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NRW-Wahl Schulz schaut nach vorn

Der gebeutelte SPD-Kanzlerkandidat hält sich nur kurz mit Wundenlecken auf. NRW war vorher, jetzt ist Bundestag - deshalb ist nun Offensive angesagt. Kann die Partei aus ihren Fehlern lernen?

Nach der Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen - SPD
Foto: Kay Nietfeld (dpa)

Das Willy-Brandt-Haus ist voll, Menschen dicht gedrängt im Atrium, auf den Treppen. Hinter Martin Schulz am Pult haben die Regisseure dieses Tages junge Menschen gesetzt – alles soll wie Aufbruch aussehen, nicht wie im durchschnittlich überalterten SPD-Ortsverein.

„Unsere Partei, die SPD tritt mit dem Anspruch an, bei der kommenden Bundestagswahl die stärkste politische Kraft in unserem Land zu werden“, sagt Schulz mit fester Stimme. Nach dem ersten, noch langsam gesprochenen Satz, setzt er den zweiten schneller und lauter hinterher. So, als solle jedes Wort ein Paukenschlag sein. „Und ich trete mit dem Anspruch an, Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland zu werden“, ruft Schulz in den Raum. Der Jubel, von dem er schon nach dem ersten Satz unterbrochen wurde, brandet noch lauter auf.

Diese Szene stammt von Schulz’ erstem Auftritt als Kanzlerkandidat Ende Januar. Und auch wenn sie gerade mal dreieinhalb Monate her ist, wirkt sie heute, als wäre sie aus einer fernen Vergangenheit. Als Schulz am Montag nach der Wahl in Nordrhein-Westfalen an der Seite von Hannelore Kraft vor die Mitarbeiter der SPD-Zentrale in Berlin tritt, gibt es auch Applaus – lang, pflichtschuldig. Schulz wirkt nach der dritten Niederlage schon allzu routiniert darin, wie er sagt, dass alle in der Partei Wahlen gemeinsam gewinnen und verlieren. Wie er die Verliererin umarmt und Blumen übergibt. Vom Euphorie auslösenden Hoffnungsträger zu dem Mann, der ein historisch schlechtes Wahlergebnis im Stammland der SPD, in Nordrhein-Westfalen, verkaufen muss.

Die Sozialdemokraten haben in den vergangenen Monaten drei schwere Fehler begangen. Erstens haben sie unterschätzt, dass die Aussicht auf ein mögliches Linksbündnis im Saarland der CDU dort helfen würde, Wähler zu mobilisieren. Die SPD dachte, die Frage, wie man mit Linken reale Politik machen kann, sei für die Bürgerinnen und Bürger nicht mehr so wichtig. Sie lag falsch.

Der zweite Fehler war zu glauben, die Wahlen in Schleswig-Holstein und in Nordrhein-Westfalen seien sicher. Als Schulz versuchte, nach der Saarland-Wahl in die Offensive zu kommen, schob er die Niederlage der SPD auch auf den Amtsinhaber-Bonus von Annegret Kramp-Karrenbauer. Und er kündigte an, man würde nun bei den kommenden beiden Wahlen auf die gleiche Art und Weise punkten. Er hat geirrt.

Der dritte Fehler war, dass die Sozialdemokraten sich einfach so darauf verließen, dass es schon irgendwie weitergehen würde mit dem Schulz-Hype. Es war ja auch zu schön: Die Umfragewerte schnellten anfangs in für unmöglich gehaltene Höhen. Mehr als 16 000 Menschen traten in die SPD ein, zwischenzeitlich gingen sogar die Parteibücher aus. Und in der Partei jubelten Schulz auch jene zu, die dies beim abgetretenen Parteichef Sigmar Gabriel nie getan hätten. Unvergessen ist, wie die sonst so streitlustige Juso-Chefin Johanna Uekermann mit Schulz auf der Bühne ein Selfie machte.

