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Opfer der Franco-Diktatur Der Korbflechter von Villanueva

150.000 Opfer der Franco-Diktatur wurden anonym verscharrt. Wie eine Enkelin dem Schicksal des ermordeten Großvaters nachspürt.

22.02.2012 16:57
Von Shelina Islam
Die sterblichen Überreste des Korbflechters Antonio Fernández nach der Exhumierung. Er wurde 1936 von Franco-Milizen ermordet. Foto: Bodo Marks

Es ist Vormittag, die Sonne scheint über die Bergkette. Unterhalb des Kilometersteins 13, nicht weit von dem nordspanischen Bergdorf Villanueva de Valdueza entfernt, gräbt ein kleiner Bagger sich langsam durch den Schieferboden. Der 28-jährige Archäologe René Pacheco blickt konzentriert in die gut ein Meter tiefen Furchen. Jede Erdschicht, die die Baggerschaufel abträgt, kann einen Hinweis geben, kann Knochen freilegen, Reste von Kleidungsstücken, Knöpfe, Patronenhülsen.

76 Jahre ist es her, seit General Francisco Franco gegen die spanische Republik putschte, bis 1975 herrschte sein faschistisches Regime. Bauern, Intellektuelle, Andersdenkende – Francos Milizen trieben sie zu Tausenden auf Lastwagen, folterten und mordeten, verscharrten die Leichen vor den Toren der Städte. Heute, 37 Jahre nach dem Tod des Diktators, liegen noch immer geschätzte 150 000 Opfer in anonymen Massengräbern. Der 1977 geschlossene „Pakt des Schweigens“ sollte Spaniens Politik und Gesellschaft in demokratische Bahnen lenken, der Preis dafür war die Tabuisierung der Vergangenheit. Vor ein paar Jahren begannen die Enkel der Ermordeten, das Schweigen zu brechen, in das sich Spanien seit dem Ende der Franco-Zeit hüllt. Sie fordern ein Ende der Straflosigkeit für die Täter.

Spurensuche in den Dörfern

Der Verein zur Wiedergewinnung des historischen Gedächtnisses, ARMH (Asociación para la Recuperación de la Memoria Histórica), kümmert sich seit mehr als zehn Jahren um Menschen, die Angehörige aus den Massengräbern bergen wollen und bei den Behörden auf taube Ohren stoßen. Mithilfe von Freiwilligen recherchiert der Verein die Fälle, dokumentiert sie, gräbt die Toten aus und informiert die UN-Arbeitsgruppe für gewaltsames Verschwindenlassen. Der Staat macht keine Anstalten, die Exhumierungen in behördliche Hände zu legen. „Wir bekommen Zuschüsse für ein paar Ausgrabungen im Jahr“, sagt Marco González, Vizepräsident des ARMH, „doch eigentlich sollte das Aufgabe des Staates sein.“

González und seine Kollegen begeben sich auf Spurensuche in die Dörfer. Viele Menschen haben jahrelang geschwiegen, doch langsam brechen die Familiengeschichten auf. So wie die von Adriana Fernández. Die 48 Jahre alte Argentinierin ist die Enkelin des Korbflechters Antonio Fernández aus Villanueva de Valdueza, genannt „El Cesterín“. Am 9. Oktober 1936 wurde er von Franco-Milizen ermordet und oberhalb des Dorfes an einem Hang vergraben.

Es ist der Berghang nahe des Kilometersteins 13, auf den an diesem Morgen die Sonne scheint. Adriana Fernández steigt mit ihrem 76-jährigen Vater Constantino und ihrem Onkel Antonio aus dem Auto. Die drei sind eigens aus Buenos Aires angereist. In Don Constantinos Gesicht sieht man, dass er im Geist die Jahre zurückblättert. Dann zeigt er Richtung Tal und sagt: „Da hinten liegt mein Vater. Ich bin noch oft als Junge hier vorbeigegangen, wenn ich die Kühe zur Weide gebracht habe.“ Und er sagt, was in diesen Tagen alle in Villanueva de Valdueza sagen: „Das Gras wuchs an der Stelle immer höher und grüner als in der Umgebung.“ Bauer Rodríguez, der bei der Suche nach „El Cesterín“ dabei ist, glaubt, dass hier viele von den Franquisten getötet wurden. „Vorn an der Wegbiegung liegen noch fünf oder sechs, direkt unterhalb der Straße, weiter unten Richtung Dorf noch ein paar mehr. Alle kamen aus den Dörfern der Umgebung.“

"Todesursache: Bekämpfung des Marxismus"

Aber Constantino, der als 17-Jähriger mit seinem Bruder nach Argentinien auswanderte, war lange ahnungslos. Man hatte ihm gesagt, sein Vater sei wegen eines Nachbarschaftsstreits gestorben. Mehr als 70 Jahre vergingen, bis er die Wahrheit erfuhr. Es war seine Tochter Adriana, die ihn darauf stieß. Sie hatte sich in Argentinien mit dem Thema Menschenrechtsverletzungen beschäftigt. Und begann, Parallelen zu Spanien ziehen. „Vor zwei Jahren kamen mir Zweifel an der Version mit dem Nachbarschaftsstreit“, erzählt sie. Ihre Familie reagierte auf eine Art, die sie aus der argentinischen Geschichte zur Genüge kannte: „Er hatte mit Politik nichts zu tun!“ , hieß es.

