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NSU-Mord in Kassel Temme muss Schüsse gehört haben

Eine neue Expertise belastet den Ex-Verfassungsschützer Andreas Temme. Das könnte auch Auswirkungen auf den laufenden NSU-Prozess in München haben.

Hessischer NSU-Ausschuss
Andreas Temme als Zeuge vor dem hessischen NSU-Ausschuss (Archiv). Foto: Fredrik von Erichsen (dpa)

Elf Jahre nach dem NSU-Mord an Halit Yozgat in Kassel sorgt die Expertise eines unabhängigen Forschungsteams aus London für Zündstoff. Danach muss der frühere Verfassungsschützer Andreas Temme die Schüsse auf Yozgat gehört und den Toten gesehen haben, wenn er zur Tatzeit am Tatort war.

Das hat die Kasseler „Initiative 6. April“ mitgeteilt. Sie ist nach dem Datum benannt, an dem Yozgat im Jahr 2006 ermordet wurde, und hatte sich mit anderen zum „Tribunal NSU-Komplex auflösen“ zusammengeschlossen und gemeinsam das Gutachten bei der Forschungseinrichtung „Forensic Architecture“ in Auftrag gegeben. Das von Professor Eyal Weizman gegründete Institut hat seinen Sitz an der Goldsmiths-Universität in London.

Die britischen Wissenschaftler hatten das Internetcafé, in dem der 21-jährige Betreiber Yozgat getötet wurde, nach eigenen Angaben in Lebensgröße nachgebaut und die Szene nachgestellt.

Dieses Experiment habe Mitte März im Berliner Haus der Kulturen der Welt stattgefunden.
Dabei wurde erforscht, ob Temme von seinem Sitzplatz im hinteren Teil des Cafés die Schüsse gehört und Rauch gerochen haben müsste und ob er Yozgat beim Bezahlen und Hinausgehen hinter dem Tresen hätte sehen müssen. Zudem vermaß „Forensic Architecture“ die Räumlichkeiten vor Ort in Kassel und befragte Zeugen. Bei der Rekonstruktion kamen die Forscher zu dem Ergebnis, dass Temme den Toten gesehen haben müsse, als er Münzen auf den Tresen legte.

So laut wie ein Güterzug

In Zusammenarbeit mit einem Waffenspezialisten rekonstruierten die Briten das Schussgeräusch, das die Waffe der Marke Ceska mit der beim Mord verwendeten Munition erzeugt. Sie kamen zu dem Schluss, dass der Lärm selbst bei Verwendung eines Schalldämpfers bei 130 Dezibel gelegen haben dürfte, nahe an der Schmerzschwelle.

Es könne als sicher gelten, dass die Schüsse an Temmes Sitzplatz zu hören gewesen sein müssen, folgern die Forscher. Selbst mit einem leiseren Schuss hätte das Geräusch an diesem Platz noch 86 Dezibel betragen – so laut wie ein Güterzug, der in 15 Metern Entfernung vorbeidonnert.

Demonstration in Kassel

Die Schüsse auf Yozgat waren der neunte Mord in der Ceska-Mordserie. Sie werden der rechten Terrorgruppe „Nationalsozialistischer Untergrund“ (NSU) angelastet. Beim Mord in Kassel war der damalige Verfassungsschützer Temme den Ermittlungen zufolge am Tatort – oder er hat ihn wenige Sekunden zuvor verlassen. Nach der Tat hatte sich Temme nicht bei der Polizei gemeldet und wurde erst zwei Wochen später ermittelt.

Der Ex-Verfassungsschützer, der heute im Regierungspräsidium Kassel tätig ist, behauptet, er habe nichts von dem Mord mitbekommen.

Der Vater des Opfers, Ismail Yozgat, bezweifelt das. „Temme lügt. Temme hat entweder meinen Sohn erschossen oder die Mörder gesehen“, sagt er. Ismail Yozgat hat das Oberlandesgericht (OLG) München dazu aufgefordert, sich den Tatort in Kassel anzuschauen, um zu erkennen, dass Temmes Version nicht zutreffen könne. Wenn dies unterbleibe, könne er ein Urteil nicht anerkennen. Vor dem OLG sind die mutmaßliche NSU-Terroristen Beate Zschäpe und vier weitere Personen aus der rechtsextremen Szene angeklagt.

Die Initiative 6. April vertritt die Auffassung, mit der Rekonstruktion von „Forensic Architecture“ liege „neues Beweismaterial“ vor, das „auch vor Gericht bestehen“ könne.

Die Gruppierung veranstaltet am Donnerstag in Kassel eine Demonstration unter dem Motto „Kein nächstes Opfer! NSU-Komplex auflösen“. Der Zug endet am Halit-Platz, wo Yozgats Familie zum Gedenken sprechen wird.

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