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Nigeria Der Fluch der guten Tat

Wahlen im bevölkerungsreichsten Staat Afrikas führten bisher immer zu Unregelmäßigkeiten und Blutvergießen. Das Bekenntnis zu sauberen Wahlen in Nigeria könnte die Regierungspartei nun ihre satte Mehrheit kosten.

Goodluck Jonathan gelobte Besserung. Der ehemalige Vizepräsident verspricht die saubersten Wahlen der Geschichte: Und alles spricht dafür, dass der 53-jährige sein Versprechen halten wird. Foto: AFP

Die jüngsten Ereignisse in der Elfenbeinküste wurden in Nigeria mit Nervosität verfolgt. In dem mit über 150 Millionen Einwohnern bevölkerungsreichsten Staat Afrikas stehen ebenfalls Wahlen an: Und die Erfahrung zeigt, dass Urnengänge auch in Nigeria schnell zu Beerdigungsprozessionen führen können. In allen drei Abstimmungen seit dem Ende der Militärherrschaft 1999 war es zu erheblichen Unregelmäßigkeiten und Blutvergießen gekommen: Ihre Wahlsiege hatte sich die regierende Demokratische Partei des Volkes (PDP) stets mit viel Geld, schmutzigen Tricks und Gewalt gesichert.

Goodluck Jonathan gelobte Besserung. Der ehemalige Vizepräsident, der im vergangenen Jahr seinen verstorbenen Vorgänger Umaru Yar Adua beerbt hatte, versprach die saubersten Wahlen der Geschichte: Und alles spricht dafür, dass der 53-jährige Zoologe, der den Aufstieg zur Spitze der PDP-Hierarchie lediglich mehreren Zufällen verdankte, sein Versprechen halten wird.

Jonathan beauftragte den Politologie-Professor Attahiru Jega mit der Organisation der Wahlen: Und der machte sich erst einmal daran, die künstlich aufgeblasene Wählerliste zu reinigen, die Namen wie Nelson Mandela, Mohammed Ali oder Michael Jackson enthalten hatte. Jega ließ auch die Wahlzettel im Ausland drucken – eine Maßnahme, die ihm fast zum Verhängnis wurde. Da die Formulare zu spät geliefert wurden und nicht mehr rechtzeitig verteilt werden konnten, musste die gesamte Wahlsequenz um eine Woche verschoben werden: Sie fing jetzt am vergangenen Samstag mit den Parlamentswahlen an, setzt sich mit der Abstimmung über den Präsidenten fort, um schließlich mit den Gouverneurswahlen für die 36 Bundesstaaten zu enden.

Jonathan gilt als Favorit

Die Nigerianer nahmen die Panne gelassen, werden sie dafür doch mit ungewohnt sauberen Wahlen belohnt. Leidtragende des bereits gepriesenen ersten Teils des Urnengangs ist die Regierungspartei selbst: Die PDP wird sich statt mit einer Zweidrittel- mit einer – wenn sie Glück hat – einfachen Mehrheit begnügen müssen. Das endgültige Ergebnis steht noch aus. Politologen trösten die PDP damit, dass ein knapper ehrlicher Sieg besser sei als eine unehrliche satte Mehrheit: Ihre vermeintliche Schwäche werde die Partei letztlich stärken.

Jonathan dagegen kann sich seines Sieges beinahe sicher sein. Umfragen sagen dem Präsidenten einen deutlichen Vorsprung vor dem sich als Saubermann ausgebenden Ex-Militärherrscher Muhammadu Buhari vom Kongress für Progressiven Wandel sowie dem einstigen Vorsitzenden der Antikorruptionskommission, Nuhu Ribadu, an der Spitze seines Aktionskongresses Nigerias voraus. Viel zu spät versuchten sich die beiden Oppositionsparteien wenige Tage vor dem Urnengang noch auf einen gemeinsamen Kandidaten zu einigen: Das Schlimmste, was Jonathan passieren könnte, ist, dass er in die Stichwahl muss.

Außer sauberen Wahlen versprach der PDP-Chef seinem Volk auch ein Ende der die Wirtschaft und die Bevölkerung zur Weißglut treibenden Stromknappheit sowie die Befriedung des ölreichen Nigerdeltas, dem das Land mehr als neunzig Prozent seiner Exporterlöse verdankt. Die seit Jahrzehnten anhaltende Energiekrise will der Präsident durch die Privatisierung der Elektrizitätswerke erreichen.

Falls alles friedlich verläuft, werden ausländische Investoren ihre Taschen bereitwilliger öffnen – Beraterfirmen wie McKinsey sehen in Nigeria einen „schlafenden Riesen“. Auch bei der Befriedung des Nigerdeltas werden Jonathan wesentlich bessere Chancen als den beiden Nordnigerianern Buhari und Ribadu eingeräumt: Für die Bevölkerung des von ausländischen Mineralölgesellschaften ökologisch ruinierten Gebiets ist der einheimische Jonathan eine fast schon historische Hoffnung. Ob er in den mörderischen politischen Sümpfen erfolgreich sein wird, ist allerdings eine andere Frage. Immerhin kündigte er bereits eine tiefgreifenden Reform der heimischen Erdölindustrie an, die als Quelle der verheerenden Korruption und Unterschlagung in Milliardenhöhe gilt.

Bleiben die Spannungen zwischen dem muslimischen und christlichen Teil der Bevölkerung, die sich immer wieder in Gewaltexzessen entladen. Die wenigen Bluttaten, die die Wahlen bislang überschattet haben, fanden fast alle in der nördlichen Stadt Maiduguri statt, wo die radikale Sekte „Boko Haram“ (was so viel heißt wie: „Westliche Erziehung ist Sünde“) den Sicherheitskräften den Krieg erklärt hat. Dabei ist es den Militanten gleich, ob Nigeria vom Christen Jonathan oder einem gemäßigten Muslim geführt wird: Die Sekte ist ein Fall für die Strafverfolgungsbehörden.

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