NRW-Wahl Armin Laschet, der rheinische Kämpfer

CDU-Spitzenkandidat Armin Laschet tritt in Nordrhein-Westfalen freundlich und humorvoll auf. Kritiker werfen ihm deshalb vor, nicht energisch genug auf den Sieg zu setzen.

Armin Laschet
Armin Laschet ist der CDU-Spitzenkandidat in Nordrhein-Westfalen. Fotograf: dpa

Armin Laschets Haar ist unter einem weißen Schutzhäubchen verborgen. Er hat die Hände in den Hosentaschen vergraben. Mit einem freundlichen Lächeln auf den Lippen stapft der 56-Jährige vorbei an Blechen mit rohen Zimtschnecken, an Brötchen- und Teigknetmaschinen. Es riecht nach Hitze und frischem Brot.

Laschet spitzt die Lippen. Gleich wird er dem Mitarbeiterstab des Bäckereibetriebs „Triffterer“ in Neuenkirchen eine seiner Lieblingsgeschichten erzählen. Die vom Chemiekonzern „Lanxess“, den das grüne NRW-Umweltministerium per Erlass nötigen will, die Baupläne von geplanten Chemie- und Verbrennungsanlagen ins Netz zu stellen. „Damit soll Transparenz geschaffen werden. Doch der normale Bürger versteht diese Pläne nicht. Das tun nur zwei Menschen auf dieser Welt: der Terrorist und der Konkurrent aus China.“ Beifall brandet auf, man hört ein paar verhaltene Lacher. Laschet nickt zufrieden.

Der Mann mit dem freundlichen Lächeln wird die Geschichte an diesem Tag noch dreimal erzählen: vor Vertretern der „Mittelstands- und Wirtschaftsvereinigung der CDU NRW“ in Münster, bei einer Wahlveranstaltung im „Zentrum für Wissen, Bildung und Kultur“ in Coesfeld und einer weiteren zwei Stunden später im Gronauer Filmpalast „Cinetech“. Und sie wird sich jedes Mal anhören, als erzähle er sie gerade zum allerersten Mal.

Der Spitzenkandidat der CDU in NRW hat auf seiner Wahlkampftour noch weitere Geschichten in petto, die davon berichten, wo die rot-grüne Landesregierung in den vergangenen sieben Jahren seiner Meinung nach versagt hat. Die vom elfjährigen Anjo von der Max-Born-Realschule in Asseln zum Beispiel, der kürzlich 347 Unterschriften sammelte, um gegen den immensen Unterrichtsausfall an seiner Schule zu protestieren.

Und da ist natürlich noch die Mutmach-Story von der Aufholjagd des FC Barcelona gegen „Paris St. Germain“ kürzlich in Barcelona, als es um den Einzug ins Viertelfinale der Champions League ging. Barcelona gewann in 95. Minute mit 6:1. „Man muss einfach weitermachen“, sagt Laschet, wenn er diese Geschichte beendet hat. „Auch wenn man mal zurückliegt. Wenn man kämpft und die Menschen überzeugt, kann man gewinnen.“

Laschet, der am 14. Mai Ministerpräsident von NRW werden will, kennt sich aus mit dem Gewinnen. Und er kennt sich aus mit dem Verlieren. Beides, sagt er, gehöre zu einem Politikerleben dazu.

18 Jahre ist er, als er auf Drängen eines Freundes in die Junge Union eintritt – ein Pennäler aus Aachen-Burtscheid, dem Stadtteil, in dem er heute mit Ehefrau Susanne lebt. Die Familie ist katholisch, „rheinisch-katholisch“, präzisiert Laschet gern. „Die christlichen Werte spielen in meinem Leben bis heute eine große Rolle, auch wenn ich manchmal mit der katholischen Kirche hadere.“ So verwundert es nicht, dass in seinem Landtagsbüro Fotos stehen, die ihn zusammen mit den Päpsten Johannes Paul II und Franziskus zeigen.

Laschet macht schnell Karriere in der Partei. Wird Kreisvorsitzender der Schüler-Union. Arbeitet sich weiter hoch, ein ruhiger junger Mann mit neugierigen Augen, dessen Qualitäten im Zuhören liegen. Mit 28 ist er der jüngste Ratsherr im Aachener Stadtrat. Darauf ist er bis heute stolz. „Jede Menge Arbeit, Sitzungen bis in die Nacht hinein. Das muss man wollen.“ Laschet will. Er hat inzwischen sein Jurastudium abgeschlossen und arbeitet in der damaligen Bundeshauptstadt Bonn als Korrespondent für den Bayerischen Rundfunk. Ein erstes Kind ist unterwegs. 1991 wird er zum stellvertretenden Vorsitzenden der CDU-Bezirksverbandes Aachen gewählt, drei Jahre später ist er Mitglied im Deutschen Bundestag.

