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Nahost-Konflikt Gazas B-Ebene

Jahrelang hat die Hamas ihr System von Angriffstunneln ausgebaut. Israelis warnen vor einer „unterirdischen Zeitbombe“. Es ist bereits der vierte Versuch der Hamas durch die Tunnel einen Überraschungsangriff zu starten.

Ein Blick in die Tunnel, die die Hamas in der Nähe der Grenze zu Israel gebaut haben. Foto: dpa

Sie sahen genauso aus wie israelische Soldaten, jene Hamas-Kämpfer, die Montagmorgen gegen 6.30 Uhr in den Feldern des Kibbuz Nir-Am auftauchten. Die Männer trugen die olivgrüne Uniform, wie sie in Israels Streitkräften üblich ist. Eine nicht weit entfernte Armeepatrouille zögerte. Sie wollte nicht riskieren, durch allzu schnelles Schießen womöglich Kameraden zu treffen. Erst die Aufnahmen einer Überwachungsdrohne zeigten, dass die Männer Kalaschnikoffs bei sich hatten – die Standardwaffe palästinensischer Militanter.

Als die israelischen Einsatzkommandanten das Feuer frei gaben, hatten sich die Hamas-Kämpfer bereits in zwei Gruppen aufgeteilt, um in die nahen Kibbuzim Nir-Am und Eres vorzudringen. In dem Schusswechsel blieben neun Mitglieder der Hamas-Terrorzelle auf der Strecke. Einem der Männer gelang aber noch, eine Granate auf einen israelischen Militärjeep zu lancieren: ein Offizier und drei Soldaten starben.

Es war der vierte Versuch der Hamas seit Beginn der israelischen Bodenoffensive im Gazastreifen, via ihres Tunnelsystems Überraschungsattacken in Israel zu verüben. Sie hat sich nach Guerillataktik wortwörtlich auf den Kampf im Untergrund verlegt. Bislang vermochte die Armee solche Vorstöße zu vereiteln. 23 Tunnel mit über 60 Zugängen wurden laut Militärangaben bereits entdeckt und zerstört. Verteidigungsminister Mosche Jaalon gibt sich zuversichtlich, in wenigen Tagen werde sich der Rest der Anlagen unschädlich machen lassen. Aber schon die Vorstellung, was passieren könnte, wenn sich eine schwerbewaffnete Hamas-Zelle auf unterirdischen Wegen einschleichen könnte, ist für alle Israelis eine Horrorvision.

Dass die Militärführung das Tunnelsystem offenbar jahrelang unterschätzt hat, kreiden ihr auf militärische Fragen spezialisierte Journalisten wie Amos Harel in „Haaretz“ inzwischen als „nationalen strategischen Fehler“ an. Nahezu ungestört konnten in all der Zeit die Radikalislamisten eine weitverzweigte „B-Ebene“ im Gazastreifen ausbauen. Vermutet wird, dass die Hamas dazu Palästinenser aus Rafah anheuerte, die dort, an der Grenze zwischen Gaza und dem ägyptischen Sinai, reichlich Erfahrung mit dem Anlegen hunderter Schmuggeltunnel gesammelt haben.

Die Angriffstunnel hin nach Israel, deren Einstiege unter Wohnhäusern und Moscheen verborgen liegen, sind allerdings weit ausgeklügelter. Ihre oft 25 Meter tiefen Schächte sind mit Beton und Balken verstärkt und oft mit Telefon- und Stromleitungen ausgestattet. Der Verdacht liegt nahe, dass die Hamas dazu Baumaterial und Geld verwendete, die eigentlich für den zivilen Wiederaufbau, für Schulen und Wohnungen, bestimmt waren.

Bis die Tunnelgefahr gebannt sei, sagen inzwischen auch jene Israelis, die ursprünglich Einwände gegen einen Einmarsch in Gaza hatten, müsse die Militäroperation fortgesetzt werden, egal, wie lange das dauere. Sonst lebe man mit einer „unterirdischen Zeitbombe“, die jederzeit hochgehen könne.

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