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NRW-Wahl Hannelore Kraft, die bekümmerte Kümmerin

Hannelore Kraft kann den Wählern vermitteln, dass sie eine von ihnen ist. Doch ihre Unbeschwertheit hat die SPD-Ministerpräsidentin verloren. Ein Porträt.

Hannelore Kraft
Hannelore Kraft hat ihre Unbeschwertheit verloren. Foto: Getty

Hannelore Kraft fährt sich ein letztes Mal mit dem Puderschwämmchen über Nase, Stirn und Wangen. Jetzt noch etwas Lippenstift und raus aus dem Bus. Auf dem Marktplatz von Bergisch Gladbach werden fröhlich Plakate geschwenkt: „Hannelore Kraft“ und „Stolz auf NRW“ steht darauf. Alles klatscht, alles lächelt. Die 55-Jährige strahlt. Ihr Jackett ist nachtblau, das Haar frisch geföhnt.

Drinnen im „Bergischen Löwen“ weiß gedeckte Tische, Kaffee und Tee in Warmhaltekannen. Dazwischen rote Schokoherzen. Das Bürgerfrühstück mit der NRW-Ministerpräsidentin ist bestens besucht. „Schön, Sie zu sehen“, ruft Hannelore Kraft in die Runde. Sie geht von Tisch zu Tisch. Schüttelt Hände. Hockt sich vertraulich auf eilig freigeräumte Stühle. „Ich fühle mich ihr freundschaftlich verbunden“, sagt Hanni Fischer, langjähriges SPD-Mitglied und aus Burscheid angereist zum Frühstückssnack, nachdem die Spitzenkandidatin ihrer Partei ein paar Minuten mit ihr geplaudert hat. „Sie ist wie meine Nachbarin. Ich könnte mit ihr shoppen oder Kaffee trinken gehen.“

Das muss man können. Und das muss man mögen: Menschen umarmen im wörtlichen wie im übertragenen Sinne. Hannelore Kraft kann das, wenn sie will. Und meistens will sie. „Ich mag Menschen“, wird die „Kümmerin“ und „große Landesmutter“ später im kleinen Kreis sagen. Und: „Wer die Menschen nicht mag, der sollte nicht in die Politik gehen.“

Sie selber war bereits über 30, als sie vor 23 Jahren hineinfand in die SPD. Hannelore Kraft hat diese Geschichte schon oft erzählt. Bei Podiumsdiskussionen, in Interviews und auf Wahlveranstaltungen: Sohn Jan ein Jahr alt, der Job als Unternehmensberaterin zeitintensiv, kein Kita-Platz in Sicht. Also tritt die junge Mutter 1994 in die Partei ein, welche ihr inhaltlich am nächsten steht, um geradezurücken, was ihrer Meinung nach schiefläuft in NRW.

Hannelore Kraft ist es gewohnt, die Dinge selber in die Hand zu nehmen. „Wir lebten in einfachen Verhältnissen. Wenige Bücher, keine Kunst und Kultur“, schildert sie ihr Elternhaus. „Als ich aufs Gymnasium gehen wollte, sagte mein Vater: Da musst du allein durch.“ Sie ist die Erste, die in ihrer Familie Abitur macht, die Erste, die studiert und einen Abschluss in Wirtschaftswissenschaften macht. Erfahrungen wie diese prägen ein Politikerleben. Sieben Jahre nach ihrem Eintritt in die SPD wird sie vom damaligen NRW-Ministerpräsidenten Wolfgang Clement zur Ministerin für Bundes- und Europaangelegenheiten ernannt. 2010 ist sie selber ganz oben: Ministerpräsidentin von NRW.

Sie sei konsequent ihren Weg gegangen, ohne andere wegzubeißen, sagen alte Mitstreiter wie Dieter Spliethoff. Der SPD-Ortsvorsitzende in Mülheim-Dümpten kennt die Genossin seit 1997, man wohnt bis heute nicht weit voneinander entfernt. Damals habe er sie gefragt, ob sie sich vorstellen könne, gemeinsam mit ihm für den Mülheimer Stadtrat zu kandidieren. „Sie hat gesagt: Mein Ziel ist das Land.“

Doch der Weg dahin ist nicht leicht. Die „alten Männer“ in der SPD machen der Polit-Anfängerin das Leben schwer – manch einer neidet der Frau „ohne Stallgeruch“ den Erfolg. Hannelore Kraft entwickelt schnell eine feine Antenne dafür, wer es gut mit ihr meint und wer nicht. Nur wenige Mitarbeiter genießen ihr volles Vertrauen. Das hat sich bis heute nicht geändert. „Vorsicht an der Bahnsteigkante“, das ist ein Satz, den man häufig von ihr hört.

