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Nahost-Konflikt Der Traum vom eigenen Land

Im Westjordanland hoffen die Menschen auf eine staatliche Anerkennung durch die Vereinten Nationen. Aber es könnte sein, dass erst einmal alles nur noch schlimmer wird.

Palästinensische Frauen passieren einen israelischen Kontrollpunkt in Ramallah im Westjordanland. Foto: Reuters

Umgeben von Olivenbergen döst Salfit in der Morgensonne. Das bäuerliche Bezirksstädtchen im nördlichen Westjordanland hat sich entwickelt seit den Tagen der Intifada. Die Erdwälle, die Israels Armee aufgeschüttet hatte, um den Autoverkehr zu blockieren, sind verschwunden. Die Straßen sind aufgeräumt. Die Stadtverwaltung scheint leidlich zu funktionieren. Es gibt im Rathaus sogar einen Informationsbereich für die Bürger. Eine geschwungene, blau lackierte Theke, von den Amerikanern spendiert. Auch die Deutschen trugen zur Neugestaltung bei.

Der Bürgermeister, Tahsin Abu Slimi, ist ein moderater Mann, der gerne und oft von Koexistenz spricht. Er trägt einen schwarzen Anzug und über den Schultern eine frisch gebügelte, weiße Keffijeh, das arabische Kopftuch. Von ihm aus könnten die jüdischen Siedler ruhig bleiben. Sogar die aus Ariel, dem mächtigen Siedlungsblock, der im Norden an Salfit angrenzt. Vorausgesetzt, schiebt Slimi nach, sie akzeptierten die palästinensischen Gesetze. „Warum nicht? Vor der Intifada hatten wir mit den Leuten in Ariel ein ziemlich gutes Verhältnis.“

Ein feinsinniges Lächeln umspielt seinen Mund. Slimi weiß, dass die allermeisten Siedler nicht im Traum daran denken, in einem Staat Palästina zu leben. Weder die Gemäßigten aus Ariel noch die Radikalen aus dem berüchtigten Tappuah, die kürzlich die Moschee im Nachbardorf Jasuf angezündet haben sollen. Aber als getreuer Anhänger von Präsident Mahmoud Abbas ist Slimi überzeugt davon, dass ein palästinensischer Staat in den Grenzen von 1967 mit Ost-Jerusalem als Hauptstadt nicht mehr aufzuhalten ist. Auch wenn die Wirklichkeit wohl etwas komplizierter ist. „Der Schritt zu den Vereinten Nationen“, glaubt Slimi, „wird unsere Beziehungen mit der Welt verbessern.“

Keine Gehälter mehr

Was er meint, ist das Bittschreiben, das Präsident Abbas in der kommenden Woche an UN-Generalsekretär Ban Ki Moon übergeben will. Ein Ersuchen, das den Palästinensern die staatliche Anerkennung durch die Vereinten Nationen bringen soll. Ob es dazu kommt, ist völlig unklar.

Klar ist dagegen, dass es Probleme geben wird. Furchtbare Probleme. Israel droht für den Fall der Antragstellung damit, sämtliche Verträge mit der palästinensischen Autonomieverwaltung aufzuheben. Die USA drohen, ihre jährliche Finanzhilfe von 450 Millionen Dollar an die Autonomiebehörden zu streichen. Über die Sorge, dass auch den 76 Angestellten der Stadtverwaltung von Salfit dann keine Gehälter mehr gezahlt werden können, spricht der Bürgermeister nicht. Aber sie ist wahrscheinlich realer als der Traum vom eigenen Staat.

Fathija Jawdat ist eine der drei Frauen im Gemeinderat von Salfit. Sie sagt, die Palästinenser hätten schon Schlimmeres ausgehalten. „Als die Hamas 2006 an die Macht kam, gab es ein halbes Jahr lang kein Geld.“ Hauptsache ihre vier Kinder, allesamt junge Erwachsene, sehen eine Zukunft für Palästina. Ihr Mann, ein Chemieingenieur, hat 25 Jahre in den Golfstaaten gerackert. Seit vier Jahren ist er zurück. Seitdem erst haben sie ein richtiges Familienleben. Jawdat ist froh, dass sogar ihr Jüngster es vorgezogen hat, eine Kleiderboutique „hier bei uns“ aufzumachen statt dem Onkel nach Abu Dhabi zu folgen.

10 000 Einwohner hat Salfit. Etwa genauso viele von hier leben im Ausland, geflüchtet vor Armut, Intifada und Perspektivlosigkeit. „Aber nun ist wieder Licht am Horizont“, sagt Jawdat. Ihre Augen funkeln unter dem selbst bestickten Kopftuch aus Chiffon. „Wenn Israel uns künftig attackiert, greift es einen Staat an. Schon das macht einen Unterschied.“ Sie hält die palästinensische UN-Initiative für „die einzige Chance, endlich zu unserem Recht zu kommen“.

