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Nahost „Es gibt keine andere Möglichkeit als zu schießen“

Grischa Jakubovich leitete jahrelang die Zivilverwaltung der Armee im Gazastreifen. Im Interview spricht der israelische Oberst über die Proteste der Palästinenser, Interessen der Hamas und Auswege aus dem Konflikt.

Israelische Soldaten
Israelische Soldaten richten ihre Waffen gegen palästinensische Demonstranten. Foto: afp

Dreißig Menschen sind bei Protesten an der Grenze von Gaza zu Israel in den vergangenen zehn Tagen gestorben, Hunderte wurden verwundet. Die israelische Armee geht mit Scharfschützen gegen die Demonstranten vor und ruft damit weltweit Kritik hervor. Auch in Israel gibt es Proteste, aber die Mehrheit der Bevölkerung steht hinter dem Militär und der Regierung.

Grischa Jakubovich, 50, Oberst der Reserve in der israelischen Armee, leitete jahrelang die Zivilverwaltung der Armee im Gazastreifen und war für wirtschaftliche Beziehungen und die Infrastruktur zwischen Israel und der Palästinensischen Autonomiebehörde (PA) verantwortlich. Heute hält er Vorträge über die Situation im Westjordanland und im Gazastreifen. Er gilt als einer, der sich für bessere Beziehungen zwischen Palästinensern und Israelis einsetzt.

Herr Jakubovich, hat Sie die Zahl der Opfer bei den Freitagsprotesten an der Gaza-Grenze überrascht?
Warum sollte ich überrascht gewesen sein?

Weil es viele Opfer gab. So viele wie seit 2014 nicht mehr. Warum erschießt die israelische Armee unbewaffnete Demonstranten? Warum benutzt sie keine anderen, weniger brutalen Mittel, um Menschen von der Grenze fernzuhalten?
Okay, reden wir über die Fakten: Wie viele Menschen wurden erschossen? 

Beim ersten Mal 19. am vergangenen Freitag waren es neun.
Bleiben wir bei dem ersten Mal. Wie viele von den 19 Opfern waren Terroristen?

Die israelische Armee sagt zehn, die Palästinenser fünf. 
Ich gebe Ihnen die Antwort: 15 der 19 Toten waren Terroristen.

Woher wissen Sie das?
Ich habe es recherchiert zusammen mit dem Blogger Abu Ali. Es war ganz einfach. Man muss sich nur in den palästinensischen Medien die Fotos der Opfer ansehen, da findet man alles, ihre Titel und ihre Funktionen in Terrororganisationen wie der Hamas oder dem Dschihad. Sie haben das alles selbst öffentlich gemacht. 

Halten Sie es für die richtige Taktik, Scharfschützen einzusetzen? 
Es handelt sich um eine sehr schwierige Situation. Wir wussten alle von diesen angekündigten Protesten und auch von der Warnung Israels, dass es eine „rote Linie“ gibt, und dass diese Linie der Sperrzaun sein würde. Dieser Zaun wurde errichtet, um Israel vor Terror zu schützen. Ich bin mir sicher, dass auch die Hamas die Botschaft des Militärs verstanden hat, lange bevor die Proteste angefangen haben. Aber was meinen Sie, was ein israelischer Soldat machen soll, wenn ein Terrorist auf ihn zukommt und über die Grenze kommen will? Es gibt keine andere Möglichkeit als zu schießen. Ich habe selbst 30 Jahre in der Armee gedient. Ich weiß, was ein Menschenleben bedeutet. Mein Auftrag bei der Armee war, Leben zu beschützen. Palästinensisches Leben. 

Die Menschenrechtsorganisation B’Tselem fordert Soldaten auf, den Schießbefehl zu verweigern. Sie begründet es damit, dass es unrechtmäßig sei, unbewaffnete Zivilisten zu erschießen.
Solange Zivilisten nicht das Sperrgebiet betreten, ist es unrechtmäßig zu schießen. Das Sperrgebiet wurde zur militärischen Zone erklärt. Wer es betritt, der muss damit rechnen, dass auf ihn geschossen wird. Aber wer macht das, wer geht so dicht ran und riskiert sein Leben? Sind das wirklich Zivilisten? Da habe ich meine Zweifel. Das ist der Grund, warum ich die Recherche zusammen mit dem Blogger Abu Ali gemacht habe.

