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NS-Gedenken Besuch in der KZ-Gedenkstätte Dachau

Tausende Schülergruppen besuchen jedes Jahr KZ-Gedenkstätten. Die FR hat eine begleitet.

KZ-Gedenkstätte Dachau
Vor drei Jahren wurde das Original-Lagertor aus Dachau gestohlen. Heute steht am Eingang eine Nachbildung. Foto: dpa

Durch dieses Tor gehen nun auch die Neuntklässler aus Pullach. Ein Handyfoto von der weltberühmten Aufschrift macht dabei keiner von ihnen – anders, als es die Erfahrungen von Matthias Grab nahelegen. Der 19-Jährige macht bei der Gedenkstätte derzeit eine Ausbildung zum Guide und sieht immer wieder Schüler, die unter dem Schriftzug „Arbeit macht frei“ posieren. „Am besten noch mit Daumen hoch“, sagt er verständnislos. Er sehe „eigentlich jeden Tag“ einzelne Schüler, die sich auf dem Gelände daneben benehmen und im Sommer Hacky Sacks, im Winter Schneebälle durch die Gegend fliegen lassen. „Entweder sehen das die Lehrer gar nicht oder sie sehen drüber hinweg“, kritisiert Grab, der außer einer Ermahnung nichts weiter tun könne. „Aber zumindest sind die meisten dann einsichtig.“

Das bestätigt auch Björn Mensing, der mit seiner Gruppe inzwischen auf dem Weg in den einstigen Ankunftstrakt ist; dorthin wurden auch die neuen Häftlinge zuerst gebracht. „Hier mussten sie ihr letztes Hab und Gut abgeben: die Fotos, die manche noch bei sich hatten – reine Schikane, weil die für die Nazis materiell wertlos waren. Könnt ihr euch vorstellen, wie sie sich gefühlt haben?“ Immer wieder bezieht Mensing die Schüler mit ein, stellt Fragen, animiert zum Mitdenken. „Wenn ihr Fragen habt, unterbrecht mich!“ Kaum gesagt, schnalzen drei Finger in die Luft. Waren Frauen und Männer getrennt untergebracht? Gab es keine Bombenangriffe gegen die SS? Wurden die Juden auch von anderen Häftlingen diskriminiert?

Die Fragen, die die Gruppe an diesem Tag stellt, findet Mensing „besonders gut“. Der authentische Ort, die nachgebauten Baracken mit den dreistöckigen Holzbetten, schüren die Neugier der Schüler im kalten Winter umso mehr: „Gab es keine Heizung?“, will ein Mädchen wissen, das ihren Schal in dem eisigen Barackenbau sofort enger um den Hals bindet. Für Mensing die Gelegenheit, anzuknüpfen: „Und jetzt stellt euch mal vor, ihr müsstet bei den Temperaturen auch noch jeden Tag um fünf zum Morgenappell in die Kälte raus – ohne winterfeste Kleidung.“

Situationen wie diese nennt Mensing „Lernchancen“, die er in dieser Tiefe nur am historischen Ort für möglich hält – auch auf die Gefahr hin, dass sich einer mal daneben benimmt. Bislang musste er in den 13 Jahren, die er Schüler nun schon über das Gelände führt, aber nur einmal einem Jungen sagen, dass er die Führung nicht mehr weiter mitmachen dürfe.

So weit geht Mensing an diesem Morgen nicht, als ein Schüler einen Müsliriegel aus seinem Rucksack holt. „Ich bitte aus Pietätsgründen, hier nicht zu essen“, so Mensings schlichte Ansage, die Wirkung zeigt: Jetzt stellt der Junge umso mehr Fragen, genauso wie seine Mitschüler. Mensing freut es: „Es gibt auch Gruppen, bei denen von keinem eine Rückfrage kommt.“ Per se als Desinteresse will er das nicht werten, weil viele Schüler seine teils brutalen Schilderungen aus dem Lageralltag erst einmal verarbeiten müssten. Auch Heike Lambrecht, die schon seit langem mit Neuntklässlern nach Dachau fährt, kann keine Interessenlosigkeit oder gar Überdruss bei den Schülern feststellen. Die „Nicht-schon-wieder-Holocaust“-Generation habe sich überlebt, sagt sie. „Die Schüler gehen eher mit so vielen Fragen raus, dass sie es schade finden, wenn man hinterher im Lehrplan weitermachen muss.“

Heute nimmt sich die Lehrerin nach zweieinhalb Stunden Führung aber noch einmal Zeit, in Mensings Versöhnungskirche über die Eindrücke zu sprechen. Draußen läuft die Gruppe aus Bus Nummer 726 wieder in Richtung Ausgang. Von Parfüm und PC-Nächten redet nun keiner mehr.

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