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NS-Kriegsverbrecher Sylt stellt sich der Vergangenheit

Heinz Reinefarth war als Generalleutnant der Waffen-SS an der Niederschlagung des Warschauer Aufstands im August 1944 beteiligt. Und zwölf Jahre Bürgermeister von Westerland. Das hat niemanden gestört. 70 Jahre später wird das Schweigen der Insel durchbrochen.

29.07.2014 15:42
Andreas Förster
Auf der idyllischen Nordseeinsel Sylt schwieg man jahrzehntelang im Fall Reinefarth. Foto: imago stock&people

Der Westerländer Bürgermeister Heinz Reinefarth fühlte sich geschmeichelt, als die beiden modisch gekleideten Filmemacher aus Bayern ihn im Sommer 1957 vor die Kamera holten. Nachdem sie drei Tage lang die Schönheiten der Insel Sylt abgefilmt hätten, so sagten sie, wollten sie den Zuschauern doch auch den Mann zeigen, der die Traditionen dieses reizenden Ortes pflege. Bereitwillig ließ sich Reinefarth in seinem Amtszimmer und auf der Rathaustreppe filmen. Ein paar Monate später konnte er sich noch daran erinnern, dass einer der mit bayerischem Akzent auftretenden Kameraleute Sepp hieß und sich als Mitarbeiter einer Firma namens „Süddeutsche Kulturfilm München-Augsburg“ vorgestellt hatte.

Tatsächlich kamen die Kameraleute aber aus der DDR. Sie brauchten die Aufnahmen von Bürgermeister Reinefarth für den Film „Urlaub auf Sylt“, eine Produktion der ostdeutschen Dokumentarfilmer Annelie und Andrew Thorndike. Der nur 22 Minuten lange Film der Thorndikes sollte jedoch keine Werbung sein für die Insel, sondern eine Anklage gegen den früheren SS-General Reinefarth, der nun unbehelligt von der bundesdeutschen Justiz Karriere als Politiker machte.

Der Reinefarth in dem Film hat ein kantiges Gesicht, die spärlichen Haare sind streng zur Seite gescheitelt, der Blick ist kühl und entschlossen. Ein kerniger Deutscher. In dem heute im Internet kursierenden DDR-Film überblendet die Kamera das Gesicht des Bürgermeisters von Westerland mit einem Foto von 1944, das ihn mit Ritterkreuz und in schwarzer SS-Uniform zeigt. Reinefarth, SS-Nummer 56634, war als Generalleutnant der Waffen-SS an der Niederschlagung des Warschauer Aufstands im August 1944 beteiligt. Die von ihm befehligten zwölf Polizeikompanien töteten mehr als 10.000 Zivilisten – Männer, Frauen, Kinder.

Für seine Kriegsverbrechen aber wurde der „Henker von Warschau“ nie zur Verantwortung gezogen. Zwei Ermittlungsverfahren gegen ihn wurden ohne Anklage eingestellt. Stattdessen beförderte ihn seine Partei, der stramm rechte „Bund der Heimatvertriebenen und Entrechteten“ (BHE), 1951 mit den Stimmen der CDU in das Amt des Westerländer Bürgermeisters, das der Kriegsverbrecher bis 1963 innehatte. 1958 wurde er sogar Landtagsabgeordneter in Kiel und damit der einzige ehemalige SS-General in einem deutschen Parlament.

Auf Sylt hat man die Überblendung der beiden Leben des Heinz Reinefarth beharrlich verdrängt. Trotzig schwiegen die Inselbewohner, als die Westpresse 1957 über den DDR-Propagandafilm berichtete; und auch wenn in den folgenden Jahren westdeutsche Medien oder ab und zu auch mal ein Politiker die SS-Vergangenheit des Bürgermeisters ansprachen, gab dies keinen Widerhall auf Sylt.

Jetzt aber, 70 Jahre nach Beginn des Warschauer Aufstands, wird das Schweigen der Insel nun endlich durchbrochen. Am 1. August soll am Westerländer Rathaus eine Gedenktafel enthüllt werden, auf der öffentlich die Mitverantwortung des einstigen Bürgermeisters für die Kriegsverbrechen in Polen eingestanden wird. Erstmals bekennt sich damit eine deutsche Kommune dazu, die Politkarriere eines NS-Kriegsverbrechers in ihrer Gemeinde geduldet zu haben.

Die Schuld des "Henkers von Warschau" aufarbeiten

In Gang gebracht hat das späte Sylter Bekenntnis ein polnischer Hobbyhistoriker. Der Mann hatte einer Pastorin der Insel Anfang des Jahres einen Brief geschrieben und darin gefragt, ob sie wisse, was für ein Mensch der einstige Bürgermeister Reinefarth gewesen sei. Und der Pole wollte auch wissen, welche Möglichkeiten es gebe, die Schuld des „Henkers von Warschau“ und das lange Schweigen der Insel über ihren Kriegsverbrecher aufzuarbeiten.

