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NS-Zeit Mehr als der Kassenwart

Eine Historikerkommission belegt die führende Beteiligung der deutschen Finanzverwaltung an NS-Verbrechen.

Einmarsch in Polen
Einmarsch in Polen. Deutsche Beamte trieben in den besetzten Ländern Geld für Hitlers Krieg ein. Foto: imago

So effizient arbeitete der hohe Finanzbeamte Friedrich Karl Vialon nach dem Zweiten Weltkrieg, dass es in Bonn hieß: Kanzler Konrad Adenauer verstehe zwar nichts von Wirtschaft, aber dafür habe er ja Vialon. Allerdings hatte dieser Fachmann seine Expertise nicht nur in den Dienst der Bundesrepublik gestellt, sondern auch in führender Stellung in der Verwaltung den Nationalsozialisten bei der Ausbeutung der besetzten Gebiete im Zweiten Weltkrieg geholfen.

An diese Geschichte erinnerte der Berliner Professor Alexander Nützenadel, als er eine Arbeit der vom Bundesfinanzministerium eingesetzten Historikerkommission vorstellte. In dem Buch „Krieg auf Kosten anderer – das Reichsfinanzministerium der Finanzen und die wirtschaftliche Mobilisierung Europas für Hitlers Krieg“ bschäftigt sich der Historiker Jürgen Kilian mit der lange unterschätzten Rolle der Finanzverwaltung in der Kriegsmaschinerie des Dritten Reichs.

Nazis waren auf Verwaltungsfachleute angewiesen

Darin widerlegt er den Nachkriegsmythos, das Reichsfinanzministerium sei als untergeordnete und unpolitische Behörde nur am Rande an den Verbrechen der Deutschen beteiligt gewesen. Zwar stand Reichsfinanzminister Johann Ludwig Graf Schwerin von Krosigk in der Hierarchie der Nationalsozialisten tatsächlich nicht in der ersten Reihe. Doch solche formale Betrachtungen geben die Realität nicht korrekt wieder, wie Kilian darlegt. Vielmehr waren die Nazis auf Verwaltungsfachleute angewiesen, um möglichst viele Ressourcen aus den eroberten Ländern herauszuholen.

Paradoxerweise eigneten sich dafür besonders die Beamten, die in der Weimarer Republik mit den Reparationsforderungen an Deutschland befasst waren und die daher wussten, wie sich finanzielle Mittel über Landesgrenzen transferieren lassen. So sorgten die Spezialisten dafür, dass die besetzten Länder hohe Tarife und neu eingeführte Steuern abführen mussten. Mit rund 126 Milliarden Reichsmark trug diese Ausbeutung dazu bei, den Krieg zu finanzieren, schätzt Kilian aufgrund seiner umfassenden Quellenstudien.

Dies übersteige die gesamte jährliche Produktionsleistung des alten Reichs von 1937 um ein Drittel, erläuterte Nützenadel. Nur mit dieser Summe sei es Deutschland möglich gewesen, gegen die ökonomische und militärische Übermacht der Alliierten den Krieg bis 1945 durchzuhalten. Der gesamte ökonomische Schaden für die besetzten Staaten ist sogar um ein Vielfaches höher, wie der Historiker Patrick Wagner betonte. Dies liegt nicht nur an den direkten Kriegszerstörungen.

Die Deutschen hinterließen viele zerrüttete Volkswirtschaften

Die Deutschen hinterließen in vielen Teilen Europas auch zerrüttete Volkswirtschaften, die mit hoher, oft aufgestauter Inflation und umfangreichen Staatsschulden fertig werden mussten. Diese Länder hätten die Nachkriegszeit nicht auf dem Nullpunkt, sondern massiv im Minus begonnen, so Wagner. Dies ist auch eine von mehreren Erklärungen dafür, dass etwa in Griechenland, aber auch in Polen und anderen Staaten immer wieder Forderungen nach Reparationen hochkommen. Die Bundesregierung wehrt diese Vorstöße aber ab.

Haushaltsstaatssekretär Werner Gatzer (SPD) nannte es bei der Veranstaltung im Bundesfinanzministerium „erschreckend“, wie hochkompetente, fachkundige Mitarbeiter des Hauses ihre „enormen Fähigkeiten“ nicht zum Wohl, sondern zum Schaden der Menschheit eingesetzt hätten. Das Reichsfinanzministerium sei eben nicht nur der „Kassenwart“ gewesen. „Das Reichsfinanzministerium war maßgeblich beteiligt an den Taten der Nationalsozialisten.“

Bereits vor acht Jahren hat das Bundesfinanzministerium eine Historikerkommission damit beauftragt, die Verstrickungen der Finanzverwaltung in die Verbrechen von Hitler-Deutschland zu untersuchen.

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