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Öl-Partisanen vor dem Wiedererstarken Der Bruderkrieg im Niger-Delta

Nigeria hat seine Probleme noch lange nicht gelöst: Der Waffenstillstand im Delta steht auf der Kippe: Wenn es nach den Präsidentschaftswahlen am 16. April schlecht läuft, könnten Tausende von Milizionären wieder zu den Waffen greifen.

Kämpfer der „Bewegung für die Befreiung des Niger-Deltas“ feiern auf ihre Art einen Sieg über die Armee. Foto: AFP

Inzwischen reden die beiden Brüder wieder miteinander. Prince nimmt Gift sogar bei der Hand, als sie sich einen Weg durch das Dickicht zu der Ruine bahnen. Früher war das jetzt zerstörte Haus ihr Heim. Der Türbogen ist noch zu erkennen, auch das Zimmer, in dem die Betten der beiden Jungen standen. „Ich habe ihn großgezogen“, sagt der fünf Jahre ältere Prince Chim, der heute 34 Jahre alt ist. „Ich habe Gift in meinen Armen gehalten, als er noch ein Baby war.“ Später hätte er ihn beinahe umgebracht.

Sein Bruder hatte sich der falschen bewaffneten Gruppe in ihrem Dorf Rumuekpe im Niger-Delta angeschlossen: Sie lag mit der Miliz des Vize-Kommandanten Prince im Krieg. Dessen Mannen gelang es eines Tages, den „Verräter“ Gift dingfest zu machen: Jetzt erwarteten sie von ihrem Chef, dass er den eigenen Bruder töten werde. „Wir machten damals keine Gefangenen“, erklärt Prince. Im letzten Moment ließ sich der Vize-Kommandant dann doch noch erweichen.

Öl gegen Waffen

Dass es überhaupt so weit kam, sei ausschließlich Shell und den anderen ausländischen Erdölgesellschaften wie Total oder Exxon-Mobil zuzuschreiben. Die hätten Gifts Bande ins Leben gerufen und mit Geld und Waffen unterstützt, sagt Prince: „Sie wollten, dass wir uns gegenseitig töten.“ Princes Miliz hatte den Mineralölfirmen den Krieg erklärt: Die plünderten die Niger-Bevölkerung aus, sorgten mit ständigen Lecks an den Ölquellen für die „Ausrottung“ der Menschen, schimpft der muskulöse Kämpfer. Immer wieder sprengten seine Jungs Fördereinrichtungen in die Luft oder bohrten Löcher in die Pipelines, um Rohöl abzuzapfen. Auf dem Schwarzmarkt tauschten sie es gegen Waffen.

2005 eskalierte der Krieg. Prince wurde bei einem Gefecht am Bein verletzt: Seine Frau verlor zwei Kinder durch Fehlgeburten. Das Dorf Rumuekpe wurde Stück für Stück in eine Trümmerlandschaft verwandelt: Heute ist kein einziges unbeschädigtes Gebäude mehr auszumachen. Selbst die Kirche und die zweistöckige Villa des Bürgermeisters sind Ruinen. Was die verfeindeten Dorfmilizen nicht selbst zerstörten, erledigte die aus Soldaten und Polizisten gebildeten Spezialeinheit Joint Task Force.
Den mehreren tausend Dorfbewohnern blieb nichts anderes übrig, als ihre zertrümmerte Heimat den Pflanzen zu überlassen. Nur das wenige hundert Meter vom Dorf entfernte schwer bewachte Pumpwerk der Erdölfirmen blieb unversehrt. Und aus einem nahe gelegenen Stahlrohr faucht noch immer Tag und Nacht eine meterhohe Gasflamme in den Himmel.

Gelang es den Öl-Partisanen auch nicht, die ausländischen Firmen aus dem Land zu jagen, so hatten die im gesamten Niger-Delta aus dem Boden schießenden militanten Gruppen doch mehr als bloße Achtungserfolge vorzuweisen. Zeitweise konnte Nigeria als der Welt achtgrößter Erdölproduzent nur noch die Hälfte der üblichen 2,5 Millionen Fass Erdöl pro Tag exportieren – der Schaden für den bevölkerungsreichsten Staat des Kontinents ging in die Milliarden.

Die zahllosen Milizen, die sich in der sogenannten „Bewegung für die Befreiung des Niger-Deltas“ (Mend) lose zusammengeschlossen hatten, waren nach Auffassung selbst wohlmeinender Experten nicht immer nur politisch motiviert: Bei vielen Militanten soll es sich um Banditen handeln, die sich mit dem „Befreiungskampf“ lediglich bereichern wollten oder von korrupten Politikern als Hausmacht geleast wurden. Besonders beliebt wurde die Geiselnahme ausländischer Ölarbeiter. Noch heute fahren die plastikbehelmten Bleichgesichter nur in von Soldaten eskortierten Konvois durch die Gegend – was den Eindruck noch verstärkt, dass die Ölkonzerne in Wahrheit Besatzungsmächte sind.