Jawdat rafft ihren bodenlangen Mantel hoch, um in den Jeep aus dem Gemeindefuhrpark zu klettern – auch so eine Anschaffung aus den Mitteln westlicher Aufbauhilfe, um die Palästinenser staatsreif zu machen. Hinter dem Steuer nimmt Aschraf Sohud Platz, Stadtinspektor für Umwelt und Gesundheit. Die Zwei wollen auf einer Tour Salfits Problemzonen zeigen.

Auf feindlichem Gebiet

Da ist zum Beispiel das verbotene Areal, 400 Hektar Olivenbäume, die hinter dem Sperrzaun liegen, den die israelische Militärverwaltung auf der nördlichen Hügelkette von Salfit errichtet hat, um die Siedlung Ariel besser schützen zu können. Nur nach Absprache mit der Armee wird das Tor geöffnet, damit die palästinensischen Besitzer ihr Land bewirtschaften können.

Es ist eine holprige Wegstrecke, die sich den Berghang hoch windet, vorbei an uralten, terrassierten Olivenhainen. Aschraf Sohud fährt immer zögerlicher, zuletzt nur noch im Schritttempo. Hundert Meter vor dem Zaungatter hält er an. „Vorsicht“, flüstert er, „besser, wir kommen den Israelis nicht zu nahe.“ Grillen zirpen, sonst ist es still. Sohud und Jawdat lauschen angestrengt. Sie kommen sich vor wie auf feindlichem Gebiet, und dabei wollen sie doch nur zu ihren Olivenbäumen. Ein Staat auf dem Papier wird an all diesen Dingen wohl nichts ändern. Wahrscheinlicher ist es, dass die Lage sich noch verschlimmert, falls die Palästinenser in New York auf eigene Faust handeln. Wenn die Verträge mit den Israelis gekündigt werden, bleibt vielleicht auch der Sperrzaun hier künftig immer geschlossen. Aber all das scheinen die Leute aus Salfit gar nicht sehen zu wollen. Sie möchten daran glauben, das alles besser wird. Woran sollen sie denn sonst glauben?

Sohud, der Umweltinspektor, lenkt den Jeep auf die südliche Ausfahrtstraße. Parallel zu ihr schlängelt sich eine stinkige Kloake durch verdorrtes Weideland. Die Autonomiebehörden hätten doch nicht mal eine Handhabe gegen den Abwasserbach, den die Großsiedlung Ariel auf das Gebiet von Salfit fließen lässt, sagt er. Selbst über den Standort für ein palästinensisches Klärwerk, das mit deutscher Hilfe gebaut werden soll, wollten die Israelis entscheiden. Denn im größten Teil des Westjordanlandes hat nach wie vor nur die israelische Armee das Sagen. Dennoch hofft Sohud, dass sein Präsident Abbas „ja keinen Rückzieher macht. Wenn die Welt uns hilft, werden wir unsere Unabhängigkeit gewinnen“.

Im Zentrum von Salfit weist eine verzierte Keramiktafel die Entfernung nach Jerusalem aus. Es sind exakt 34, 21 Kilometer. Etwa genauso weit ist es von Jerusalem nach Hebron, im Süden des Westjordanlandes. Die Lage dort ist komplizierter, verworrener als die in Salfit, diesem prosperierenden Autonomiestädtchen. Hebron, das Juden und Moslems heilig ist, hat ein Problem mit winzigen, dafür aber als besonders fanatisch geltenden Siedlungen.

In Hebrons Altstadt, im Militärjargon als „H2“ bezeichnet, leben 750 jüdische Siedler unter 20 000 Palästinensern. Eine radikale Minderheit, die sich auf Gott beruft. Ersatzweise eilt die Armee herbei. Zum Schutz der Siedler von Hebron sind 650 Soldaten und Grenzpolizisten abgestellt. Also für jeden Siedler ein Beschützer.

Wie in einer Geisterstadt

Früher waren die Gassen der Kasbah laut und belebt. Heute fühlt man sich dort wie in einer Geisterstadt. Die Straßen sind menschenleer, die Läden verriegelt, die Fenster vergittert oder zugenagelt. Allenfalls ein zum Trocknen rausgehängtes Wäschestück zeigt an, dass hier noch jemand zu Hause ist. Zum Beispiel eine taubstumme Frau mit mehreren Kindern. Um in die Schule zu gehen, muss ihnen der wachhabende Soldat vom Checkpoint 45 eine verriegelte Metalltür aufschließen. Nur durch diese Tür gelangen sie in den autonomen Teil Hebrons. Beim Heimweg die gleiche Prozedur. Kinderhände pochen an Metall. In schwerer Kampfmontur schlurft der Soldat los, um das Tor zu öffnen. Gesenkten Blickes hastet ein schmächtiges Kerlchen an ihm vorbei. Ohne Blick, ohne Wort.

