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Operation Olivenzweig Ankaras Offensive wird zu „Dschihad“

Syrische Kurdenpolitiker prangern einen Napalm-Einsatz des türkischen Militärs in Afrin an. Der Kampfstoff soll auch Zivilisten getroffen haben.

Rauch über einer stadt in Afrin
Über einer Stadt im Afrin-Distrikt steigt nach einem türkischen Luftschlag Rauch auf. Syrische Kurdenpolitiker werfen dem türkischen Militär den Einsatz von Napalm vor. Foto: afp

Syrische Kurdenpolitiker haben dem türkischen Militär vorgeworfen, bei seinem Feldzug gegen die nordsyrische Kurdenenklave Afrin den international geächteten Kampfstoff Napalm eingesetzt und dabei auch Zivilisten getroffen zu haben. Die Türkei kommentierte die Anschuldigungen zunächst nicht und kündigte eine Ausweitung des Einsatzes an. 

„Mein kleiner Mehmet marschiert nach Afrin. So Gott will, wird er nach Idlib marschieren“, sagte Präsident Recep Tayyip Erdogan am Samstag und benutzte mit „Mehmet“ einen Spitznamen für türkische Soldaten. In Idlib stehen schon türkische Truppen, die dort eine zwischen Ankara, Moskau und Teheran vereinbarte „Sicherheitszone“ zwischen syrischen Rebellen und dem Assad-Regime überwachen sollen. Dort geht die syrische Armee mit einer Großoffensive gegen die mit der Türkei verbündeten islamistischen Rebellen vor. Erdogans Ankündigung wirkte deshalb wie eine Drohung gegen Damaskus.

Verbündet mit Islamisten

Im Chaos des Bürgerkriegs in Nordsyrien verfolgt die Türkei mit ihrer „Operation Olivenzweig“ laut Erdogan das Ziel, die kurdische YPG-Miliz und die „Partei der Demokratischen Union“ (PYD) zu „vernichten“ und aus Syrien zu vertreiben, um die Entstehung eines kurdischen Staates an ihrer Grenze zu verhindern. YPG und PYD sind Ableger der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK in der Türkei. Die YPG bestreitet aber eine organisatorische Verbindung zur PKK. Die Kurden sind zudem mit Washington verbündet, dessen Militär sie als effektivste Kämpfer gegen die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) unterstützt – mit der ausdrücklichen Ausnahme von Afrin. 

Entgegen offiziellen Aussagen bekämpfe Ankara in Afrin auch die Zivilbevölkerung, erklärte Ilham Ehmed, Ko-Vorsitzende des Syrischen Demokratischen Rates, einem Verband syrischer Oppositionsgruppen unter kurdischer Führung. „Die türkische Armee verwendet die verbotene Waffe Napalm in Afrin gegen Zivilisten“, twitterte sie. Internationale Konventionen verbieten den Einsatz von Napalm gegen zivile Ziele. Das kurdische Oberkommando teilte am Sonntag zudem mit, dass türkische Kampfjets mehrfach den wichtigen Maidanki-Staudamm bombardiert hätten: Sollte er brechen, wären viele Menschenleben gefährdet. Dagegen erklärte Erdogan, bei der Operation kämen keine Zivilisten zu Schaden. Die Vorwürfe unabhängig zu überprüfen, ist nicht möglich.

Unterdessen beschoss die türkische Armee mit Kampfjets, Hubschraubern und Artillerie auch am Wochenende Ziele im Westen und Süden Afrins. Nach Angaben der Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte in London wurden bis Sonntag 59 YPG-Kämpfer sowie sieben türkische Soldaten und 69 Milizionäre ihrer Verbündeten aus der Rebellentruppe Freie Syrische Armee (FSA) getötet; Ankara deklarierte 20 Gefallene und 343 „neutralisierte“ feindliche Kämpfer. Der Ärzterat von Afrin sprach außerdem von 50 getöteten Zivilisten. 

Obwohl die Invasionstruppen bisher nur wenige Kilometer in das kurdische Gebiet eindringen konnten, kündigte Erdogan mehrfach eine Ausweitung des Feldzugs an. Neben Idlib nannte er als Ziele auch die Region Manbidsch östlich von Afrin und sogar „bis zur irakischen Grenze“. In Manbidsch stehen jedoch US-Truppen, die genau das verhindern sollen. Damit riskiert Ankara höhere Spannungen mit dem Nato-Partner. Mehrfach haben Sprecher der US-Regierung versichert, dass sie nicht planten, sich aus Manbidsch zurückzuziehen und die Kooperation mit der YPG zu stoppen. So hat der Angriff auf Afrin dazu geführt, dass die zweitgrößte Nato-Armee Türkei mit ihren FSA-Alliierten, bei denen nicht wenige Islamisten kämpfen, gegen die säkularen, mit den USA verbündeten Kurden kämpft. 

Dadurch trägt der Konflikt nun nicht nur nationalistische, sondern auch religiöse Züge. Der türkische Parlamentssprecher Ismail Kahraman, der Erdogans islamisch-konservativer Regierungspartei AKP angehört, bezeichnete die Offensive am Wochenende als „Dschihad“. In dem 120 Quadratkilometer großen Gebiet Afrin leben aber viele religiöse Minderheiten, darunter 20 000 Jesiden und mehr als tausend Christen, deren Vertreter in den vergangenen Tagen mehrfach ihre Sorge vor ethnischen Säuberungen und Schlimmeren äußerten. 

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Türkei

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