Doch es kommen auch andere, schlechtere Zeiten. 1998 verliert Laschet seinen Wahlkreis an Ulla Schmidt von der SPD. Es ist seine erste große Niederlage, und sie nimmt ihn, wie er in Gesprächen mit entwaffnender Offenheit gesteht, mehr mit als alle, die später folgen. Sechs Jahre arbeitet er anschließend als Europa-Abgeordneter in Brüssel, bis ihn der damalige NRW-Ministerpräsident Jürgen Rüttgers 2005 als „Minister für Generationen, Familie, Frauen und Integration des Landes Nordrhein-Westfalen“ in die Landespolitik holt. Der frischgebackene Ressortchef geht in seinem neuen Job voll auf, übernachtet sogar bisweilen in seinem Büro mit Panorama-Blick auf den Rhein, das er sich wohnlich eingerichtet hat.

Doch Laschets Ruf ist parteiintern nicht der beste. „Türken-Armin“ nennen sie ihn in der Union hinter vorgehaltener Hand. Er lässt sich vor laufenden Kameras von einem türkischen Friseur die Haare schneiden und veröffentlicht 2009 ein Buch mit dem Titel „Die Aufsteigerrepublik. Zuwanderung als Chance“. Das kommt nicht bei jedem in der Partei gut an.

Chaotisch und wenig organisiert sei er, murren einige, als er 2012, nach einem ersten, schmerzlich misslungenen Anlauf zwei Jahre zuvor, zum NRW-Landesvorsitzenden und ein Jahr später zum Fraktionsvorsitzenden in NRW gewählt wird. Eine „Notlösung“ nennen ihn seine Gegner, weil nach der Wahlpleite der CDU unter Norbert Röttgen kein anderer zur Verfügung gestanden habe.

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Dass Laschet überhaupt die Nummer eins wird, ist nur möglich, weil der frühere Fraktionschef Karl-Josef Laumann auf eigene Ansprüche verzichtet und als Patientenbeauftragter nach Berlin wechselt.

Anderen ist der Mann aus Aachen zu blass. Zu wenig empathisch. Kein Performer halt wie Hannelore Kraft. Laschet selber sieht das anders und zeigt sich auf Wahlveranstaltungen durchaus schlagfertig und selbstironisch. „Rheinisch“ sei er, sagt er von sich selbst. „Ich habe meinen Brüdern immer gesagt, wo es langgeht.“

Im Juni 2016 wird Laschet mit 93,4 Prozent als CDU-Landesvorsitzender bestätigt. Fünf Monate später wählen ihn die Delegierten mit 97,4 Prozent zu ihrem Spitzenkandidaten im Kampf um die Macht in NRW. 225 von 232 möglichen Stimmen – das sind fast alle im Saal. „Ich freue mich, dieses Land als Ministerpräsident auf Platz eins zu bringen“, sagt er auf seinen Wahlveranstaltungen. Und: „Ich will nicht, dass wir das Land sind, das jeden Freitagabend in der „Heute-Show“ verarscht wird.“

Das kommt vor allem bei den Jungen gut an. „Wir halten große Stücke auf ihn und schätzen ihn als Teamspieler“, sagt Florian Braun, Vorsitzender der Jungen Union NRW. „Er ist keiner, der schnell aufsteckt, sondern weiterkämpft.“ Laschet steht für eine weltoffene CDU. Auch das schätzt der Nachwuchs. Als noch niemand ernsthaft über schwarz-grüne Bündnisse nachdenkt, gehört er bereits der „Pizza-Connection“ an, einem informellen Gesprächskreis aus Bundestagsabgeordneten von CDU und Grünen.

Seit Wochen reist Laschet nun durch NRW, um die Menschen für sein Programm zu gewinnen: ein freundlich-zurückhaltender Mann, der lieber abwartet, als vorschnell zu reagieren. Kritiker warfen dem CDU-Mann zunächst vor, nicht energisch genug auf Sieg zu setzen. Als eine Umfrage SPD und CDU gleichauf sah, postete ein Fraktionsmitglied bei Facebook: „Wir setzen auf Sieg, nicht auf Platz. Schluss mit Hasenfuß.“

Nach dem Wahlsieg der Union in Schleswig-Holstein deutet sich in NRW jetzt ein Kopf-an-Kopf-Rennen an. Laschet gibt sich optimistisch, für den Sieg beten will er aber nicht, wenn er Sonntag zum Gottesdienst in den Kölner Dom kommt: „Für sowas betet man nicht, dafür habe ich dann bis zum 14. Mai gearbeitet.“