2017 also geht es in die dritte Runde: 422 Genossinnen und Genossinnen nominierten die 54-Jährige am 19. Februar in Düsseldorf als Spitzenkandidatin der SPD. 100 Prozent Zustimmung – eine Wertschätzung, die wenig später nur noch Martin Schulz erfährt, als es um die Nominierung zum Kanzlerkandidaten der SPD geht. Hannelore Kraft wirkt an diesem Tag schier überwältigt von der Sympathiewelle, die ihr entgegenbrandet.

Sie hat schon andere Zeiten erlebt, und die sind noch gar nicht so lange her. „Amtsmüdigkeit“ wirft ihr die Presse im vergangenen Jahr vor. Ein „Blackout“ bei einer Landespressekonferenz im April befeuert diese These. Auf die Frage, was sie bis zur Landtagswahl im Mai 2017 politisch noch vorhabe, wirkt die NRW-Chefin so unvorbereitet wie eine Pennälerin, die ihre Hausaufgaben nicht gemacht hat. Ihre „großen Themen“? Keine Ahnung. Selbst die hektische Suche in einem Stapel Notizen hilft in dem Moment nicht weiter. „Ich finde es nicht. Tut mir leid.“

Entschuldigungen wie diese hat man in den vergangenen Jahren nur noch selten gehört von Hannelore Kraft. Die letzten sieben Jahre als Ministerpräsidentin in NRW haben sie verändert. Vor allem im Umgang mit der Presse wirkt sie oft patzig und gereizt. Das war früher anders. Zu Oppositionszeiten gesellte sie sich noch gern zu den Journalisten, wenn die im Büro ihres Pressesprechers auf dem Sofa hockten. Locker plauschte sie mal über Politik, mal über ihren Lieblingsfußballclub „Borussia Mönchengladbach“. Diese Unbeschwertheit ist verloren gegangen.

Auch in der Staatskanzlei am Stadttor 1 macht man sich im vergangenen Jahr zunehmend Sorgen um die Chefin, die so seltsam lustlos wirkt. Während sie nach der Love-Parade-Katastrophe 2010 oder nach dem Absturz der Germanwings-Maschine fünf Jahre später stets den richtigen Ton traf, dauert es nach den Vorfällen in der Kölner Silvesternacht Tage, bis von ihr ein Statement kommt. Ist der Landesmutter das politische Gespür abhanden gekommen?

Eine schwere Zeit sei das vergangene Jahr gewesen, gibt Hannelore Kraft zu und meint das doch ganz anders, als man es zunächst deuten möchte. Anfang Januar 2016 wird bei ihrer 80-jährigen Mutter Krebs festgestellt. Anni Külzhammer bleiben nur noch wenige Monate. „Das erklärt vielleicht manches“, sagt Hannelore Kraft. Damals sei bei ihr „alles wieder hochgekommen“: der „elendige“ und viel zu frühe Krebstod des Vaters. Da war sie selber gerade 20 Jahre alt. Die Beerdigung, die sie fast im Alleingang organisieren musste.

Sie habe der Mutter, als die im Hospiz lag, angeboten, in der Landespolitik zu pausieren und sich nur noch um sie zu kümmern, sagt Hannelore Kraft. „Aber das wollte sie nicht. Sie würde auch jetzt wollen, dass ich weitermache.“ Und so trägt die Tochter auf den aktuellen Wahlplakaten ein Paar Ohrringe, die sie im letzten gemeinsamen Urlaub mit der Mutter gekauft hat.

„Schleswig-Holstein ist nicht NRW“

Die Politik der Hannelore Kraft fußt vor allem auf privatem Erleben. Oder erweckt zumindest den Anschein, genau das zu tun. Die eigene Biografie dient als Beleg dafür, wie wichtig „die beste Bildung von Anfang an“ ist. Sie geht rein in Arbeitsämter und Krankenhäuser und steht morgens um sechs vor dem Werkstor von Siemens. „Ich mag solche Termine“, sagt sie. „Ich bin wie ein Rennpferd auf der Strecke.“ Und: „Sie erfahren nur etwas, wenn die Leute Ihnen ihr Herz ausschütten.“

Die Bilanz der letzten sieben Jahre fällt dennoch eher nüchtern aus. „Kein Kind zurücklassen“? Die Kinderarmut ist in NRW weiter angestiegen. Die Reform der Kita-Finanzierung wurde in die nächste Legislaturperiode verschleppt. Die Unzufriedenheit mit der Inklusion und dem „Turbo-Abi“ wächst. Reicht die demonstrative Volksnähe, das Händeschütteln, der leichte Ruhrpott-Zungenschlag, um die Fehler und Versäumnisse wettzumachen?

Hannelore Kraft bleibt zuversichtlich. Selbst der Ausgang der Schleswig-Holstein-Wahl scheint sie nicht zu erschüttern. „Schleswig-Holstein ist nicht NRW.“

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Landtagswahl Nordrhein-Westfalen

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