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Oleg Senzow Putins „ehrlicher Feind“

Der Hungerstreik des ukrainischen Regisseurs Oleg Senzow könnte den WM-Jubel übertönen - ein Porträt.

Oleg Senzow
Oleg Senzow, ukrainischer Regisseur, wurde im Jahr 2015 zu 20 Jahren Straflager verurteilt. Foto: rtr

Hier werde gut für ihn gesorgt, hat Oleg Senzow in einem Brief aus dem Gefängniskrankenhaus geschrieben. Er sei unter ärztlicher Beobachtung, bekomme Tropfen. „Für die vierte Woche Flug fühlt der Pilot sich normal“, scherzte er.

Der zweite Tag der Fußball-WM ist der 33. Tag seines Hungerstreiks. Oleg Senzow, 41, ukrainischer Kinoregisseur in sibirischer Haft, droht mit seinem Tod und fordert die Freilassung 64 anderer Ukrainer aus russischen Gefängnissen. „Alle verstehen, dass ich nicht nachgebe.“ Seine Worte könnten Moskaus WM-Jubel übertönen.

Senzow ist Vater von zwei Kindern, Filmemacher, Schriftsteller und ukrainischer Patriot, während der Krim-Besetzung durch russische Truppen 2014 versorgte er blockierte ukrainische Soldaten mit Lebensmitteln. Im Mai 2014 wurde er dort von der neuen russischen Staatsmacht unter dem Verdacht verhaftet, er habe Brandanschläge organisiert und ein Bombenattentat geplant. Im August 2015 verurteilte man ihn in Rostow am Don zu 20 Jahren Straflager. „Ein Schauprozess“, sagt Julia Gorbunowa, von Human Right Watch in Moskau. „Der Fall war fabriziert, als Beweise dienten Aussagen von Mitangeklagten, die später erklärten, sie seien unter Folter dazu gezwungen worden.“ Senzow aber wünschte den Russen in seinem Schlusswort, dass sie nicht mehr lange von Banditen regiert würden. „Ein ehrlicher und mutiger Feind“, schrieb der Filmkritiker Alexei Medwedew in einem Gnadengesuch an Wladimir Putin.

Jetzt sitzt Senzow im nordsibirischen Straflager „Weißer Bär“ und hungert gegen Putin. „Ein verzweifeltes Mittel“, urteilt die Zeitung „Wedomosti“, laut Senzows Anwalt Dmitri Dinse drohen seine Nieren zu versagen. Seine Halbschwester Natalja Kaplan sagt, man verabreiche ihm inzwischen – freiwillig oder unfreiwillig - eine Nährlösung.

Die Affäre aber wächst. Erst kürzlich verlangte das Europaparlament von Russland, Senzow und die übrigen politischen Gefangenen aus der Ukraine zu entlassen. Zuvor sprachen sich auf der Bühne des russischen Filmfestivals Kinotawr zwei Jury-Mitglieder für Senzow aus, ein Großteil der Prominenz im Saal riskierte lauten Applaus.

Vor der WM hatte Putin Gnade für Senzow mehrfach unter Verweis auf dessen „terroristische Verbrechen“ abgelehnt. Allerdings telefonierte er kürzlich mit dem ukrainischen Staatschef Petro Poroschenko, dabei ging es auch um einen möglichen Häflingsaustausch. Die ukrainische Menschenrechtsbeauftragte Ljudmila Denissowa reiste dieser Tage nach Russland, um dort ukrainische Strafgefangene zu besuchen, am kommenden Montag soll ihre russische Kollegin in die Ukraine fliegen… Nach Aussage des russischen Außenministers Sergej Lawrow werden beide Beauftragte einen „Straßenplan“ für einen Austausch erstellen.

Die Menschenrechtlerin Gorbunowa aber hegt „kaum Hoffnung“ für Senzow. Auch andere Beobachter fürchten, der Kreml wolle die Welt nur hinhalten. „Die WM hat begonnen, alle spielen mit, Putin hat gewonnen“, schimpft der krimtatarische Blogger Aider Muschdabajew. Und was macht Senzow, wenn er selbst ausgetauscht wird, die übrigen 64 Ukrainer aber hinter russischen Gittern bleiben? „Ich glaube“, sagt seine Halbschwester Kaplan, „bei einem Austausch wird er gar nicht um seine Meinung gefragt“.

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