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Nigeria Das einstige Paradies riecht wie eine Tankstelle

Mehr als zwei Milliarden Liter Öl sind in den vergangenen 50 Jahren ins Ökosystem des Niger-Delta geflossen – die Menschen im Ogoniland nutzen es für ihre Zwecke.

Viele frühere Fischer wie Michael zapfen heute illegal die Pipelines von Shell an, anders könnten sie nicht überleben.

Celestine Akpobari meint es gut mit den Journalisten. „Plagt Euch nicht ab“, beruhigt der Öko-Aktivist: „Ihr werdet noch genug Ölschlamm vor die Linse kriegen.“ Der 37-jährige Nigerianer hat unsere Bemühungen verfolgt, einen bis zur Brust im Wasser watenden Jungen mit den ihn umgebenden Schlieren abzulichten: Doch in dem regenbogenfarbenen Wasserglanz wirkt die Szene fast noch hübsch. Und dass unter der farbenfrohen Oberfläche braune Rohölschwaden schweben, ist auf den Bildern auch nicht wahrzunehmen.

Esther Badom wird da schon deutlicher. Früher habe sie hier eimerweise Garnelen gesammelt, erzählt die am Ufer zum Bodo-Jetty-Fluss sitzende Frau: Jetzt sei das träge fließende Gewässer tot. Vor fünf Jahren habe eine geborstene Rohrleitung Unmengen an Rohöl in das riesige Feuchtgebiet fließen lassen. Seitdem muss sich die 21-Jährige mit dem Ticket-Verkauf für die Fähre zur nahe gelegenen Insel Bonny über Wasser halten, was ihr als Monatsverdienst statt der früher üblichen 150 höchstens noch 50 Dollar einbringt.

Fischer aus dem nahe gelegenen Städtchen Bodo, die ihren Beruf nicht aufgeben wollen, mussten heute sechs Stunden lang rudern, um in fischhaltige Gewässer zu gelangen: Das im Herzen des Niger-Deltas gelegene Ogoniland gilt als eine der am schlimmsten verpesteten Regionen der Welt. Auf der Fahrt durch die von unzähligen Flussläufen durchzogenen Mangrovensümpfe wird das ganze Ausmaß der Verheerung augenfällig. Statt helles Wasser wühlt das Motorboot braune Brühe auf, wer seine Hand ins Wasser taucht, zieht ölige Finger heraus. Die Wurzeln der Mangrovenbäumchen ragen wie Lakritzstangen aus dem Boden, traurig lassen vereinzelte Palmen ihre Wedel hängen.

Ökologische Kriegsführung

Vogelschwärme, wie sie in derartigen Feuchtgebieten üblich sind, sucht man vergebens: Wird unser Außenbordmotor abgeschaltet, breitet sich in dem wie eine Tankstelle riechenden einstigen Paradies gespenstische Ruhe aus. „Was hier passiert, ist ökologische Kriegsführung“, sagt Celestine Akpobari finster: „Wir leben in ständiger gesundheitlicher Gefährdung.“ Denn beim Siedlungsgebiet der Ogonis handelt es sich um ein seit Jahrzehnten umkämpftes Schlachtfeld: Hier drangen vor über 60 Jahren die ersten Erdölexplorateure aus Europa ein, hier organisierte sich in den 80er Jahren mit dem später exekutierten Schriftsteller Ken Saro Wiwa der erste Widerstand, hier musste der Shell-Konzern 1993 seine Produktion einstellen, weil es für dessen Ölarbeiter zu gefährlich wurde. Noch heute ist dem europäischen Unternehmen die Rückkehr ins Ogoniland verwehrt: Während aus der gesamten Delta-Region von der dreifachen Größe der Schweiz mit ihren über 5000 Bohrquellen und 7000 Kilometern an Rohrleitungen täglich mehr als zwei Millionen Fass der kostbaren Flüssigkeit gepumpt werden, liegen die Ölfelder im Ogoniland brach.

Alle paar hundert Meter kommen wir an einem der stählernen Gestelle vorbei, die wie bizarre Skulpturen aus dem Wasser ragen: „Christbäumchen“ werden die Köpfe der Bohrlöcher viel zu zärtlich genannt. Die Installationen sind bis zu 50 Jahre alt, die meisten von ihnen bis ins Mark korrodiert. Jederzeit könnte ein solcher Bohrkopf auseinanderbrechen, meint Akpobari. Erst kürzlich habe er gesehen, wie ein konstanter Strom an Rohöl aus einer zerbrochenen Skulptur ins Wasser rann.

Mehr als zwei Milliarden Liter der zähen Flüssigkeit sind nach Experten-Schätzungen im vergangenen halben Jahrhundert ins Ökosystem des Nigerdeltas geflossen: Jahr für Jahr dieselbe Menge Öl, wie sie bei der Havarie des Supertankers Exxon Valdez vor 21 Jahren ins Meer vor Alaska drang und eine der größten Umweltkatastrophen in der Geschichte der Menschheit auslöste. Wer für den anhaltenden Öko-GAU im nigerianischen Delta verantwortlich ist, darüber streiten sich die Geister: Während der Shell-Konzern Sabotage-Akte und den organisierten Rohöl-Diebstahl für mehr als 90 Prozent der Verschmutzung verantwortlich macht, sehen Umweltschützer berstende Bohrköpfe und lecke Pipelines als Hauptverursacher der Katastrophe. Shell lege bei seinen nigerianischen Operationen wesentlich niedrigere Sicherheitsstandards an, als sie sonst in der Welt üblich seien, warf der US-Wissenschaftler Richard Steiner dem Konzern in einer 2008 verfassten Studie vor: Allein die Defektrate der Röhrenleitungen sei „um ein Vielfaches höher als irgendwo anders in der Welt.“

Illegale Kleinraffinerie in den Mangroven

Aus der Ferne sieht der Ort wie eine verlassene ölverschmierte Werkstatt unter freiem Himmel aus. Erst als unsere Begleiter sich mit lauten Rufen als ungefährliche Besucher zu erkennen geben, tauchen aus den Mangroven mehrere Gestalten auf: Sie sind splitternackt und bis zum Hals mit Öl verschmiert. Unter einem der vielen Fässer, die teilweise mit Röhren verbunden, teilweise willkürlich verstreut auf dem Gelände liegen, flackert ein Feuer: Wir sind auf eine illegale Kleinraffinerie zur Herstellung von Diesel und Benzin aus Rohöl gestoßen.

