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NS-Gedenken Besuch in der KZ-Gedenkstätte Dachau

Tausende Schülergruppen besuchen jedes Jahr KZ-Gedenkstätten. Die FR hat eine begleitet.

KZ-Gedenkstätte Dachau
Vor drei Jahren wurde das Original-Lagertor aus Dachau gestohlen. Heute steht am Eingang eine Nachbildung. Foto: dpa

Bahnhof Dachau, kurz nach halb neun. Bus Nummer 726 mutet an diesem Dienstagmorgen mehr an wie ein Schul- denn ein öffentlicher Linienbus der Münchner Verkehrsgesellschaft. Schüler drängen in den Bus, in dem die Berufstätigen routiniert ihre Aktentasche auf die Oberschenkel stellen. Eine ältere Dame packt ihren Dackel auf den Schoß, um Platz für die Schülerschar zu machen. „Sind alle drin?“, fragt die Lehrerin mit verzerrtem Blick in den Bus hinein, als wolle sie damit um Nachsicht bei den Fahrgästen werben.

Wer in Dachau regelmäßig mit den Öffentlichen fährt, ist solches Gedränge gewöhnt, zumindest in Bus Nummer 726. Denn der fährt zur „Saubachsiedlung über KZ-Gedenkstätte“, wie auf der Anzeige über dem Fahrerfenster zu lesen ist. Dachau steht 73 Jahre, nachdem die Alliierten die noch lebenden Häftlinge befreit haben, nach wie vor im Schatten des gleichnamigen Konzentrationslagers. Damals haben die meisten Dachauer die Augen davor verschlossen, dass die Nazis rund 41.000 Menschen vor den Toren der Stadt ermordet haben, frei nach dem Motto: „Halt’s Maul, sonst kommst Du auch rein!“

Heute ist das Gedenken Alltag in Dachau – frei nach der jüdischen Weisheit: Das Geheimnis der Erlösung heißt Erinnerung. Und weil an authentischen Orten mehr Erinnerungen verbürgt sind als in jedem Geschichtsbuch, fungiert das Konzentrationslager Dachau seit 1965 – auf Initiative ehemaliger Häftlinge – als offizieller Erinnerungsort. Der bayerische Lehrplan für Gymnasien und Realschulen empfiehlt unverbindlich einen Besuch in der 9. Klasse. Daran hat sich auch die Lehrerin in Bus Nummer 726 gehalten, obgleich die Gespräche ihrer Neuntklässler kaum darauf schließen lassen, wo sie gleich aussteigen werden: „Wie hieß nochmal das Parfüm, das du dir zum Geburtstag wünschst?“ fragt eine Schülerin auf dem Schoß ihrer Klassenkameradin. „Ghost Girl.“ „Echt? Das riecht so nuttig, ey.“ Bei den Jungs daneben geht’s um die durchzockte Nacht vorm PC, weshalb einer jetzt „am liebsten im Bett“ wäre. Doch daraus wird nichts. Der Bus hält vor dem Besuchereingang der Gedenkstätte, in das die Lehrerin jetzt ihre Klasse lotst. Die Schülergruppe aus Bus Nummer 726 ist nur eine von vielen, deren Unterricht heute auf der Gedenkstätte stattfindet.

Auf eine von ihnen wartet auch Björn Mensing. Der gebürtige Lüneburger ist promovierter Historiker und ordinierter Theologe – gute Voraussetzungen für die Pfarrstelle an der evangelischen Versöhnungskirche. Sie wurde auf dem Gelände des Konzentrationslagers erbaut, nachdem es zur Gedenkstätte wurde. Rund 250 Schülergruppen führt Björn Mensing in Kooperation mit einem katholischen Seelsorger jährlich über das rund 18 Hektar große Areal. „Aber wir sind nur ein kleiner Akteur“, sagt Mensing. Denn auf dem frei zugänglichen Gelände tummeln sich allerlei kommerzielle wie öffentliche Anbieter. Die meisten Schülergruppen führt die Gedenkstätte selbst mit zuletzt 4000 Führungen im vergangenen Jahr.

An diesem Morgen erwartet Mensing eine 9. Realschulklasse aus Pullach im Landkreis München. Bevor es losgeht, gibt Lehrerin Heike Lambrecht ihren 23 Schülerinnen und Schülern noch einmal die Frage mit auf den Weg, mit der sie sich während des Besuchs beschäftigen sollen: „Was für ein Mensch möchte ich sein?“ Denn unvorstellbar Unmenschliches habe sich hinter dem Lagertor mit dem Schriftzug „Arbeit macht frei“ abgespielt, warnt sie. Noch dazu hatten viele Häftlinge bereits Unsägliches über sich ergehen lassen müssen, ehe sie nach Dachau kamen. Vor dem Lagertor erzählt Mensing den Schülern die Geschichte von Martin Kieselstein aus Siebenbürgen, den die SS mit 18 – „also etwas älter als ihr“ – tagelang in übervollen Viehwaggons nach Dachau karrten. „Die Wachleute ließen die Leute aus reiner Schikane nicht auf die Toilette, obwohl sie an vielen Bahnhöfen hielten. Sie stellten bloß einen Kübel in den Waggon. Und der kippte während der Fahrt über Martin. Und dann war die Verhöhnung auf dem Lagertor das Erste, was er hier sah.“

