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Nachruf Margot Honecker - Unbelehrbar bis zum Schluss

Die ehemalige Volksbildungsministerin der DDR und Frau von Staats- und Parteichef Erich Honecker ist mit 89 Jahren in Chile gestorben. Den meisten DDR-Bürgern ist vor allem ihre Unerbittlichkeit haften geblieben.

Margot Honecker auf einem Foto aus dem Jahr 2011. Foto: dpa

Bei der Linken, der Nachfolgepartei der PDS, die wiederum aus der SED hervorging, mussten sie sich am Freitagabend erst mal sortieren. Mit Blick auf den Tod Margot Honeckers sei er nicht bewandert und auch nicht befugt, etwas Qualifiziertes zu sagen, teilte ein teilte ein führendes Parteimitglied mit.

Ganz anders die Gegenseite von damals. „Margot Honecker war unbelehrbar bis zum letzten Tag“, sagte der Vorsitzende der Union der Opferverbände Kommunistischer Gewaltherrschaft (UOKG), Dieter Dombrowski, dieser Zeitung. „Jeder Mensch fragt sich doch mal: War das richtig, was ich getan habe? Diese Leute gehören nicht dazu. Margot Honecker lebte bis zum Schluss unter Ihresgleichen und unter einer Sozialismus-Scheinweltglocke. Das ist in gewissem Sinne tragisch.“

Wie am Freitagabend bekannt wurde, ist die frühere DDR-Ministerin für Volksbildung tot. Die Witwe von DDR-Staats- und SED-Parteichef Erich Honecker starb fernab von Deutschland im selbst gewählten chilenischen Exil – mit 89 Jahren. Dort nahm zuletzt kaum noch jemand Notiz von ihr.

Mehr als ein Vierteljahrhundert hatte die Ex-Funktionärin mit eiserner Hand sozialistische Ideologie an Schulen und in Kindergärten der DDR durchgesetzt. Die Frau mit dem Blaustich im Haar galt als heimliche, aber wahre Machthaberin im Arbeiter- und Bauern-Staat. Ihren Mann soll sie wie eine Marionette geführt haben, hatten Insider berichtet. Dem ging ein langes Leben voraus.

Jüngste Abgeordnete im DDR-Parlament

Margot Honecker war die Tochter eines Schuhmachers. Und die Familie, in die sie 1927 in Halle an der Saale geboren wurde, gab ihr den Weg vor, den sie einschlagen sollte. Vielleicht machte sie auch das schon früh gegen Zweifel immun. Ihr Vater Gotthard Feist, der übrigens erst 1993, nach der deutschen Wiedervereinigung, starb, gehörte der KPD an. Genau wie ihre Mutter Lene, gestorben 1940, als ihre Tochter erst 13 Jahre alt war. Beide Eltern engagierten sich auch nach 1933, nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten, für die KPD, illegal und hoch gefährdet.

Der Vater war zwei Jahre lang im Konzentrationslager Buchenwald interniert. Tochter Margot war noch keine zwanzig Jahre alt, als sie nach einer Kindheit und Jugend im nationalsozialistischen Deutschland 1945 selbst der KPD beitrat. Sie wurde schnell zu einer interessanten Figur in diesem neuen Deutschland – in der SED, die aus der Zwangsvereinigung von KPD und SPD im Osten entstand.

Schnell stieg die Telefonistin zur Vorsitzenden der Kinderorganisation „Junge Pioniere“ auf. Mit 22 Jahren war sie die jüngste Abgeordnete in der Volkskammer - dem DDR-Parlament. Die Arbeit brachte sie mit Erich Honecker zusammen, 1953 heirateten sie. Schon 1951 wurde die gemeinsame Tochter geboren. Von 1963 bis zum Herbst 1989 war die elegante, schlanke Frau dann Ministerin für Volksbildung - und blieb in dieser Funktion nachhaltig in Erinnerung. Gegen den Widerstand der Kirchen führte sie 1978 an den Schulen Wehrunterricht ein.

Christlich engagierte Schüler wurden benachteiligt und bekamen häufig keinen Studienplatz. Noch 1989 hielt Honecker eine „Erziehungsrichtlinie“ hoch, dass der Sozialismus wenn nötig mit der Waffe verteidigt werden müsse. Weit über die DDR-Grenzen hinaus sorgte die Hardlinerin 1988 für Aufsehen, als auf ihre Weisung hin vier aufmüpfige Schüler von einer Oberschule in Berlin-Pankow verwiesen wurden. Sie hatten sich gegen Militärparaden gewandt.

Einer der Betroffenen, der heutige CDU-Bundestagsabgeordnete Philipp Lengsfeld, sagte dieser Zeitung: „Man redet über Verstorbene nichts Schlechtes. Deshalb kann ich eigentlich gar nichts sagen. Aber ihre Untaten sprechen für sich. Das von Margot Honecker verantwortete Bildungssystem war die DDR im Kleinen: vernormt, dogmatisch, unfrei.“

Kritisches kam nicht über ihre Lippen

Schließlich lebte Margot Honecker seit Anfang der 90er-Jahre mit deutscher Rente in der chilenischen Hauptstadt Santiago de Chile. Schlagzeilen machte sie dabei im Wesentlichen nur noch, als sie vor dem Bundessozialgericht Nachzahlungen von mehreren tausend Mark erstritt. Auch Erich Honecker reiste Anfang 1993 nach Chile aus, nachdem in Deutschland der Prozess gegen ihn wegen Totschlags von DDR-Flüchtlingen wegen seiner Krebserkrankung eingestellt worden war. Er starb 1994 im Alter von 81 Jahren. Die Urne mit seiner Asche bewahrte die Witwe lange im Wohnzimmer auf.

Die Staatsanwaltschaft ermittelte zwar gegen Margot Honecker wegen ihrer Verantwortung für Zwangsadoptionen von Kindern, deren Eltern wegen „Republikflucht“ oder „Spionage“ verhaftet worden waren. Ein entsprechender Prozess wurde 1994 aber eingestellt.

Die Ex-Ministerin, die sich mit Spaziergängen fit hielt und täglich über Stunden im Internet unterwegs war, verteidigte bis zum Schluss ihre sozialistischen Überzeugungen ohne Wenn und Aber. Kritisches kam nicht über ihre Lippen. Sie stehe zur DDR und lege ihre Sicht nicht auf dem Altar der Zeitgeschichte nieder, auch wenn man sie als „Unbelehrbare“ verleumden würde, beharrte sie.

So wie sie am Beginn der DDR für einen Aufbruch stand, so galt sie seit den späten 70er-Jahren bis zum Mauerfall als eine Symbolfigur für den verknöcherten und autoritären Staat, der die DDR wurde. Ein Staat, den sie noch verteidigte, als er längst untergegangen war, und den sie 1964 so charakterisierte: „Bei uns besteht die volle Freiheit, das Leben so zu gestalten, wie es richtig ist.“ Zynischer geht es kaum.

Während das chilenische Online-Portal 24horas.cl Margot Honecker jetzt als „die starke Frau der deutschen Kommunisten“ würdigte, fällt das Urteil hierzulande anders aus. Der Leiter der Stasi-Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen, Hubertus Knabe, sagte dieser Zeitung: „Margot Honecker hat als Volksbildungsministerin der DDR nicht nur zahlreichen jungen Menschen das Rückgrat gebrochen und die schrecklichen Jugendwerkhöfe für Jugendliche betrieben.“ Sie habe ihr Tun „auch niemals kritisch reflektiert“ und sei „bis zu ihrem Tod eine böse, verstockte Frau“ gewesen.

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