Danach aber hat Schulz für seine eigene Wahlkampagne – abgesehen von Ausnahmen wie dem Arbeitslosengeld Q – nur sehr spärlich mit greifbaren Inhalten geliefert. Und so wurde über ihn immer weniger berichtet – während die Kanzlerin qua Amt sich regelmäßig, souverän und fernsehgerecht auf internationalem Parkett und daheim in Szene setzen kann.

Etwas Neues ist erstmal interessant, weil es neu ist. Danach gewöhnt man sich daran und das neue ist nicht mehr so neu. Diese Erkenntnis haben sie bei der SPD missachtet. Hannelore Kraft mochte, wie sie am Montag selbst nochmal betont, darum gebeten haben, ihren Wahlkampf nicht bundespolitisch zu überfrachten. Dennoch hätten sie in Schulz’ Team darauf bestehen müssen, mehr eigene Akzente zu setzen. Im Nachhinein gibt es daran gar keinen Zweifel.

Dass Schulz noch dazu in der Woche vor der NRW-Wahl an einem Termin in Rostock teilnahm, statt ununterbrochen in seiner Heimat um Wähler zu werben, hat auch im Willy-Brandt-Haus manchen irritiert. Sieht so ein kluger Wahlkampf aus? Fehlt es dem einen oder anderen Entscheidungsträger an der notwendigen Erfahrung?

Dort, wo er zum Einsatz kam, hat Schulz gezeigt, dass er seine Qualitäten als Wahlkämpfer hat. Am Wahlstand in der Fußgängerzone Leverkusen schrieb er nicht nur Autogramme und stand für Selfies bereit. Er erläuterte nicht nur an der Seite des örtlichen SPD-Abgeordneten Karl Lauterbach, wie wichtig es sei, dass Arbeitgeber sich in gleichem Maß wie Arbeitnehmer an den Kassenbeiträgen beteiligen. Als ihn jemand ansprach, er komme aus der gleichen Gegend wie Schulz, legte der Kanzlerkandidat spontan seinen Arm um die Schulter des Mannes: „Dann lass uns mal schauen, ob ich dich auch kenne.“ Kurze Zeit später stellte der Bürger ihm auch noch seine Arbeitskollegen vor.

Im heimischen Würselen stellte Schulz Schlagfertigkeit und Souveränität unter Beweis, bei Regen und Wind auf der Freilichtbühne Burg Wilhelmstein, als hinter ihm eine Plakatwand nach vorn kippte. Helfer konnten sie gerade noch rechtzeitig greifen. Schulz schaute nach hinten und dann wieder nach vorn: „Da steht der Armin Laschet hinter.“ Großes Gelächter.

Lachen nun aber Laschet und die CDU als letzte am besten? So können, so dürfen sie bei der SPD natürlich jetzt nicht denken. Stattdessen wollen die Sozialdemokraten jetzt inhaltlich in die Offensive kommen. So sprachen sie am Montag im Vorstand über den Leitantrag für den Parteitag – auch wenn selbiger bislang dem Vernehmen nach noch Lücken in so wichtigen Fragen wie einem durchgerechneten Steuerkonzept hat. So werden sie überlegen, wie sie Schulz und sein Kernthema Gerechtigkeit so positionieren können, dass er auch der Wirtschaft als ein attraktiver Ansprechpartner erscheint.

Der Kandidat will jetzt angreifen. Einen ersten Vorgeschmack darauf gab es schon am Montag beim Wundenlecken mit Hannelore Kraft. Ob die Lehre aus der Niederlage nicht lauten müsse, dass die SPD sich bei der inneren Sicherheit stärker positionieren müsse, wird Schulz gefragt. Jeder müsse seine Hausaufgaben machen, erwidert er. Er meint Bundesminister der CDU und deren Probleme mit der inneren Sicherheit, beispielsweise von der Leyen. NRW ist vorbei, jetzt ist Bundestag.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Landtagswahl Nordrhein-Westfalen

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