Adriana Fernández nahm Kontakt zum ARMH auf, bat um eine Recherche vor Ort. Man wurde bald fündig. Die Sterbeurkunde von „El Cesterín“ trägt die Registernummer 5324, steile Buchstaben quittieren knapp: „Gestorben: auf dem Feld. Bestattungsort: –. Todesursache: Bekämpfung des Marxismus.“

„Es heißt, mein Großvater habe einen Dorfbewohner vor den Franquisten gewarnt“, sagt Adriana. „Sie holten ihn vor den Augen seiner Frau und seiner beiden kleinen Söhne ab.“ Constantino war zwei Jahre, der Bruder zwei Monate alt. „El Cesterín“ leistete keinen Widerstand, als seine Mörder ihn abführten. Noch in der Nacht wurde er am Straßenrand oberhalb des Dorfes erschossen. Er war 24 Jahre alt.

Es sind Geschichten wie diese, die mit den Toten in anonymen Gräbern liegen. Für viele gibt es keine Zeugen mehr. Das Trauma der Verdrängung zieht sich durch die Generationen. „Doch die Gesellschaft beginnt zu sprechen“, sagt ARMH-Vize Gonzalez. „Das ist vielleicht das Wichtigste an dieser Arbeit: dass das historische Gedächtnis sich nicht mehr auf den Familienkreis beschränkt“. Er beobachtet den Bagger, der Erde abträgt. „Mit den sterblichen Überresten graben wir die Geschichten der Menschen aus. Sie werden zum kollektiven Gedächtnis Spaniens.“

"Der Kampf ist noch lange nicht zu Ende"

Es ist halb sechs Uhr abends, als „El Cesterín“ am Berghang gefunden wird. Am nächsten Tag sammelt der Forensiker José Luis Prieto die ersten Knochen in eine Plastiktüte. Don Constantino schaut auf die Handgriffe des Freiwilligenteams, es ist still. Nur das Schaben der Bürsten ist zu hören, mit denen Erde von den Knochen entfernt wird. Adriana wischt sich Tränen aus den Augen. Langsam wird der Schädel sichtbar. Rotbraun wie die Erde, den Mund geöffnet wie in einem stummen Schrei. „Sein Kopf war leicht auf die Seite gedreht“, wird Don Constantino den alten Nachbarn erzählen. „Er hat all die Jahre aufs Dorf geschaut.“

75 Jahre nach seiner Ermordung wird der Korbflechter aus dem anonymen Grab geholt. Der Forensiker steht an einem Tapeziertisch am Berghang, untersucht die Knochen, setzt sie wie Puzzleteile zusammen. Am frühen Abend liegt das Skelett von „El Cesterín“ vollständig vor ihm. Don Antonio nähert sich stumm. Er nimmt die Mütze ab, blickt auf den Schädel, faltet die Hände. „Als er starb, waren wir zu klein, und wir haben kein einziges Foto von ihm“, sagt sein Bruder Constantino. „Es ist das erste Mal, dass wir unseren Vater sehen.“

In der roten Abendsonne in den Bergen von Villanueva stellt der Forensiker seine Diagnose: „Ein junger Mann, etwa 1,80 Meter groß. Ein Einschussloch am Kiefer. Gebrochene Rippen. Ein Messerstich am Hals. Alle Verletzungen wurden ihm kurz vor seinem Tod zugefügt.“

Adriana Fernández steht schräg hinter ihrem Vater und nickt. „Für mich war es das Kreuzworträtsel meines Lebens, das ich lösen musste“, sagt sie, „aber der Kampf ist noch lange nicht zu Ende.“ Gemeinsam mit mittlerweile fünf weiteren Klägern hat sie Klage gegen den spanischen Staat eingereicht. Sie fordern die Zusage, dass die Verbrechen der Franco-Diktatur aufgearbeitet werden. In einer Antwort der Regierung vom Juni 2011 heißt es, das geschehe bereits. „Ein Lippenbekenntnis“, sagt ARMH-Vize González. „An den Massengräbern ist bis heute kein Regierungsvertreter aufgetaucht, nicht mal in diesem Fall, zu dem die Klage läuft.“

Garzón soll unterstützt werden

Die Klage dient auch der Unterstützung des spanischen Ermittlungsrichters Baltasar Garzón, über den kürzlich in einem umstrittenen Verfahren zu einer politischen Korruptionsaffäre elf Jahre Berufsverbot verhängt wurden. Eine weitere Verurteilung droht: Er hatte Ermittlungen zu Menschenrechtsverbrechen während der Diktatur und wegen des Verschwindenlassens von über 114 000 Personen eingeleitet. 2010 war er deshalb von seinem Amt suspendiert worden, ultrarechte Organisationen werfen ihm vor, das Amnestiegesetz für Franco-Verbrechen gebrochen zu haben.

„El Cesterín“ ist inzwischen im Familiengrab in Villanueva beigesetzt worden. Der Priester des Dorfes hatte im Vorgespräch mit Adriana Fernández nur eine Bitte: „Erledigen wir das in aller Stille“.

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