Im Fass über dem Feuer wird das Rohöl mehrere Stunden lang erhitzt, erklärt Michael, der sich als Chef der Gruppe zu erkennen gibt. Wie bei einem gewöhnlichen Destillierungsverfahren dringt dann das sich zuerst verflüchtigende Benzin durch die Rohre in den Auffangtopf: Später, wenn das Rohöl heißer wird, tröpfelt am Ende der Leitung Kerosin und schließlich Diesel heraus. Auf diese Weise produzieren Michael und seine vier Mitarbeiter täglich bis zu vier Fässer Diesel à 300 Liter: „Das bringt uns immerhin 34?000 Naira ein“ – das sind etwa 22 Dollar.

Auf den ungewöhnlichen Berufszweig kamen die Delta-Bewohner, als schon vor Jahren in dem größten schwarzafrikanischen Erdölstaat chronische Treibstoffknappheit herrschte: Nachdem die einzige Raffinerie Nigerias wegen Überalterung ausgefallen war, musste das im Land gewonnene Rohöl im Ausland veredelt und für den heimischen Bedarf wieder zurück transportiert werden. Inzwischen wurde auf Bonny-Island zwar eine neue Raffinerie gebaut, doch die illegalen Rohölkocher heizen trotzdem weiter. Schließlich können sie den lächerlich niedrigen Dieselpreis im Land (knapp 40 Euro-Cent pro Liter) sogar noch unterbieten.

Denn ihren Rohstoff bekommen sie umsonst. Das Erdöl stammt von sogenannten Bunkerern, die die durchs Ogoniland führenden Pipelines anzapfen. Auf diese Weise, sind Experten überzeugt, gehen dem Land im gesamten Nigerdelta täglich mindestens 16 Millionen Liter Rohöl verloren. Nur ein verschwindend kleiner Teil des in provisorischen Reservoirs – den sogenannten Bunkern – zwischengelagerten Rohstoffs wird allerdings in illegalen Raffinerien weiter verarbeitet: Der Löwenanteil wird von organisierten kriminellen Netzwerken, zu denen auch Politiker und hochrangige Militärs gehören sollen, in Tankschiffe gefüllt und auf dem Weltmarkt verscherbelt.

Michael weiß ganz genau, dass sein Geschäft „nicht gut für die Umwelt“ ist: Schließlich leiten die Ölmänner die Restbestände ihrer Produktion direkt in den Boden. Auch bekommen die nackten Raffineristen am eigenen Leib zu spüren, wie unverträglich der von ihnen bearbeitete Rohstoff ist: „Wir müssen mit Ausschlägen und Entzündungen leben.“ Zuweilen komme es sogar zu schmerzhaften Verbrennungen, erzählt Michael: Immer wieder fängt das beim Destillierungsprozess auch freiwerdende Erdgas Feuer, um in einer mächtigen Stichflamme zu verpuffen. Trotzdem werden die Ölmänner ihre schmutzige Profession so schnell nicht aufgeben, versichert Michael: „Was bleibt uns denn anderes übrig? Als Fischer können wir schon lange nicht mehr arbeiten. Und Verbrecher wollen wir nicht werden.“

Nur der Abzug von Shell kann die Lage ändern

Die seit Jahren anhaltende Debatte, ob die Umweltkatastrophe eher auf die Umtriebe der Bevölkerung oder die laxe Produktionsweise der Ölgesellschaften zurückzuführen sei, ist für Celestine Akpobari bloß ein akademischer Streit. „Würden die Ölgesellschaften nicht als unwillkommene Eindringlinge wahrgenommen und hätten sie die Lebensgrundlage der heimischen Fischer nicht dermaßen gründlich zerstört, gäbe es weder Sabotageakte noch Diebstahl und illegale Raffinerien.“ Inzwischen sei das Verhältnis zwischen den Ogonern und vor allem dem Ölkonzern Shell jedoch dermaßen zerstört, dass nur ein Abzug des britisch-holländischen Konzerns in Frage käme: „Vielleicht stellen sich ja andere Nationalitäten wie die Chinesen als besser heraus.“

Michael wird immer nervöser. „Zeit, dass ihr verschwindet“, meint der muskulöse Ölmann nach einer Stunde unserer Besuchszeit: „Jede Minute können die Soldaten kommen.“ Werden die illegalen Ölveredler von der „Joint Task Force“ genannten Spezialeinheit der nigerianischen Streitkräfte erwischt, werden sie zwar nicht verhaftet, müssen aber viel Schmiergeld zahlen. Denn an einem Stopp des verheerenden Geschäfts ist den vornehmlich aus dem Norden des Landes stammenden Soldaten nicht gelegen: Sie wollen lieber – wie die andern Nigerianer, die mit dem schwarzen Gold in Berührung kommen – von dem kostbaren Rohstoff profitieren. „Dieses verdammte Zeug hat unser Land in jeder Hinsicht auf den Hund gebracht“, schimpft Celestine Akpobari: „Am Besten wäre es, wenn wir sämtliche Bohrlöcher zubetonieren würden“.

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