Eine Frage, mit der vor vielen Jahren schon Ernst-Wilhelm Stojan, sozialdemokratisches Urgestein auf der Insel, an den Syltern gescheitert war. Der heute 88-Jährige war lange Zeit Bürgervorsteher von Westerland. Er ist einer der wenigen, der noch zu Amtszeiten Reinefarths gegen den Bürgermeister vorgehen wollte. Aber damals bekam er selbst von der eigenen Fraktion keine Unterstützung. „Reinefarth war freundlich und zugewandt, die Leute haben ihn gemocht“, erinnert sich Stojan heute. „Er kümmerte sich, brachte den Ort voran. Man konnte sich bestens über Politik mit ihm unterhalten, aber wenn es um seine Vergangenheit ging, blockte er stets ab. Und kaum einer störte sich daran.“

Christoph Bornemann, Pastor in Westerland und Vorsitzender des dortigen evangelischen Kirchengemeinderats, hat Verständnis für die Verdrängungshaltung vieler Insulaner. „Die Generation, der auch Reinefarth angehörte und die selbst vom Krieg traumatisiert war, schwieg aus Selbstschutz und vielleicht auch aus Scham über die eigene Mitverantwortung, der man sich nicht stellen wollte“, sagt Bornemann, der seit 27 Jahren auf Sylt lebt. „Und die Nachfolgenden wuchsen mit den Kindern und Enkeln der Reinefarths auf, die geachtet und bekannt waren auf der Insel. Da stellt man sich in einem so kleinen Ort wie Westerland nicht so einfach gegen Mitmenschen, zumal Reinefarth wegen seiner Taten ja nie verurteilt wurde.“

Aber auch wenn die Sylter nie offen über die NS-Vergangenheit Reinefarths gesprochen hätten, bedeute dies nicht, dass alles vergessen war. „Der Umstand, dass ein Kriegsverbrecher so lange Bürgermeister von Westerland sein konnte, wurde hier immer als Makel empfunden“, sagt Pastor Bornemann.

Im Kirchengemeinderat löste der Anfang des Jahres eingegangene Brief des polnischen Historikers dann auch eine intensive Diskussion darüber aus, wie man die Frage von Schuld und Verantwortung noch einmal in die öffentliche Diskussion bringen könnte. „Schließlich waren wir uns einig, dass der anstehende Jahrestag des Warschauer Aufstands ein guter Anlass sei, ein Zeichen des Bedauerns und der Versöhnung zu setzen“, sagt Bornemann. In einem Brief an den Gemeinderat regte die Kirche dafür ein „sichtbares Zeichen“ im Ort an. Ein Gedenkstein auf dem Rathausvorplatz etwa, dessen Inschrift eine überzeugende Antwort auf die immer wieder gestellten Fragen nach dem Umgang Westerlands mit dem Kriegsverbrecher Reinefarth geben sollte.

Im Kulturausschuss des Gemeinderats wurde die Initiative der Pastoren Anfang März verhalten aufgenommen. Vor allem die CDU-Vertreter drängten darauf, dass der Gedenkstein lediglich auf den Warschauer Aufstand hinweisen sollte, nicht jedoch auf die Person Reinefarth, seine Beteiligung an der Niederschlagung und seine folgende Rolle in Westerland. Schließlich müsse man die Persönlichkeitsrechte beachten, „und überhaupt – so etwas macht man nicht“, wie der christdemokratische Bürgervorsteher damals sagte. Auch sollte der Stein nicht am Rathaus, sondern auf dem Westerländer Friedhof errichtet werden, wo Gräber polnischer Zwangsarbeiter angelegt sind.

Gerd Nielsen, SPD-Fraktionschef im Westerländer Rathaus, aber stellte sich gegen diese Pläne. „Im Ältestenrat habe ich gesagt, dass wir uns nicht mehr verstecken dürfen“, sagt der 60-Jährige. „Nach all den Jahrzehnten der Verdrängung müssen wir uns nun endlich im öffentlichen Raum der Frage stellen: Wie konnte Reinefarth hier Bürgermeister werden?“ Auch müsse die Inschrift einer Gedenktafel deutlich machen: „Hier ging dieser Mensch rein, und die anderen haben es ihm ermöglicht.“

Nielsens Appell fruchtete. Der Gemeinderat berief einen Arbeitskreis, dem neben den Fraktionsvorsitzenden auch Vertreter der Kirche, des Tourismusverbands und ein Rechtsanwalt angehörten. „In einer unserer Beratungen haben wir auch mit einem Enkel von Heinz Reinefarth über das Thema gesprochen“, erinnert sich Nielsen. „Die Familie lebt ja noch auf der Insel, und natürlich ist es für sie sehr schmerzlich, dass nun öffentlich auf die Kriegsverbrechen des Bürgermeisters hingewiesen wird. Aber darauf konnten und durften wir keine Rücksicht nehmen.“

Einstimmig billigte der Gemeinderat schließlich den Text der Tafel, auf dem nun in deutscher und polnischer Sprache der mehr als 100.000 Männer, Frauen und Kinder aus Polen gedacht wird, die während der Niederschlagung des Aufstands von den deutschen Besatzern verletzt, geschändet und ermordet wurden. Und dann folgen die zwei Sätze, vor denen sich Sylt so lange gedrückt hat: „Heinz Reinefarth, von 1951 bis 1963 Bürgermeister von Westerland, war als Kommandeur einer Kampfgruppe maßgeblich mitverantwortlich für dieses Verbrechen. Beschämt verneigen wir uns vor den Opfern des Warschauer Aufstands und hoffen auf Versöhnung.“

„Ich bin sehr froh, dass unsere Gemeinde so einvernehmlich ihr langes Schweigen zum Fall Reinefarth endlich gebrochen hat“, sagt der SPD-Mann Gerd Nielsen. „Es ist spät, eigentlich sogar viel zu spät, dass wir das geschafft haben.“

Für Pastor Bornemann ist damit aber die Aufarbeitung noch nicht beendet. „Auch der Landtag in Kiel sollte den Fall seines ehemaligen Abgeordneten Reinefarth zum Anlass nehmen, die eigene braune Vergangenheit kritisch aufzuarbeiten“, sagt er. Auch müsse sich die nordelbische Kirche mit der Frage beschäftigen, wie sie nach dem Krieg mit Schuld und Aufarbeitung umgegangen ist. „Der Fall Reinefarth“, sagt Bornemann, „ist noch längst nicht abgeschlossen.“

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