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New York New Yorker Polizisten schmollen

In der US-Metropole New York herrscht kaum Verständnis für den Protest gegen Stadt-Chef DeBlasio. Vor dem Bestattungsunternehmens, in dem Liu aufgebahrt war, kehrten die New Yorker Polizisten dem Bürgermeister den Rücken.

05.01.2015 16:32
Sebastian Moll
Law enforcement officers stand, with some turning their backs, as New York City Mayor Bill de Blasio speaks on a monitor outside the funeral for NYPD officer Wenjian Liu in the Brooklyn borough of New York
Bei der Rede des New Yorker Bürgermeisters Bill de Blasio drehen sich Ordungshüter zum Zeichen des Trotzes um. Foto: REUTERS

Die Worte von Bill DeBlasio waren eindringlich. Die Stadt New York, sagte ihr Bürgermeister am Sarg des ermordeten Polizisten Wenjian Liu, habe eine lange Tradition der Toleranz, eine Tradition, die über Jahrhunderte ein harmonisches Zusammenleben von Menschen der verschiedensten Herkünfte ermöglicht habe. Auf diese Fähigkeiten müsse sich New York in diesen schweren Tagen dringend wieder besinnen, ungeachtet aller Differenzen.

Die Worte halfen nicht, vor der Tür des Bestattungsunternehmens, in dem Liu aufgebahrt war, wollte man von versöhnlichen Tönen nichts wissen. Hunderte New Yorker Polizisten in dunkelblauer Sonntagsuniformen kehrten DeBlasio trotzig den Rücken zu, dessen Rede dort, an der 65th Street in Brooklyn, auf eine Großleinwand übertragen wurden.

Die Trotzhaltung war die Wiederholung derselben Geste, welche die Beamten, die sich gerne selbst als „New York’s Finest“ bezeichnen, bereits eine Woche zuvor zur Schau gestellt hatten. Damals hatte DeBlasio am Grab von Rafael Ramos gesprochen, dem Partner von Liu, der zusammen mit seinem chinesischstämmigen Kollegen am 20. Dezember kaltblütig und ohne Vorwarnung erschossen worden war.

Die New Yorker Cops sind empört, sie fühlen sich von ihrem Bürgermeister im Stich gelassen. Noch als Ramos und Liu im Krankenhaus um ihr Leben rangen, verortete der streitbare Gewerkschaftsanführer Pat Lynch den Schuldigen für den Angriff auf die beiden im Rathaus. „Heute haben viele Leute Blut an ihren Händen. Einer davon sitzt im Büro des Bürgermeisters“, so Lynch.

Lynch ist der Meinung, der linksliberale Bürgermeister, der unter anderem angetreten war, um willkürliche Polizeischikanen gegen Minderheiten einzudämmen, nicht hinter seiner Ordnungsmacht steht. Besonders sauer aufgestoßen war dem irisch-stämmigen Cop aus Queens die Rede von DeBlasio nach der Entscheidung einer Grand Jury in Staten Island, den Polizisten, der für den Tod des unbewaffneten Afro-Amerikaners Eric Garner verantwortlich war, nicht anzuklagen. DeBlasio hatte in seinen Bemerkungen einen latenten Rassismus der New Yorker Polizei angemahnt, er selber, so DeBlasio, habe seinen schwarzen Sohn von klein auf zur Vorsicht im Umgang mit der Polizei gemahnt. Die Beziehungen zwischen Polizei und vorwiegend von Minderheiten bewohnten Vierteln, müsse deshalb verbessert werden.

Daraus drehte Lynch eine Art Dolchstoßlegende, die offensichtlich ein beträchtlicher Teil der New Yorker Cops adaptierte. Die Ordnungshüter, die sich von der Regierung im Stich gelassen und von vielen Bürgern angefeindet sahen, schmollten. „DeBlasio hasst uns“, sagte am Grab von Liu ein altgedienter Offizier und gab damit die Stimmung im Corps wieder.

Restlichen Respekt verspielt

So weit ging ihr Gefühl, betrogen worden zu sein, dass sie in der Weihnachtswoche in einen de facto Streik traten. Die Anzahl der Anzeigen und Verwarnungen wegen Ordnungswidrigkeiten und kleineren Vergehen sank in der Woche um 94 Prozent. Das kam bei den meisten New Yorkern überhaupt nicht gut an. Selbst die Boulevardzeitung Daily News verlangte von den Polizisten eine Entschuldigung. Die Redakteure der „New York Times“ schrieben in einem Leitartikel, die Polizei verderbe sich „jeglichen Rest-Respekt in der Bevölkerung“ mit ihrer „Überheblichkeit und ihrem Selbstmitleid.“ Das Empfinden der Polizei, dass der Bürgermeister sie hasse, so die Times, sei „eine schräge Wahrnehmung.“

Auch Polizeichef Bill Bratton, an sich ein Hardliner, versuchte die Wogen zu glätten. Er sprach bei der Beerdigung von Rafael Ramos davon, dass die Polizisten lernen müssten, die Bürger auch in von Minderheiten bewohnten Gebieten als Leute wie sie zu erkennen und nicht als Feind. Und umgekehrt. Für die Beerdigung von Wenjian Liu bat er von weiteren Kundgebungen abzusehen.

Doch seine Truppen hörten nicht auf Bratton. Sie hörten lieber auf den Brandstifter Lynch und sabotieren somit alle Bemühungen der Stadtregierung, die Spannung in der Stadt zwischen Polizei und Bevölkerung zu mindern. „Die New Yorker Polizei isoliert sich vollkommen“, kommentierte die „New York Times“.

Dabei war den Polizisten selbst von Seiten der Demonstranten gegen Polizeigewalt nach dem Tod von Liu und Ramos eine Welle des guten Willens entgegen geschlagen. Bei Demonstrationen unmittelbar nach der Tat wurden Schweigeminuten für die Polizisten abgehalten. Der Schlachtruf „Black Lives Matter“ wurde in den Schlachtruf „All Lives Matter“ umgewandelt.

Doch diese Sympathie hat die New Yorker Polizei an diesem Wochenende wieder verspielt. Die Aufgabe von DeBlasio, die Straßen der Stadt zu befrieden, ist dadurch um ein vielfaches schwieriger geworden.

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