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Niederlande Sterben unter Aufsicht

Das Recht auf Tod fordert eine Bürgerinitiative in den Niederlanden. Sterbehilfe für über 70-Jährige soll erlaubt werden - dafür sammeln die Initiatoren jetzt Unterschriften. Von Helmut Hetzel

15.02.2010 14:02
,,Uit vrije will": Aus freiem Willen - Den Todeszeitpunkt selbst bestimmen sollen über 70-Jährige. Foto: ddp

Den Haag. Alle Niederländer, die älter als 70 Jahre und lebensmüde sind, sollen das Recht erhalten, sich selbst zu töten. Das fordert eine neue Bürgerinitiative namens ,,Uit vrije will" (Aus freiem Willen). Unter den Gründungsmitgliedern sind viele prominente Niederländer wie der ehemalige EU-Kommissar Frits Bolkestein, die Feministin und Ex-Ministerin Hedy d´Ancona, die einstige TV-Moderatorin Mies Bouwman sowie zahlreiche Ärzte und Juristen.

Der 76-jährige Bolkestein begründet seine Position mit einem Zitat des griechischen Philosophen Seneca: ,,Bevor ich alt wurde, sorgte ich mich darum, gut leben zu können, im Alter sorge ich mich darum, gut sterben zu können." Dazu Bolkestein weiter: ,,Gut sterben, das heißt für mich, freiwillig sterben."

Die Bürgerinitiative richtete über die Zeitung NRC-Handelsblad einen Aufruf an die Bevölkerung, die Bürgerinitiative zu unterstützen. Ziel sei es, mindestens 40000 Unterschriften zu sammeln. Dann müsse sich das Parlament mit dem Thema beschäftigen. Und man könne versuchen, ein Gesetz zu erwirken, in dem das Recht auf Selbsttötung für Alte über 70 Jahre geregelt wird.

Gesetz für Menschen ab 70

Denn der heutige Zustand, der beispielsweise ärztliche Sterbehilfe zur Selbsttötung unter Strafe stelle, sei ,,unmenschlich". Human dagegen sei es, wenn man Menschen ab dem 70. Lebensjahr gestatte, ihr Leben auf freiwilliger Basis beenden zu können, wann immer sie das wollten.

Dies müsse jedoch ,,sorgfältig geschehen", sagt die Gründerin Yvonne van Baarle. Eine Selbsttötung dürfe nur unter ,,fachlicher Begleitung" stattfinden, beispielsweise von Ärzten oder Psychologen. Auch müsse kontrolliert werden, ob der Wunsch zu sterben authentisch sei und ob der Sterbewillige diesen Wunsch ,,bei vollem Bewusstsein äußere". Der Selbsttötungswunsch dürfe also keine ,,impulsive Handlung" sein. Ferner sei vor einer aktiven Sterbehilfe noch eine zweite Meinung eines Arztes einzuholen.

Die Initiatoren weisen darauf hin, dass sich jedes Jahr in den Niederlanden schätzungsweise 400 alte Menschen - oft auf grausame Art - selbst töteten. Niemand helfe ihnen dabei.

Der Arzt Dick Swaab (65), der der Bürgerinitiative ebenfalls angehört, vertritt die Position : ,,Die Natur legt fest, dass das Individuum nach einer bestimmten Zeit ersetzt wird und dass man es nicht unendlich wieder ,herrichten kann. Der Alterungsprozess ist eine Beschädigung der Zellen, wodurch sie ge- und verbraucht werden. Das kann der Mensch nicht ändern. Aber er sollte selbst darüber entscheiden können, wann es genug war."

Bloß kein Pflegefall werden

Schon 1991 hat der niederländische Rechtsphilosoph Huib Drion für das Recht älterer Menschen auf einen humanen Tod plädiert. Er wollte damals eine Todespille - die Pille von Drion - einführen, die jeder Alte von seinem Arzt erhalten solle, wenn er sterben wolle. Einig sind sich die Initiatoren, dass sie selbst nicht in die Situation kommen wollen, in der sie von der Pflege anderer völlig abhängig sind und zum Pflegefall werden: ,,Wir wollen uns nicht selbst überleben."

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