Wahlkampfs in Russland ist das Moskauer It-Girl Xenia Sobtschak - sie schlägt sich einerseits überraschend gut, andererseits nimmt sie sich nicht ernst.

Xenia Sobtschak
Sie kennt Wladimir Putin seit ihrer Kindheit: Xenia Sobtschak. Foto: rtr

Wir haben internationale Verträge gebrochen, im Grunde sind wir über unseren kleinen Nachbarn hergefallen“, ereifert sich Xenia Sobtschak. „Die Ukraine hat auf ihre Atomwaffen verzichtet, im Vertrauen auf die Großmacht, für die wir uns halten …“ „Warum erzählen Sie solche Räuberpistolen“, ruft Anatoli Kusitschew, Moderator einer staatlichen Talkshow dazwischen, „in der Ukraine hat es nie Atomwaffen gegeben!“ Eine glatte Lüge. Xenia übertönt ihn: „Darf ich ausreden? Haben wir 1996 einen Vertrag mit der Ukraine unterschrieben?“ „In der Ukraine gibt es keine Atomwaffen!“, beharrt Kusitschew. Sein Comoderator Artjom Scheinin hat sich derweil eine Clownsnase mit Brille und Schnauzbart übergestülpt, gröhlt grinsend dazwischen: „Xenia, Sie sind die Größte!“

Xenia Sobtschak, 36, selbst Moderatorin, und jetzt liberale Präsidentschaftskandidatin, tourt seit Wochen durch die politischen Shows der russischen Staatssender. Mal attackieren die Gastgeber sie mit Fastnachtströte und Falschaussagen, mal versuchen sie, Xenia niederzuschreien, vergeblich. Sie verschafft sich immer wieder Gehör, auch mit der in Russland äußerst unpopulären These, die Krim gehöre völkerrechtlich zur Ukraine. Sobtschak ist die erste reale Oppositionspolitikerin seit 20 Jahren, die sich ausführlich im Staatsfernsehen äußern darf, der erste Star des russischen Präsidentschaftswahlkampfes.

Die Wirtschaftszeitung „Wedomosti“ hat Sobtschak schon als zentrale Unperson dieses Wahlkampfes identifiziert: Sie solle wie sonst einzelne amerikanische Journalisten in den Diskussionsrunden der staatlichen Kanäle von der Mehrheit der Moderatoren und Studiogäste zerfetzt und ausgelacht werden. „Die Show ,Wahlkampf‘ braucht einen echten Demokraten, der der russischen Gesellschaft und dem Ausland anschaulich zeigt, wie zutiefst unpopulär bei uns Liberalismus und Demokratie sind.“

Niemand in Russland bezweifelt, dass Wladimir Putin die Wahlen im März gewinnen wird. Aber kremlnahe Quellen verlautbaren, die Staatsmacht strebe ein Vertrauensvotum des Volkes an: 70 Prozent Stimmen für Putin bei 70 Prozent Wahlbeteiligung.

Alexej Nawalny darf nicht antreten

Alexej Nawalny, Putins aggressivster Widersacher, darf nicht kandidieren. Damit die Langeweile sich in Grenzen hält und die Beteiligung nicht wie bei den Duma-Wahlen 2016 unter 50 Prozent rutscht, hat der Kreml das altbekannte Teilnehmerfeld umgekrempelt: Dauerkandidaten wie Sergej Mironow, Chef der Duma-Partei „Gerechtes Russland“ und Gennadi Sjuganow, der Führer der Kommunisten, treten dieses Jahr nicht an. Statt Sjuganow startet Pawel Grudinin, patriotischer Blogger und Direktor der Erdbeer-Sowchose „Lenin“ bei Moskau.

Wie Sobtschak darf auch er im Staatsfernsehen auftreten, auch er findet dort kritische Worte, vor allem für die Oligarchen in Putins Umgebung. Nun diskutieren die Experten, ob Sobtschak und Grudinin die liberalen und linken Wähler auf Trab bringen sollen. Oder ob gar der Kreml, wo inzwischen Sergej Kirijenko, ein vergleichsweise liberaler Technokrat, für Innenpolitik zuständig ist, mehr Pluralismus wagen möchte.

Schon wird im liberalen Lager zunehmend Bewunderung für die Nerven und Schlagfertigkeit der Einzelkämpferin Sobtschak bei ihren TV-Auftritten laut: „Niemand hat so argumentiert, offen und mutig vor einem großen Publikum gesprochen wie sie“, bloggt der Karikaturist Andrej Bilscho. „Und sie tritt vor Menschen auf, die so etwas noch nie gehört haben. Steter Tropfen höhlt den Stein.“

Skeptiker verweisen darauf, dass der Kreml bei den Präsidentschaftswahlen 2012 den demokratisch gesonnenen Milliardär Michail Prochonow als Gegenkandidat starten ließ. Er gewann fast acht Prozent, stieg dann aber wieder aus der Politik aus – offenbar auf Druck von oben.

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