Eine Ecke weiter übt ein Trupp der israelischen Nahal-Brigade für den Tag X, wenn die UN-Sache entschieden ist und die Palästinenser womöglich massenweise auf die Checkpoints losmarschieren. Einige weibliche Gefreite sind eigens geholt worden, um sitzstreikende Demonstranten zu mimen oder solche, die durch Barrikaden zu brechen versuchen. Zur leichteren Identifikation haben sich die Soldatinnen palästinensische Fahnenfetzen um die Arme gebunden, was nicht unbedingt von Sensibilität zeugt. Die israelische Regierung scheint also zumindest mit der Möglichkeit zu rechnen, dass sich etwas verändern könnte.

Der Gedanke an einen souveränen Staat Palästina hat hier allerdings etwas Absurdes. Manche Straßen in Hebron-H1 sind schon jetzt den Siedlern vorbehalten. Palästinensischen Anwohnern ist nicht mal erlaubt, einen Fuß dahin zu setzen. Manchen von ihnen bleibt nichts weiter übrig, als mit Hilfe von Leitern oder Hintertreppen ihre Häuser zu verlassen. Kein Wunder, dass über vierzig Prozent der Alteingesessenen aus der Kasbah in den autonom verwalteten Teil Hebrons gezogen sind, wie die kritische israelische Soldatenorganisation „Breaking the Silence“ berichtet.

Hebron ist ein Extremfall. Nirgendwo sonst im Westjordanland ist die Bewegungsfreiheit der Palästinenser derart eingeschränkt wie in der geteilten Patriarchenstadt mit der Machpela, in der Abraham, der biblische Stammesvater von Ismael und Isaak, seine ewige Ruhe gefunden haben soll. Aber überall im Westjordanland bestimmt letztlich das israelische Militär mit seinem Netz aus festen und mobilen Straßenbarrieren, ob und wann Palästinenser ihr Ziel erreichen. Vielleicht gefällt ihnen der Gang nach New York deshalb so sehr, weil Israel sie nicht davon abhalten kann.

Mehr als ein Symbol

„Uns an die UN zu wenden, ist für uns ein wichtiger Schritt und keineswegs nur symbolisch“, meint Issa Amro. Er hockt auf der niedrigen Steinmauer seines Grundstücks, für einen Moment ganz versunken in den Blick auf Hebron im Abendlicht. Dann erzählt er. Von seinem Geburtshaus in jenem Teil der Hebroner Altstadt, wo heute der israelische Siedlerkomplex „Avraham Avinu“ steht – für ihn, den Palästinenser, eine verbotene Zone. Aber auch hier in seinem gemieteten Haus, auf dem Hügel oberhalb des moslemischen Friedhofs in „H2“, rücke ihm der Siedlerposten Beit Romano immer mehr auf den Leib. Erst stand nur ein Wohnmobil da, am Ende wurden die palästinensischen Nachbarn vor die Tür gesetzt. Die Gegenverfügung eines israelischen Gerichts ignorieren die Siedler nunmehr seit fünf Jahren. Mit Erfolg.

Jetzt machen sie sich in Amros Garten breit. Die Vorhut ihrer Setzlinge reicht direkt bis an seine Terrasse. Der 31-jährige Elektriker ist dagegen machtlos. „Wenn ich nur eine ihrer Pflanzen ausreißen würde, stünden sie gleich hier, Gewehr bei Fuß.“ Wie es ausgeht, wenn man sich mit Siedlern anlegt, die erstens bewaffnet sind und zweitens Recht und Armee auf ihrer Seite haben, hat Amro im August 2009 schmerzhaft erlebt. Er trug bei dem Streit eine gebrochene Nase davon, verbrachte fünf Tage in Haft und zahlte rund tausend Euro Strafe. Der Vorfall ist auf Video dokumentiert, sogar ein israelischer Militärkommandant war Zeuge. Die Siedler hatten behauptet, Amro habe einen ihrer Wachmänner gestoßen.

Aber Amro denkt nicht daran, aufzugeben. „Wir haben dieses Leben unter israelischer Besatzung unendlich satt. Wenn die Welt unseren Staat anerkennt, werden wir in spätestens fünf Jahren auch einen haben.“ Einstweilen malt er sich aus, was er nach der ersehnten UN-Entscheidung dem erstbesten israelischen Soldaten, dem er begegnet, sagen wird: „Eure Zeit ist vorbei. Das hier ist Palästina, nicht Tel Aviv.“

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