Monatliches Gehalt für Waffenstillstand

Selbst wenn die Soldaten und Polizisten nicht ständig Deals zur eigenen Bereicherung mit den Milizionären aushandeln würden, wäre ihnen ein militärischer Sieg über die Öl-Partisanen wohl nie geglückt: Dafür sind diese zu zahlreich und zu eng mit der Bevölkerung verbunden. Das sah schließlich auch der inzwischen verstorbene Präsident Umaru Yar’Adua aus dem muslimischen Norden des Landes ein, der daraufhin eine Verständigung mit den christlichen Deltabewohnern im Süden suchte. Im Austausch gegen Straffreiheit, Umschulungsprogramme sowie monatliche „Gehalts“-Zahlungen sollten die auf 40.000 Mann geschätzten Kämpfer zur Abgabe ihrer Waffen veranlasst werden: ein Angebot, das weit mehr als die Hälfte der Milizionäre auch tatsächlich annahm. Darunter Prince Chim und 14 seiner Mitkämpfer, die im September 2009 ihre russischen Schnellfeuergewehre den Sicherheitskräften überreichten.

Zumindest teilweise hielt die Regierung auch ihr Versprechen. Prince und seine Kombattanten wurden nach ihrer Waffenabgabe nicht belangt. Vielmehr erhalten sie seitdem regelmäßig ihr Gehalt fürs Stillhalten von monatlich rund 450 US-Dollar. Zudem wurden die Partisanen zur Umschulung in ein Übergangslager außerhalb der Provinzhauptstadt Port Harcourt einquartiert. Die dortigen Bedingungen seien jedoch dermaßen „fürchterlich“ gewesen, dass sie bald aus dem Lager flohen, erzählt Prince: „Wir fühlten uns wie Heringe in Dosen.“

Berichte, wonach den Ex-Milizionären sogar ein Studium im Ausland finanziert werden sollte, erwiesen sich zudem als bloße Gerüchte. Und Princes Erwartung, als Starthilfe für eine Geschäftsidee mehrere tausend Dollar zu bekommen, blieb ebenfalls ein Traum. Kürzlich wurde einer seiner Jungs trotz der Amnestie vorübergehend festgenommen: Da war Prince nahe daran, wieder in den Busch zurückzukehren.

Neue Welle von Entführungen

Noch schlechter fühlt sich sein Bruder Gift behandelt. Seine Gruppe hatte es versäumt, rechtzeitig zum Stichtag die Waffen abzugeben: Jetzt kommen die Kämpfer weder in den Genuss des Stillhalte-Gehaltes noch sind sie vor einer Verhaftung sicher. Wie Gift stehen noch immer Tausende von Öl-Partisanen unter Waffen. Ende 2010 kam es zu einer neuen Welle von Entführungen und Angriffen auf Installationen der Erdölindustrie, bei ihrer Jagd auf die Erdölpartisanen legte die Joint Task Force wieder ganze Dörfer in Schutt und Asche. Dass sich die Lage inzwischen wieder etwas entspannt hat, ist wohl vor allem dem Umstand zuzuschreiben, dass die regierende People’s Democratic Party erstmals in der Geschichte des Landes mit Goodluck Jonathan einen Politiker aus dem Delta zum Präsidentschaftskandidaten für die am 16. April geplanten Wahlen kürte: „Wir erwarten von ihm die Lösung unserer Probleme“, sagt Gift und lächelt etwas verkrampft.

Vermutlich wird der Zoologe Jonathan die in ihn gesetzten hohen Erwartungen enttäuschen müssen: Das 150 Millionen Einwohner zählende Chaosland Nigeria auf Vordermann zu bringen, wird viel Kraft und Zeit brauchen. Auch der Waffenstillstand im Delta steht auf der Kippe: Wenn nach den Wahlen das staatliche Monatsgehalt für ausgemusterte Milizionäre ausläuft, könnten Tausende von Militanten ihr Glück wieder im Erdöldiebstahl und der Geiselnahme fremder Ölarbeiter suchen. Bei einer Jugendarbeitslosigkeitsquote von 80 Prozent und der weitgehenden Zerstörung der Landwirtschaft und des Fischfangs durch die schmutzige Erdölproduktion bleibt jungen Deltabewohnern nicht viel anderes als ein Schießgesellen-Dasein übrig.
Prince wurde jüngst zu einem „Life changing“-Seminar in die Nähe der Provinzhauptstadt Calabar geladen, wo der Vize-Kommandant gewaltlose Konfliktlösungsstrategien trainieren sollte. „Solange man unsere Probleme nicht geändert hat, kann man auch mich nicht ändern“, wendet der Ex-Milizenführer jedoch trotzig ein: „Einen hungrigen Mann bekommt man nicht mit schönen Worten satt.“

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