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Nigeria Killer ohne Gesicht

Sie morden, sie brandschatzen, sie zünden Bomben – sie leben in der Mitte der Gesellschaft, doch keiner will ihre Namen nennen. Zu groß ist die Angst vor Vergeltung. In der nigerianischen Stadt Maiduguri terrorisiert die islamistische Sekte Boko Haram die Bevölkerung.

Nachdem auf einem Markt in der nigerianischen Stadt Maiduguri eine Bombe explodiert ist, besichtigen Anwohner ein ausgebranntes Auto. Foto: rtr

Der Spuk dauert nur wenige Minuten. Als aus dem Slum jenseits der Baga-Straße Salven aus Schnellfeuergewehren gellen, lassen die Händler in den Holzbuden ihre Waren fallen, Taxifahrer drücken die Gaspedale ihrer klapprigen Karossen durch, panikartig suchen Passanten Schutz hinter nahe gelegenen Mauern. Für eine kurze Weile liegt Maiduguris Hauptstraße an diesem Sonntagmorgen wie ausgestorben da – doch schon wenige Minuten später belebt sich die Arterie der staubigen Halbwüstenstadt wieder. Der Bananenmann bietet seine auf dem Kopf balancierten Früchte an, ein Taxifahrer nimmt neue Passagiere auf, nur der pensionierte Polizist, den die Schützen dieses Mal erwischten, ist nicht mehr zum Leben zu erwecken. Alltag im nigerianischen Maiduguri, der tödlichsten Stadt Afrikas.

„Sie sind mitten unter uns“, sagt Abubakar, als er aus der Deckung seiner am Rand der Straße gelegenen Sandsack-Stellung kriecht. „Sie haben keine Uniform und kein Gesicht. Keiner kann sie erkennen.“ Als Agent der Sicherheitskräfte hat Abubakar den Stadtteil Jajeri zu observieren, elf seiner Kollegen wurden von den Phantomkillern bereits umgebracht. Abubakars Haus wurde angezündet, schon seit Monaten findet der Mann im Trainingsanzug nicht einmal nachts mehr Ruhe.

Tag für Tag wird das im äußersten Nordosten Nigerias gelegene Maiduguri von neuen Gewalttaten heimgesucht: Vergangene Woche überfielen die gesichtslosen Kämpfer den Baga-Markt und richteten unter den Fischhändlern ein Blutbad an, weil ein Händler einen der ihren an die Staatsorgane verraten haben soll. Am Wochenende sprengten sich drei Aufrührer beim Bombenbasteln selber in die Luft, und in der Nacht zum Montag wurden zwei der Dunkelmänner von Soldaten erschossen, als sie eine Schule anzünden wollten. Maiduguri droht ganz Nigeria in den Abgrund zu stürzen.

Denn längst hat der Terror auch auf andere Teile des mit 150 Millionen Einwohnern bevölkerungsreichsten afrikanischen Staats übergegriffen. In der Hauptstadt Abuja jagten Bomber, die mit den Phantomkillern offenbar unter einer Decke stecken, Mitte des vergangenen Jahres das Hauptquartier der Vereinten Nationen in die Luft. Weihnachten kartätschten die gesichtslosen Kämpfer Christen während des Gottesdienstes in ihren Kirchen nieder. Und einen Monat später organisierte die Schattenarmee einen generalstabsmäßig geplanten Angriff auf die Sicherheitskräfte in der zweitgrößten nigerianischen Stadt Kano. Etwa tausend Aufrührer sollen daran beteiligt gewesen sein. Allein bei dieser Attacke kamen mehr als zweihundert Menschen ums Leben.

Spätestens seit diesem Überfall wissen Nigerias Politiker, dass sie es mit einem ebenso hartnäckigen wie heimtückischen Gegner zu tun haben. Wer immer hinter dem unsichtbaren Feind auch stecken mag. Analysten sagen der halb muslimischen, halb christlichen Nation einen Religionskrieg voraus, manch einer sieht den Vielvölkerstaat bereits auseinanderbrechen.

