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Nordirland Symbol der Aussöhnung

Der nordirische Polizeiführer Drew Harris wird Chef des Präsidiums der Republik Irland.

Leo Varadkar
Irlands Premier Leo Varadkar will die Polizei aufräumen lassen. Foto: rtr

Als junger Polizeibeamter musste Drew Harris 1989 seinen Vater Alwyn begraben: Der Polizeidirektor war von einer Autobombe der irisch-republikanischen Terrortruppe IRA getötet worden.

Demnächst zieht der mittlerweile 53-jährige Vize-Polizeichef der britischen Provinz Nordirland nach Dublin um und leitet dort die Polizeibehörde in der Republik Irland an. Die Personalie gilt beiderseits der Grenze als starkes Symbol für die Aussöhnung auf der grünen Insel, die durch das mittlerweile 20 Jahre alte Karfreitagsabkommen möglich wurde. Allerdings muss sich Harris auch Kritik gefallen lassen von der Nationalistenpartei Sinn Féin, deren Führungskader früher häufig auch der IRA angehörten. 

Auf Harris wartet eine schwere Aufgabe, seine beiden Vorgänger im Job mussten vorzeitig aufgeben. Grund war ein seit Jahren schwelender Skandal in der auf Gälisch An Garda Síochána („Wächter des Friedens“) genannten Behörde. Dabei geht es unter anderem um die Behandlung zweier Whistleblower, die auf Missstände, Verfilzung und Korruption im Apparat hingewiesen hatten.

Als Symbolfigur des Skandals gilt der Sergeant Maurice McCabe. Er hatte öffentlich gemacht, dass Polizeiführer jahrelang systematisch die Statistik über alkoholisierte Autofahrer verfälscht hatten. Schlimmer noch: Strafpunkte im irischen Verkehrsregister wurden als Freundesdienst nach Gutdünken getilgt. Anstatt den Vorwürfen nachzugehen, wurden McCabe und die anderen Aufklärer von ihren Vorgesetzten drangsaliert. Weil es dafür eine detaillierte Strategie gab und das vorgesetzte Innenministerium davon Kenntnis hatte, musste die zuständige Ministerin im vergangenen November ihren Hut nehmen. Ein Außenseiter auf dem Polizei-Chefposten schien Premierminister Leo Varadkar und dem neuen Innenminister Charlie Flanagan die richtige Vorgehensweise, um in der Behörde aufzuräumen. 

Harris’ Berufung „beinahe revolutionär“

Varadkar sprach vergangene Woche von einer „Gelegenheit für neue Führung“ und pries Harris als „besten Kandidaten“ für den Posten an. Was britische Zeitungen wie „Financial Times“ in frohe Aufregung versetzt, stößt vor Ort sowie bei Experten keineswegs auf einmütige Begeisterung. Harris’ Berufung sei „beinahe revolutionär“, räumt zwar Juraprofessor Dermot Walsh von der englischen Kent-Universität ein. Für besser hätte er aber den Chef einer anderen britischen Polizeibehörde gehalten, beispielsweise von der weltberühmten Metropolitan Police („Scotland Yard“) in London. Irland, Nord wie Süd, verfüge natürlich nur über eine kleine Auswahl erfahrener Beamter in Führungspositionen.

Aus anderen Gründen stößt Sinn Féin-Chefin Mary Lou McDonald sauer auf, dass sämtliche knapp 13 000 Polizisten der Republik nun auf das Kommando eines (bisher nur) britischen Staatsbürgers und Protestanten hören. Harris, beklagte die Politikerin im irischen Parlament Dáil, stehe für eine „Kultur, die den Leuten die Wahrheit verweigert“ – eine Anspielung darauf, dass die Vorgängerorganisation RUC der Polizeibehörde von Nordirland gelegentlich allzu eng mit protestantisch-loyalistischen Gewalttätern zusammengearbeitet hatte.

Harris haben die Nationalisten noch aus anderem Grund auf dem Kieker: 2014 leitete der Polizeidirektor das Verfahren, in dem der damalige Sinn Féin-Boss und Ex-Terrorist Gerry Adams als Beschuldigter geführt und für vier Tage in U-Haft genommen wurde. Adams, 69, hat seine führende Rolle in der IRA stets abgestritten, was durch unzählige Zeugen längst widerlegt ist.

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