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Österreich Der schmutzigste aller Wahlkämpfe

Spekulationen vor dem Tag der Abrechnung: Bei den Wahlen könnten die Österreicher von Rot-Schwarz zu Schwarz-Blau wechseln.

Wien
Die FPÖ hat die Lufthoheit über den Nationalrat. Ist aber nur Werbung. Foto: rtr

„Das ist doch skandalös“, empört sich Frau Heidi. „So ein abschreckendes Durcheinander“, meint ihre Freundin über den schmutzigsten aller österreichischen Wahlkämpfe. Die beiden Damen, die mit frisch getönten Haaren und perfektem Makeup vor dem Rathaus stehen, werden wohl Sebastian Kurz wählen. Obwohl sich die 76-jährige Frau Heidi schon überlegt hat, ob sie nicht doch ihr Kreuz bei Peter Pilz machten sollte, weil der so interessante Aussagen mache. „Aber sag‘ das ja nicht meinem Ehemann, das ist ja ein Industrieller, der darf das nicht wissen“, sagt sie zu ihrer Freundin. Peter Pilz, der Ex-Grüne und Korruptionsjäger tritt diesmal mit einer eigenen Liste an. Er wettert gegen Spekulanten und Großkonzerne. Irgendwie findet das Frau Heidi interessant. 

Doch die beiden Damen sind sich grundsätzlich nicht mehr sicher, wem sie Glauben schenken sollen und wem nicht. Der Herr Kurz habe sich kürzlich in der Stadthalle „grundehrlich angehört“, meint eine. Andererseits würde wohl auch der Herr Kern „wahrheitsgetreu reden“, sagt die andere. Den beiden ist anzumerken, was viele Österreicher in diesen Tagen bewegt. Sie wissen nicht mehr, ob und wem sie überhaupt noch trauen können. 

Nur in einer Sache ist sich Frau Heidi sicher: „Ich hasse die Grünen, weil die haben mir eine Fahrspur für Autos in der Wattgasse weggenommen.“ Und sie sei eben eine „leidenschaftliche Autofahrerin“. 

Auch Greta F. glaubt, dass die Grünen „wegen der Straßenumbauten und wegen der freizügigen Flüchtlingspolitik“ diesmal verlieren werden. Sie will, dass mit dieser „sozialen Art“ in Österreich jetzt überhaupt aufgeräumt wird. Die gebürtige Polin lebt schon seit dreißig Jahren in Wien. Ihre weinroten Haare und die weinroten Ärmel ihres Wollmantels passen gut zu den roten Blättern der Bäume. Frau Greta ist eine schicke Dame. Auch sie wird den konservativen Kurz von der ÖVP wählen. Am liebsten hätte die 60-Jährige, wenn er mit den liberalen Neos koalieren würde – aber das werde sich wohl nicht klappen. „Also ist Schwarz-Blau ein Kompromiss“, sagt sie.

Flüchtlinge unerwünscht

Kurz vor der Wahl glauben sehr viele Österreicher, dass eine Koalition zwischen ÖVP (Schwarz) und der rechtspopulistischen FPÖ (Blau) zustande kommen wird. Und anders als noch im Jahr 2000 wird es wohl diesmal weder zu Massenprotesten in der Bevölkerung, noch zu Sanktionen von EU-Staaten kommen. Im neugotischen Wiener Rathaus leuchten an diesem Herbsttag die gläsernen Lüster durch die hohen Fenster. Hier findet gerade eine Messe für soziale Freiwilligenorganisationen statt: Menschen, die sich für alte, pflegebedürftige, behinderte oder kranke Leute einsetzen, stellen ihre Arbeit vor. Ein paar Organisationen kümmern sich um Flüchtlinge, sie bieten etwa Deutschlernhilfe an. Einige von ihnen haben Angst vor Schwarz-Blau, weil sie denken, dass dann weniger Geld für soziale Anliegen ausgegeben wird. 

Viele Österreicher stehen noch immer unter dem Eindruck des Flüchtlingsstroms aus dem Jahr 2015. Deshalb wird am Sonntag nicht nur über den neuen Nationalrat – das Parlament –, sondern auch über diese Massenzuwanderung abgestimmt. Das Urteil steht jetzt schon fest: Favorisiert werden Politiker, die für eine Nullzuwanderung, für den Schutz der Außengrenze eintreten und die Flüchtlinge wieder zurück in ihre Herkunftsländer schicken wollen.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Österreich

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