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Nationalsozialismus Wie Österreich deutsch wurde

Der „Anschluss“ jährt sich zum 80. Mal: Bis heute schwärmen Burschenschafter und Nationalisten von der deutschen Nation - aber zum Staat wollen sie nicht mehr gehören.

Demo gegen Schuschnigg
Demonstration gegen Kanzler Kurt Schuschnigg in Österreich vor dem „Anschluss“ ans Deutsche Reich 1938. Foto: Imago

Viel hätte nicht gefehlt, und Europa hätte heute zwei schwarz-rot-golden dekorierte Staatspräsidenten. Kaum im Wahlkampf unterlegen, erschien Norbert Hofer, der Kandidat der FPÖ, im vorigen Jahr in Wien auf dem „Akademikerball“ der Studentenverbindungen mit einem Band in den deutschen Nationalfarben quer über der Brust. „Ich trage diese Fahne“, erklärte der heutige Verkehrsminister, „und ich trage sie mit Stolz!“ Dabei klopfte er sich feierlich auf das schwarz-rot-goldene Band über der Brust.

Von Sehnsucht nach einem neuen „Anschluss“ Österreichs an Deutschland kann trotz Hofers irritierendem Ballhausschwur nicht die Rede sein. Die deutsch-national orientierten Burschenschaften haben rund 4000 Mitglieder, rund 0,05 Prozent der Bevölkerung. Aber nicht einmal sie, auch der „Marko-Germane“ Hofer nicht, kämen auf den Gedanken, das Land sollte wieder zu Deutschland gehören. Für die Rechtsradikalen und ihre Medien ist Deutschland vielmehr das Sündenbabel, wo „die Türken“ die Innenstädte besetzt halten und wo alle Horrormeldungen über vermeintlich marodierende Flüchtlinge herkommen.

„Nach dem Krieg hat eigentlich niemand mehr einen Anschluss gewollt“, erklärt Friedhelm Frischenschlager, ein liberaler Politiker, der dem deutsch-nationalen Milieu entstammt und sich von der Ideologie frei gemacht hat. „Man wollte zur deutschen Nation gehören. Nicht zum deutschen Staat.“

Im multinationalen Kaiserreich Österreich-Ungarn hatten sich die meisten Deutschsprachigen, knapp ein Viertel der Bevölkerung, als „Deutsche“ gefühlt. Gemeint war aber die Nationalität; einen deutschen Nationalstaat wünschte sich nur eine Minderheit. Das änderte sich nach dem Ersten Weltkrieg, als Slawen, Ungarn, Rumänen in ihre Nationalstaaten strebten und die Deutschen übrigblieben. Das kleine „Deutschösterreich“ war in den Worten seines ersten Kanzlers ein „armseliges und ganz hilfloses Gebilde“ und sollte möglichst Teil der neuen deutschen Republik werden. Die Meinung teilten zeitweise alle Parteien.

Dass 1933 in Berlin die Nationalsozialisten die Macht übernahmen, dämpfte zwar die Vereinigungswünsche sowohl der Christlich-Sozialen wie der Sozialisten. In der österreichischen Bevölkerung dagegen war das neue „Dritte Reich“ beliebt. Wie beliebt genau, gilt unter Historikern als schwer messbar: Nur Wochen nach der Machtübergabe an Hitler schalteten auch in Wien die Christlich-Sozialen das Parlament aus und verboten nacheinander die kommunistische, die nationalsozialistische und die sozialdemokratische Partei. Eine freie Wahl fand bis zum „Anschluss“ nicht mehr statt.

Österreichs Nationalsozialisten flüchteten in großer Zahl nach Deutschland und agitierten dort mit amtlicher Unterstützung weiter für Österreichs „Heimkehr ins Reich“. Hitler tat alles, das südliche Nachbarland unter Druck zu setzen. Als Reaktion auf das NSDAP-Verbot etwa verlangte Berlin von allen Deutschen bei der Ausreise nach Österreich eine Gebühr von tausend Mark, nach heutiger Kaufkraft rund 4500 Euro. 1934 unternahmen österreichische Nazis, von Berlin angeleitet, sogar einen Putschversuch und erschossen den Bundeskanzler Engelbert Dollfuß.

Mythos „erstes Opfer“

Der „Austrofaschist“ Dollfuß hatte an die Stelle der liberalen Demokratie ein autoritäres System von „Ständen“ gesetzt und sich eng an das faschistische Italien angelehnt. Sein Nachfolger Kurt Schuschnigg war gezwungen, sich mit Berlin zu arrangieren. Auf deutschen Druck ließ er die NSDAP wieder agieren und nahm sogar NS-Minister in seine Regierung. Aber beschwichtigen konnte er Hitler nur für ein paar Monate. Bei einem Treffen mit dem „Führer“ begann die letzte Phase.

Am Morgen des 12. Februar 1938 auf dem Berghof, Hitlers Landhaus auf dem Obersalzberg bei Berchtesgaden, kam Schuschnigg kaum dazu, die schöne Aussicht zu loben, als Hitler ihn gleich niederschrie: Österreichs Geschichte sei ein „ununterbrochener Volksverrat“, brüllte er den feinsinnigen Adligen an, und „meine Geduld ist erschöpft“. Am Mittagessen nahmen gleich drei Wehrmachtsgeneräle teil. Der Besuch endete in einem Ultimatum: Schuschnigg sollte einen Nazi zum Innenminister und damit zum Polizeichef machen. Der Kanzler gab nach; bei dem enormen militärischen Ungleichgewicht hätte alles andere nur sinnloses Blutvergießen bedeutet.

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