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Obdachlosigkeit in New York Ohne Heim im Häusermeer

In der Millionenmetropole New York leben immer mehr Familien auf der Straße. Seit der großen Depression gab es nicht mehr so viele Obdachlose. Für Bürgermeister de Blasio ist die Statistik besonders unangenehm.

New York
Weil die Zustände in den Notunterkünften immer schlimmer werden, übernachten viele Obdachlose in der Kirche. Foto: AFP

Bill de Blasio wirkte zerknirscht, als er kürzlich im New Yorker Rathaus vor die Presse trat; die Stirn des Bürgermeisters war in Falten gelegt, seine Stimme klang flach und monoton. „Ich muss Ihnen heute einige Dinge sagen“, hob er an, „die nicht so leicht zu schlucken sind“.

Die erste unbequeme Wahrheit, die de Blasio mitgebracht hatte, war eine peinliche Statistik für seine Regierung. Die Anzahl der Obdachlosen in der Stadt hatte im vergangenen Jahr ein neues Rekordhoch erreicht – rund 60.000 Menschen haben in New York keine feste Bleibe. Seit der großen Depression in den 20er und 30er Jahren gab es nicht mehr so viele Obdachlose in der Metropole.

Das wäre für jeden Bürgermeister eine schlechte Nachricht. Für de Blasio ist die Statistik jedoch besonders unangenehm. Nach 20 Jahren konservativer Stadtregierungen war de Blasio als Kandidat der Linken angetreten. Er hatte versprochen, sich um die Benachteiligten und Ausgegrenzten zu kümmern und alles zu tun, um die soziale Ungerechtigkeit in einer der reichsten Städte der Welt zu verringern. Und doch fallen auch unter de Blasio immer mehr Menschen durch das soziale Netz.

Nicht, dass er sich keine Mühe gegeben hätte. Unter ihm ist in den vergangenen drei Jahren der Etat für die Obdachlosenhilfe auf mehr als eine Milliarde Dollar angeschwollen. Er hat in Beratung investiert und in Mietbeihilfen. Doch all das hat nichts an den Verhältnissen geändert.

Die erwartbare Kritik von allen Seiten ist de Blasio nahegegangen. Deshalb fühlte er sich bemüßigt, zum Auftakt seines Wiederwahl-Kampfes eine neue Strategie zur Bekämpfung der Obdachlosigkeit vorzulegen. Doch der ehemalige Che-Guevara-Anhänger und politischer Alliierte von Bernie Sanders dämpfte gleich von Anfang an die Erwartungen: „Wir akzeptieren nicht den Status Quo. Aber unsere Maßnahmen werden auch nicht das Nirvana bringen“. In der Tat klingen die Ziele von de Blasio wenig ambitioniert. Bis 2021 sollen von den 60.000 New Yorkern in städtischen Unterkünften 2500 in dauerhafte Wohnungen überführt werden. Die Lebensumstände der verbleibenden 57.500 Menschen in städtischen Unterkünften sollen durch den Bau modernerer Einrichtungen verbessert werden.

De Blasio verteidigt diese bescheidene Zielsetzung damit, dass er in den drei Jahren seit seiner Amtsführung Realist geworden sei. Die großen Träume vom sozialen Ausgleich in einer der kapitalistischsten aller westlichen Städte sind einem resignierten Pragmatismus gewichen. Immerhin kann de Blasio darauf verweisen, dass er die Obdachlosenkrise New Yorks nicht selbst geschaffen, sondern sie von seinem Vorgänger geerbt hat. Der neoliberale Geschäftsmann Michael Bloomberg mit seiner unverhohlenen Nähe zur übermächtigen Immobilienwirtschaft der Stadt hat alles dafür getan, die Menschen auf die Straße zu bringen.

Bloomberg hat sich geweigert, obdachlosen Familien bei der Belegung staatlich geförderter Wohnungen Vorrang zu geben. Gleichzeitig hat er die Mietbeihilfe nach und nach zusammengestrichen. Für den Wirtschaftsliberalen sollte dies das Sozialschmarotzertum verhindern und die Leute dazu zwingen, auf die eigenen Beine zu kommen. Doch das Gegenteil war der Fall. Laut neuesten Zahlen sind die Menschen, die in Obdachlosenunterkünften leben, keine Schmarotzer, Drogenabhängigen oder Kriminellen, sondern mehrheitlich Familien, die ein Einkommen erzielen. Eine gemeinnützige Organisation beziffert die Zahl der wohnungslosen Familien auf mehr als 15.600; in diesen Familien leben knapp 23.700 Kinder.

So sagt Christine Quinn, Leiterin einer Organisation, die Obdachlosen-Unterkünfte bereitstellt: „Die Obdachlosen heute sind unterbezahlte Arbeiter und Angestellte.“ Für die ist die Existenz in Unterkünften jedoch deutlich härter, als wenn sie dauerhafte Wohnungen hätten. So erzählte die 36-jährige Abena Walker dem „New York Magazine“, dass sie von ihrer Obdachlosen-Unterkunft in Queens zu ihrem Job als Sozialhelferin in Harlem täglich vier Stunden in der U-Bahn zubringt. Davor und danach muss sie dann ihre Kinder zur Schule bringen und wieder abholen.

Die Zustände in den Unterkünften erleichtern die Dinge nicht eben. Wegen des rasant ansteigenden Bedarfs werden viele Obdachlose in Hotels untergebracht oder in verfallenden Wohnhäusern am Stadtrand, in denen die hygienischen Umstände katastrophal sind. Die Insassen berichten von Schikanen der Sozialarbeiter, von dem ständigen Gefühl der Unsicherheit und der Angst, jederzeit wieder auf der Straße landen zu können.

De Blasio setzt trotzdem auf den Ausbau der Unterkünfte anstatt auf bezahlbaren Dauer-Wohnraum für Familien mit niedrigen Einkommen. Eine Tatsache, die auf die Wurzel des Problems in New York verweist: Niemand in der Stadt hat wirklich Interesse daran, bezahlbaren Wohnraum zu schaffen. „Wer sich New York nicht leisten kann, soll fortziehen“, hat Bloomberg einmal unverblümt gesagt.

De Blasio sieht das eigentlich nicht so, doch auf Konfrontationskurs mit der Immobilienbranche will er auch nicht gehen. Seine Projekte zur Schaffung günstiger Wohnungen waren bislang stets Kooperationen mit kommerziellen Entwicklern, die diesen reichlich Profitmöglichkeiten boten. Seiner Agenda des sozialen Ausgleichs kam das bislang nicht zugute.

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