Die Suche nach der Identität der Killer gebiert aberwitzige Verschwörungstheorien: Ehrenwerte Professoren machen die amerikanische Supermacht für die Destabilisierung des zehntgrößten Erdölproduzenten der Welt verantwortlich, andere sehen Terrorgruppen wie die somalische Al Schabab oder gar Al Kaida am Werk. Selbst die Regierung gehe inzwischen eher von äußeren als von inneren Feinden aus, sagt ein Diplomat. Je weiter weg die Schuldigen zu suchen seien, desto besser. Nordnigerianer blicken nach Süden, Südnigerianer nach Norden, um die Verantwortlichen des Mordens auszumachen: Nur nach Maiduguri schaut keiner. Womöglich weil das zu gefährlich ist.

Dabei hat in dieser Stadt alles angefangen, in der Nähe des Bahnhofs. Wo heute nur noch zwei Trümmerhaufen und ein halbes Dutzend ausgebrannter Fahrzeuge zu sehen sind, standen einmal die Moschee und das Wohnhaus des Sektengründers Mohammed Jusuf. Dessen Anhänger waren vor wenigen Jahren noch mühelos zu erkennen. Sie trugen lange Bärte, kurze, die Knöchel umspielende Hosen und Turbane. Sie nannten sich Jama’atu Ahlis Sunna Lidda’awati Wal-Jihad – Menschen, die der Verbreitung der Lehre des Propheten und des Heiligen Krieges verpflichtet sind. Doch weil der arabische Name viel zu kompliziert ist, wurden sie von allen nur Boko Haram genannt. Das heißt so viel wie: „Westliche Erziehung ist Sünde“ – in Anspielung auf ihre Ablehnung staatlicher Schulen, in denen westliche Konzepte wie die Evolutionstheorie, Zinssätze oder die Errungenschaften der französischen Revolution unterrichtet werden. Die Sektenmitglieder schicken ihre Kinder stattdessen auf muslimische Madrassen.

Harte Freitagspredigten

Gleich nach ihrer Gründung im Jahr 2003 genoss die Sekte enormen Zulauf. Auch Ahmad Salkida wurde von Boko Haram angezogen. Der Sohn christlicher Eltern war bereits zuvor zum Islam übergetreten, aus Abenteuerlust, wie er heute sagt. Für die Islamisten des Mohammed Jusuf war Salkida ein Juwel. Der hochintelligente Junge hatte die weiterführende Schule abgebrochen, konnte sich aber später dennoch zu einem landesweit bekannten Reporter herausmachen. „Jusuf wollte an meinem Beispiel zeigen, dass man auch ohne Schulabschluss erfolgreich sein kann“, sagt Ahmad Salkida, ein schmächtiger Mann von 37 Jahren. Er habe den Avancen widerstanden, wisse jedoch sehr wohl um die Attraktivität der Sekte, deren Gründer er respektvoll den Martin Luther King von Maiduguri nennt.

Denn der charismatische Anführer kümmerte sich nicht nur um das spirituelle Wohl seiner Jünger, erzählt Salkida. Vielmehr habe Mohammed Jusuf den Sektenmitgliedern das auf seiner Farm geerntete Gemüse zum halben Preis angeboten und ein Kleinkreditsystem organisiert, mit dem selbst arme Leute zu etwas Geld kommen konnten. Nach der Lehre Jusufs ist Arbeitslosigkeit unislamisch. Ein gottesfürchtiger Führer müsse alles dafür tun, seinem Volk Beschäftigung zu verschaffen. In seinen Freitagspredigten ging der Sektenchef mit der Provinzregierung hart ins Gericht. Sie schere sich einen Dreck um das Wohl der Bevölkerung, pflegte Jusuf zu toben. Es waren nicht nur derartige Töne, die die nervös gewordene Provinzregierung schließlich zum Handeln zwang. Inzwischen betrieb die auf eine halbe Million Mitglieder angewachsene Gruppe auch paramilitärische Trainingslager. Im Juli 2009 schlugen die Sicherheitskräfte zu.

