Lade Inhalte...

Nikolaus Schneider EKD Rücktritt eines Brückenbauers

Nikolaus Schneider gibt den Ratsvorsitz der Evangelischen Kirche vorzeitig ab. Der Grund dafür ist die Krebserkrankung von Schneiders Frau Anne.

Will sich um seine erkrankte Frau kümmern: Nikolaus Schneider. Foto: epd

EKD-Ratsvorsitz? Moment, das hatten wir doch erst. Richtig genug: Am 24. Februar 2010 gab Margot Käßmann ihren Verzicht auf den Spitzenposten im deutschen Protestantismus bekannt, nachdem sie mit Alkohol am Steuer erwischt worden war. Nachfolger wurde ihr Stellvertreter Nikolaus Schneider. Obwohl dem rheinischen Präses die Rolle des loyalen, ausgleichenden zweiten Manns hinter der so umtriebigen wie polarisierenden damaligen Hannoverschen Landesbischöfen deutlich mehr behagte und wegen seiner ausgleichenden Art auch bestens zu Schneider passte, ließ er sich in die Pflicht nehmen.

Jetzt räumt der 66-Jährige selbst vorzeitig den Posten, den er zur Beilegung der akuten Führungskrise im Verbund der evangelischen Landeskirchen übernahm. Der Grund dafür ist die Krebserkrankung von Schneiders Frau Anne. Wer das seit 1970 verheiratete Paar je erlebt hat, der weiß um dessen besonders inniges, bis ins Berufliche hinein symbiotisches Verhältnis – und versteht sofort, dass die Sorge für den Partner in einer existenziell bedrängenden Situation alles überwiegt, was es für einen leitenden Geistlichen sonst noch an wichtigen, wertvollen und (scheinbar) notwendigen Verpflichtungen gibt.

Dabei hatten sie sich die kommenden Jahre so ganz anders vorgestellt. Mit Erreichen der Altersgrenze von 65 Jahren gab Nikolaus Schneider sein Amt als rheinischer Präses auf und zog nach Berlin, um vom Zentrum des politischen Lebens aus noch die Restlaufzeit seiner sechsjährigen Periode in der EKD-Führung zu absolvieren.

Allerdings war Schneider weit davon entfernt, mit nur noch einem Spitzenposten kürzer treten zu können. Es wirkte eher belastend, dass er in den Kirchengremien als „König ohne Land“ agieren musste: Die Struktur der EKD, bis hin zu organisatorischen Details wie den Nutzungsregeln für Dienstfahrzeuge, setzt eigentlich voraus, dass der Ratsvorsitzende aus den Reihen der kirchenleitenden Geistlichen kommt. Ein Pensionär ist nach den Statuten zwar nicht ausgeschlossen, praktisch aber auch nicht vorgesehen und erst recht nicht eingeübt.

Mit dieser Situation und dem Dirigat des mächtigen EKD-Kirchenamts hätte Schneider also schon an sich genug zu tun gehabt. Doch zusätzlich beanspruchten ihn heftige innerkirchliche Konflikte und politische Debatten. In der Ära nach Käßmann und ihrem Verdikt über den Erfolg des Nato-geführten Kriegs am Hindukusch („Nichts ist gut in Afghanistan“) war es an Schneider, die friedensethische Position der EKD neu zu bestimmen.

Für seine Vorgängerin fand Schneider, nicht zum Gefallen aller in der EKD, den repräsentativen Posten einer „Botschafterin“ in der Vorbereitung auf die 500-Jahr-Feier der Reformation 2017. Es ist typisch für den bisweilen dröge wirkenden Schneider, sich Käßmann nicht etwa als Konkurrentin um Aufmerksamkeit vom Hals zu halten, sondern sie gerade um ihrer außergewöhnlichen kommunikativen Fähigkeiten willen einzubinden.

Verbindlichkeit, Brückenschläge über bestehende Gräben hinweg – das sind Ansprüche, die Schneider stets an sich und seine Führungsarbeit gestellt hat. Im evangelisch-katholischen Verhältnis etwa setzte er auf Gemeinsamkeit. In gesellschaftlichen Fragen dem Linksprotestantismus verpflichtet, ließ Schneider gleichwohl nie den Gesprächsfaden zu den konservativ geführten Regierungen abreißen. Er verstand und versteht sich als Anwalt der Schwachen und Benachteiligten, für die er mit Beharrlichkeit im Dialog mehr erreichen kann als mit Brüskierung der politisch Verantwortlichen.

Innerkirchlich machte eine EKD-Denkschrift über Ehe und Familie das Leben schwer. Es kam zum Eklat, weil das Dokument das biblische Leitbild für das Zusammenleben von Mann und Frau als alleinigen Maßstab für das Gelingen von Paarbeziehungen in Frage stellte, ja nach Ansicht von Kritikern für hinfällig erklärte. Schneider, alles andere als ein Freund von Basta-Politik und Machtworten ist, musste sich den Vorwurf von Laisser faire und Führungsschwäche gefallen lassen. Er versuchte, mit intensivem Gespräch entgegensteuern. Das zehrte an Schneiders Kräften, mit denen es auch nicht immer zum Besten bestellt war. Jetzt will er mit ihnen zum Besten seiner Frau haushalten, sagte Schneider am Montag in Berlin: „Die Liebe zu meiner Frau geht vor.“

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
  • Nutzungsbasierte Onlinewerbung
  • Mediadaten
  • Wir über uns
  • Impressum