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Nordkorea Warum Kim Jong Un provoziert

So beängstigend die nordkoreanisch-amerikanische Zuspitzung erscheinen mag, sie gehört zu den letzten Zuckungen eines an Bedeutung verlierenden Konflikts. Das sagt nicht, dass eine Katastrophe ausgeschlossen ist. Eine Analyse.

Nordkorea
Nordkoreanische Machtdemonstration: Taekwondo-Kämpfer mit einer Show für Journalisten. Foto: EPA

Nordkorea und die USA bleiben auf Konfrontationskurs. Die nordkoreanische Führung drohte am Donnerstag den USA mit einem „gewaltigen Präventivschlag“. Nordkorea sei auf jegliche Angriffe der USA vorbereitet, hieß es in der staatlichen Zeitung „Rodong Sinmun“. US-Außenminister Rex Tillerson hatte angekündigt, die USA prüften alle Möglichkeiten, wie auf Nordkorea wegen dessen Raketen- und Atomwaffenprogramms Druck ausgeübt werden könne. Vize-Präsident Mike Pence wiederholte auf seiner Asienreise, die Zeit der „strategischen Geduld“ sei vorbei. „Sollten wir unseren gewaltigen Präventivschlag ausführen, wird er nicht nur vollständig und sofort die Invasionstruppen der US-Imperialisten in Südkorea und Umgebung sondern auch das US-Festland auslöschen und sie zu Asche verwandeln“, hieß es in der Zeitung.

Ganz anders als noch in seinem Wahlkampf scheint sich US-Präsident Donald Trump nun mit den Chinesen abzusprechen. Sie sollen auf den nordkoreanischen Präsidenten einwirken, sodass eine wie auch immer geartete Aktivität amerikanischer Militärs nicht nötig sein wird. Vielleicht sehen wir aber die Lage etwas zu sehr noch unter dem Ost-West-Gesichtspunkt. Die Teilung Koreas war das Produkt des Kalten Krieges zwischen Ost und West, bevor sie 1953 das Produkt eines heißen Krieges wurde. Drei Millionen Tote bei den Verbündeten Nordkorea und China und Zehntausende auf Seite der Südkorea stützenden Alliierten kostete der Koreakrieg.

Seitdem sind die beiden Staaten nahezu hermetisch voneinander getrennt. Jahrzehntelang wurde auch in Südkorea jeder ins Gefängnis gesteckt, der Kontakt zu seinen Verwandten in Nordkorea aufnahm. Inzwischen gibt es in Südkorea eine Reihe von Organisationen, die sich auch öffentlich einsetzen für Gespräche mit dem Norden. Aus dem Norden ist nichts Vergleichbares bekannt. Es gibt keine Straße, die von Süd- nach Nordkorea führt. Zwischen beiden Staaten verläuft am 38. Breitengrad eine entmilitarisierte Zone: vier Kilometer breit, 148 Kilometer lang. Möglicherweise ein 90.000 Hektar großes ökologisches Paradies. Gegen Nordkorea haben die USA kaum etwas in der Hand.

Mit einem Handelsembargo kann nicht gedroht werden, da es seit Jahrzehnten in Kraft ist. Auch der Trump-Regierung bleibt wie Obama nur Geduld – und China. Vizepräsident Pence unterstrich diesen Eindruck, als er erklärte, die USA seien zu Gesprächen mit Nordkorea bereit. Das ist eine alte Forderung der chinesischen Regierung. Man wird aber die nordkoreanischen Aufrüstungsbemühungen nicht richtig einschätzen, wenn man davon ausgeht, sie richteten sich ausschließlich gegen die USA. So sehr das in das Bild eines nichts als verrückten nordkoreanischen Diktators Kim Jong Un passt, so übersieht man dabei die Möglichkeit, dass eine nordkoreanische Atombombe das Land unabhängiger machen würde von China.

So gesehen ist Nordkoreas Atombombe vergleichbar mit Frankreichs Force de Frappe. Die war nicht für einen Einsatz gedacht, diente der Darstellung der eigenen Größe, zugleich aber war sie immer auch ein Stück Unabhängigkeit. Ganz ähnlich könnte man in Pjöngjang auf die eigene atomare Bewaffnung blicken.

Die Teilung Koreas ist ein Produkt des Ost-West-Konflikts. Je geringer dessen Bedeutung wird, desto stärker werden wieder ältere geopolitische und historische Konstellationen. So beängstigend uns die aktuelle nordkoreanisch-amerikanische Zuspitzung erscheinen mag, sie gehört zu den letzten Zuckungen eines an Bedeutung verlierenden Konflikts. Das sagt nicht, dass eine Katastrophe ausgeschlossen ist. Schließlich hängt die selbstständige Existenz Nordkoreas an diesem Konflikt und damit das Überleben der Dynastie Kim Jong Uns. Das Regime in Nordkorea ist vielleicht das letzte, das noch ein massives Interesse an der Aufrechterhaltung des Ost-West-Konflikts hat.

Aber auch Nordkorea lebt in erster Linie im Verhältnis zu seinen Nachbarn. Das sind dieselben wie seit Jahrhunderten: China, Russland und Japan. China hat Korea politisch, religiös und kulturell geprägt. Japan hat Korea von 1910 bis 1945 besetzt und brutal ausgebeutet. Die Sowjetunion teilte das Land, als sie im August und September 1945, nach den Atombomben von Hiroshima und Nagasaki, unter anderem das von Japan besetzte Korea einfiel und den Norden besetzte. Das war in Absprache mit den USA geschehen, die den Süden Koreas von der japanischen Besetzung befreiten. Damit war die Demarkationslinie gezogen, die dann nach dem Koreakrieg befestigt wurde. Die USA, so verhängnisvoll ihre China-Politik war, so sehr sie die wirkliche Lage in Asien missverstanden haben, um einen Euphemismus zu verwenden – so haben sie nicht auch nur einen Bruchteil so vernichtend dort gewütet, wie Russen, Chinesen und Japaner es taten.

Auch die Vorstellung, der Westen, allen voran die USA, sei auf dieser Erde Beelzebub Nummer eins, gehört zu jener Arroganz der Mächtigen, die sich nirgendwo übertrumpft sehen möchten. Mit dem Erstarken Chinas, dem auch wirtschaftlichen Zurücktreten Japans werden in diesem Raum alte Rechnungen neu vorgelegt werden. Russland möchte sich im Pazifik keine Eroberung – so unrechtmäßig sie zustande gekommen sei – wieder nehmen lassen. Derzeit wird dort an vielen Pulverfässern gezündelt.

Solange aber Kim Jong Uns Überleben daran hängt, dass Nordkorea ein selbstständiger Staat bleibt, solange wird er alles dafür tun, dass keiner ihm diese Basis seiner Existenz nehmen kann. Weder durch Verhandlungen noch durch Gewalt. Weder von innen noch von außen.

Erinnern wir uns: Korea war nicht immer nur Opfer oder Spielball. Zum Beispiel im 15. Jahrhundert spielte es politisch, wirtschaftlich und kulturell unter König Sejong dem Großen eine führende Rolle in der Region. Leider scheint kein Weg in eine solche Zukunft zurückzuführen. (mit rtr)

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Nordkorea

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