Vier Tage tobte die Schlacht. Solange brauchten die Soldaten, um den Widerstand der mit selbst gebauten Schusswaffen, Molotow-Cocktails, Macheten und sogar Pfeil und Boden bewehrten Sektenmitglieder zu brechen. Erst am vierten Tag drang die Armee schließlich in Jusufs Anwesen im Bahnhofsviertel ein. Die Soldaten zündeten Haus und Moschee an und schleiften deren Mauern. Über hundert Leichname von Sektenmitglieder sollen damals in dem Komplex gefunden worden sein. Jusuf selbst wurde – zumindest der Legende nach – im Schafstall einer außerhalb der Stadt gelegenen Farm aufgegriffen. Die Soldaten brachten ihn nach Maiduguri und übergaben ihn der Polizei, die ihn in ihrem Hauptquartier ohne Gerichtsverfahren hinrichten ließ.

Triumphierend meldeten die Sicherheitskräfte die Zerschlagung Boko Harams – sie hätten gar nicht falscher liegen können.

Denn nach ihrer Niederlage wurde die in den Untergrund getriebene Sekte noch viel gefährlicher. Die „Bibliothek Jusuf“, wie er genannt wird, der mit einem außerordentlichen Gedächtnis ausgestattete Imam Abubaker Schekau, übernahm die Führung der Organisation. Der Al-Kaida-Freund hat niemals etwas anderes als eine Koranschule besucht. Unter seiner Leitung wurden die Aktionen der Islamisten immer gewalttätiger. Schon vor ihrer Zerschlagung in Maiduguri habe die Sekte Boko Haram in den meisten der zwölf nördlichen Bundesstaaten Nigerias über solide Strukturen verfügt, sagt der Journalist Ahmad Salkida. Konzertierte Großangriffe auf reguläre Truppen überraschten ihn nicht. Zudem seien Sektenmitglieder nach ihrer Flucht ins Ausland möglicherweise mit Organisationen wie Al Kaidas Zweig im Maghreb oder der somalischen Al Schabab in Kontakt gekommen, von deren terroristischem Know-how sie nunmehr profitierten.

Versteckt in den Palästen

Khalifa Dikwa ist einer der wenigen, der in Maiduguri über Boko Haram spricht, ohne die Stimme zu senken und sich ängstlich über die Schulter zu schauen. „Ich fürchte mich nicht“, sagt der Professor, der jeden Sonntagmorgen im Lokalfernsehen eine Kommentarsendung bestreitet. Allerdings hat der ausgebildete Linguist aus anderen Gründen Schwierigkeiten, über Boko Haram zu reden: Denn neben dem Original gebe es inzwischen mindestens sieben Pseudo-Boko-Harams – Trittbrettfahrer, die den Wirbel um die Sekte dazu nutzten, ihre eigene Agenda zu befördern. Dazu gehörten organisierte Rauschgiftbanden, anti-islamische Milizen und auch bezahlte Banden, die dem unter nordnigerianischen Muslimen verhassten christlichen Staatspräsidenten Goodluck Jonathan vor Augen führen wollten, dass seine Präsidentschaft Nigeria in den Abgrund stürze. Dieses tödliche Mischung zu entwirren sei mittlerweile fast ausgeschlossen, sagt Professor Dikwa.

Tatsächlich wird die Lage in der völlig ausgetrockneten Halbwüstenstadt Maiduguri Tag für Tag aussichtsloser. Wer es sich leisten konnte, hat das von Müll, Terror und Hoffnungslosigkeit gezeichnete Kriegsgebiet längst verlassen; wer bleiben musste, ist heute noch schlimmer dran als früher. Ein Ingenieursstudent, der mit seinen Freunden auf einem staubigen Platz herumlungert, berichtet, dass er sein Studium abbrechen musste, weil die Sicherheitskräfte alle Motorräder verboten haben. Von deren Soziussitzen hatten die Killerkommandos immer wieder angebliche Verräter exekutiert. Der Student finanzierte sein Studium als Zweiradtaxi-Fahrer, jetzt zuckt er nur mit den Schultern, wenn er über seine Zukunft reden soll. Nur eine Frage der Zeit, meint Salkida, bis sich junge Männer wie er entweder Boko Haram oder einer anderen der geheimen Organisationen anschließen.