Ist der Blogger Palästinenser?
Er gibt seine Identität nicht preis. Ich kann aber sagen, dass er keine politische Agenda hat. Genau wie ich. Wir haben nur versucht, die Fakten zurechtzurücken, weil wir das Gefühl hatten, sie wurden von den Medien nicht richtig dargestellt. Ich finde auch, es ist nicht richtig, die israelischen Soldaten zu kritisieren. Man kann die Befehle des Militärs verurteilen oder Netanjahus Politik, aber nicht die Soldaten.

Wie erklären Sie sich, dass so viele Menschen in Gaza bereit sind, ihr Leben aufs Spiel setzen?
Die Lage dort ist katastrophal. Die Terrormiliz Hamas kontrolliert seit 2007 Gaza, Mahmoud Abbas aber ist immer noch der Präsident von allen Palästinensern, auch von denen im Gazastreifen. Er würde allerdings derzeit nie nach Gaza fahren, weil man dort einen Anschlag auf ihn verüben würde wie gerade erst auf Premierminister Rami Hamdallah. Die Leute im Gazastreifen haben also niemanden, der die Verantwortung für die Situation dort übernimmt. Für den Wassernotstand, die Stromausfälle, das Abwasserproblem, die wirtschaftliche Situation. Wenn es so weitergeht, werden im Jahr 2020 mehr als zwei Millionen Menschen keinen Wassertropfen mehr haben. Die Hamas hat in den letzten zehn Jahren ihr Budget alleine dafür verwendet, Tunnel zu bauen und Technologien zu besorgen, um Israel anzugreifen. Sie sind schlau, schlauer als der Jihad oder IS und denken sich immer wieder neue Methoden aus. Jetzt versuchen sie es damit, den Spieß umzudrehen, mit dem Finger auf den Feind zu zeigen und von sich selbst abzulenken.

Wann waren Sie das erste Mal in Gaza?
Als Kind, ich habe dort in der Nähe gewohnt. Ich war mit meinen Eltern ständig da, wir sind dort auf den Markt gegangen und zum Arzt.

Und wann das letzte Mal?

Schon lange nicht mehr. Wenn ich nach Gaza gehen würde, würde ich gekidnappt oder in Gefangenschaft genommen werden, da bin ich mir sicher. Die Hamas wäre froh darüber, einen Oberst als Geisel zu nehmen.

Haben Sie noch Kontakt zu den Bewohnern dort?
Ja, natürlich. Ich versuche gerade, dort auch geschäftlich tätig zu werden. Mein Partner und ich verhandeln mit der Modefirma Zara, Stoffe nach Gaza zu schicken, damit die dort geschnitten und genäht werden können. Das würde 2000 Palästinensern in Gaza Arbeit geben. 

Sie arbeiten nicht mehr fürs Militär?
Nein, das mache ich als Geschäftsmann. Ich bin davon überzeugt, dass wir die Situation nur gemeinsam verbessern können. Ich habe eine Initiative gegründet, um Jordanien, Israel und die arabische Welt mit einer Eisenbahnlinie zu verbinden. Sie soll von Haifa bis nach Saudi-Arabien führen. Ich hoffe, dass wir das hinkriegen. Es würde die wirtschaftliche Situation von Israel, Jordanien und auch die der Palästinenser deutlich verbessern. Außerdem arbeite ich mit zwei Partnern an einer Plattform, mit der wir Israelis und Palästinenser zusammenbringen wollen. 

Die Proteste in Gaza sollen noch bis Mitte Mai gehen. Rechnen Sie damit, dass es so weitergeht und es jetzt jeden Freitag so viele Tote geben wird, womöglich sogar einen neuen Krieg? 
Es ist ein Spiel mit dem Feuer. Ich denke, dass weder die Hamas noch die Fatah Interesse an einem neuen Krieg haben. Mahmoud Abbas steht unter starkem Druck, er ist gerade 83 geworden und würde gerne nach Gaza zurückkehren, bevor er aus dem Amt scheidet. Die Hamas steht ihm im Weg. Deshalb macht er erst mal mit bei ihrer Kampagne, ihrem Marsch der Rückkehr, aber ich sehe die Flammen nicht hochschlagen. Es brennt, aber nicht stark. Denn wenn die Situation außer Kontrolle gerät, wird es sehr schwer sein, einen militärischen Konflikt zu verhindern. Das wissen alle Beteiligten. Auch Israel. Und dementsprechend müssen sie reagieren und darauf achten, dass die Zahl der Toten und Verletzten nicht zu hoch wird. Wir müssen die nächsten Wochen abwarten und können nur hoffen, dass die Hamas sich im Zaum hält und Israel auch. Wenn man das erreicht, wird man das Feuer löschen können.

Interview: Anja Reich

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Israel

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