Durch dieses Tor gehen nun auch die Neuntklässler aus Pullach. Ein Handyfoto von der weltberühmten Aufschrift macht dabei keiner von ihnen – anders, als es die Erfahrungen von Matthias Grab nahelegen. Der 19-Jährige macht bei der Gedenkstätte derzeit eine Ausbildung zum Guide und sieht immer wieder Schüler, die unter dem Schriftzug „Arbeit macht frei“ posieren. „Am besten noch mit Daumen hoch“, sagt er verständnislos. Er sehe „eigentlich jeden Tag“ einzelne Schüler, die sich auf dem Gelände daneben benehmen und im Sommer Hacky Sacks, im Winter Schneebälle durch die Gegend fliegen lassen. „Entweder sehen das die Lehrer gar nicht oder sie sehen drüber hinweg“, kritisiert Grab, der außer einer Ermahnung nichts weiter tun könne. „Aber zumindest sind die meisten dann einsichtig.“

Das bestätigt auch Björn Mensing, der mit seiner Gruppe inzwischen auf dem Weg in den einstigen Ankunftstrakt ist; dorthin wurden auch die neuen Häftlinge zuerst gebracht. „Hier mussten sie ihr letztes Hab und Gut abgeben: die Fotos, die manche noch bei sich hatten – reine Schikane, weil die für die Nazis materiell wertlos waren. Könnt ihr euch vorstellen, wie sie sich gefühlt haben?“ Immer wieder bezieht Mensing die Schüler mit ein, stellt Fragen, animiert zum Mitdenken. „Wenn ihr Fragen habt, unterbrecht mich!“ Kaum gesagt, schnalzen drei Finger in die Luft. Waren Frauen und Männer getrennt untergebracht? Gab es keine Bombenangriffe gegen die SS? Wurden die Juden auch von anderen Häftlingen diskriminiert?

Die Fragen, die die Gruppe an diesem Tag stellt, findet Mensing „besonders gut“. Der authentische Ort, die nachgebauten Baracken mit den dreistöckigen Holzbetten, schüren die Neugier der Schüler im kalten Winter umso mehr: „Gab es keine Heizung?“, will ein Mädchen wissen, das ihren Schal in dem eisigen Barackenbau sofort enger um den Hals bindet. Für Mensing die Gelegenheit, anzuknüpfen: „Und jetzt stellt euch mal vor, ihr müsstet bei den Temperaturen auch noch jeden Tag um fünf zum Morgenappell in die Kälte raus – ohne winterfeste Kleidung.“

Situationen wie diese nennt Mensing „Lernchancen“, die er in dieser Tiefe nur am historischen Ort für möglich hält – auch auf die Gefahr hin, dass sich einer mal daneben benimmt. Bislang musste er in den 13 Jahren, die er Schüler nun schon über das Gelände führt, aber nur einmal einem Jungen sagen, dass er die Führung nicht mehr weiter mitmachen dürfe.

So weit geht Mensing an diesem Morgen nicht, als ein Schüler einen Müsliriegel aus seinem Rucksack holt. „Ich bitte aus Pietätsgründen, hier nicht zu essen“, so Mensings schlichte Ansage, die Wirkung zeigt: Jetzt stellt der Junge umso mehr Fragen, genauso wie seine Mitschüler. Mensing freut es: „Es gibt auch Gruppen, bei denen von keinem eine Rückfrage kommt.“ Per se als Desinteresse will er das nicht werten, weil viele Schüler seine teils brutalen Schilderungen aus dem Lageralltag erst einmal verarbeiten müssten. Auch Heike Lambrecht, die schon seit langem mit Neuntklässlern nach Dachau fährt, kann keine Interessenlosigkeit oder gar Überdruss bei den Schülern feststellen. Die „Nicht-schon-wieder-Holocaust“-Generation habe sich überlebt, sagt sie. „Die Schüler gehen eher mit so vielen Fragen raus, dass sie es schade finden, wenn man hinterher im Lehrplan weitermachen muss.“

Heute nimmt sich die Lehrerin nach zweieinhalb Stunden Führung aber noch einmal Zeit, in Mensings Versöhnungskirche über die Eindrücke zu sprechen. Draußen läuft die Gruppe aus Bus Nummer 726 wieder in Richtung Ausgang. Von Parfüm und PC-Nächten redet nun keiner mehr.

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