In Maiduguris Krankenhaus berichtet Doktor Musa Watila von immer mehr Fällen von Nierenerkrankungen, die der Trockenheit zuzuschreiben seien, und von Cholera, Typhus und Meningitis, die sich als typische Armutserkrankungen immer weiter ausbreiteten. Hinzu kämen jetzt noch Folgen des Terrors, wie Depressionen und Psychosen, die Fachleute unter dem Stichwort des posttraumatischen Stresssyndroms zusammenfassen. „Das Leben wird von Tag zu Tag schlimmer“, sagt der Neurologe, dessen seit Monaten defekten Computertomographen niemand repariert, weil sich kein Fachmann mehr nach Maiduguri wagt.

Aber nicht jedem geht es schlecht, wie in der Government Reserve Area zu sehen ist, dem Stadtviertel Maiduguris, das hochrangigen Politikern und Staatsbeamten vorbehalten ist. Dort lebt auch der im vergangenen Jahr abgewählte Gouverneur des hiesigen Bundesstaates Borno, Ali Modu Scheriff, in seinem Palast. Der steht auf einem riesigen Grundstück, das von einer mit vergoldeten Zargen gekrönten Mauer umgeben ist. Hinter dem ebenfalls vergoldeten Tor sind eine eigene Moschee und das mächtige Dach der Hauptvilla auszumachen – weitere Einblicke in das Luxusleben des früheren Gouverneurs, der sich jetzt aus Sicherheitsgründen in der Hauptstadt Abuja aufhält, bleiben den Passanten verwehrt.

Maiduguris politische Führer herrschen wie mittelalterliche Feudalfürsten in ihren Palästen, während das Volk um sie herum verhungert. Auch der amtierende Gouverneur zeigt sich nicht. Die Anfrage nach einem Interview lehnt seine Presseabteilung ab. „Unser staatliches System ist bis zum Grund verrottet“, sagt Ahmad Salkida. „Wenn das westliche Modell in diesem Land funktionieren würde, wäre Boko Haram niemals so erfolgreich geworden.“

Die Schmutzarbeit haben unterdessen die zeitgenössischen Ritterheere zu leisten, Bereitschaftspolizisten und Soldaten, die Maiduguri mit ihren Straßensperren und Sandsackstellungen in eine Besatzungszone verwandelt haben. Ein traditioneller Distriktchef – eine Art Oberhaupt des Viertels –, der aus Angst vor Repressalien seinen Namen nicht nennen will, berichtet von einer typischen Razzia der Sicherheitskräfte. Diese sind auf brutale Gewalt angewiesen, weil sie schon lange nicht mehr mit der Kooperation der Bevölkerung rechnen können. Als der Distriktchef bei einem Militäreinsatz vor zwei Wochen keine Namen von Sektenmitgliedern nennen wollte – er wäre tot, wenn er es getan hätte –, ließen ihn die Soldaten die ganze Nacht über auf dem Asphalt der Straße liegen, während neben ihm der Direktor einer Schule langsam verblutet. Ihn hätten die Soldaten zuvor angeschossen, erzählt der Mann, ein 32-Jähriger, dessen Hände wie die eines Parkinsonkranken zittern. Insgesamt sollen bei der Razzia sieben Menschen getötet worden sein. „Wir wissen nicht, wen wir mehr fürchten sollen“, sagt der Chef des Viertels: die Phantomkiller oder die vermeintlichen Schutztruppen in Uniform.

Für den Journalisten Ahmad Salkida besteht die einzige Hoffnung darin, dass die Bevölkerung noch nicht grundsätzlich mit Boko Haram sympathisiere. Dazu sei das Vorgehen der Sekte zu brutal. Eine funktionierende Regierung, eine vertrauenswürdige Führungselite – sie könnten die militanten Fundamentalisten noch stoppen, glaubt Ahmad Salkida. Davon ist die Höllenstadt Maiduguri allerdings so weit entfernt wie vom Himmelreich.

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