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Nachruf auf Helmut Kohl Meister der politischen Macht

Helmut Kohl macht sich als Reformer einen Namen, steigt zum Kanzler auf und prägt über Jahrzehnte die deutsche Politik. Am Ende fällt er tief - und kämpft um die Deutungshoheit über sein Leben.

Schulterschluss
Geste der Versöhnung: Kanzler Kohl und Frankreichs Präsident Francois Mitterrand reichen sich 1984 die Hände über den Gräbern von Verdun. Foto: rtr

Im Winter seines Lebens ereilte ihn ein Schicksal, wie wir ihm erschauernd in den düsteren Königsdramen des William Shakespeare begegnen. Aus den Höhen einer 16-jährigen Kanzlerschaft stürzte er politisch, moralisch und schließlich auch physisch in einen Abgrund.

Kein anderer Kanzler der Bundesrepublik räsonierte so öffentlich über gesellschaftliche Werte und christlich-katholische Moral wie Helmut Kohl, um sich dann, als es in seinen späten Lebensjahren zum Schwur kommt, über das Gesetz zu stellen und mit Unwahrheiten und bräsiger Rechthaberei die Entgegennahme verbotener Wahlkampfgelder zu bagatellisieren.

Weder Adenauer noch Brandt forderten so lautstark und unbescheiden einen Platz in den Geschichtsbüchern der Zukunft wie ihr pfälzischer Nachfolger. Zufälle der Geschichte, Augenblicke glücklicher politischer Wendungen, den Mut von Menschen, die auf die Straße gingen, um für Freiheit, Menschenrechte und schließlich für die Vereinigung ihrer beiden vierzig Jahre getrennten Staaten zu demonstrieren, stilisierte er zur eigenen historischen Tat.

„Kanzler der Einheit“ nannten ihn seine Anhänger und er hörte es mit sichtbarem Wohlgefallen. Nie ließ der Mann aus der Chemie-Metropole Ludwigshafen bei seinen Wählern Zweifel darüber aufkommen, dass er nicht nur den Zipfel des Mantels der Geschichte erwischt habe (so deutete Bismarck noch bescheiden seine Erfolge), sondern gleich das ganze Kleidungsstück.

Der Komödie des politischen Selbstdarstellers, der 1998 Wahlkampf, Amt und Macht verliert, folgt eine Tragödie: 2001 scheidet seine Ehefrau freiwillig aus dem Leben. Schon seit Jahren hat sie zurückgezogen im Oggersheimer Bungalow gelebt, der seinen Besitzer in den Kanzlerjahren nur noch selten beherbergte. Nach mehreren Krankheiten und Operationen stürzt der große, schwere Mann 2008 in seinem Badezimmer und erleidet ein Schädel-Hirn-Trauma.

Die Welt erlebt danach einen Altkanzler im Rollstuhl, sprachbehindert und rasch zu Tränen gerührt. Schließlich ruinieren die Söhne den Ruf des Vaters, berichten von einem traumatisierenden Privatleben, das ganz dem egomanischen Wollen dieses homo politicus unterworfen worden war.

Die Bilder vom angeblich idyllischen Familienurlaub am Wolfgangsee, die einst jeden Sommer den Lesern der Boulevardblätter eine heile Welt vorgaukeln sollten, erweisen sich spätestens mit der Abrechnung der Söhne als billiges Wahlkampfgetöse. Die Partei, die ihm zeitlebens Familienersatz und Lebenselixier gewesen war und die ihm grandiose Wahlerfolge verdankte, hat den nun machtlosen Mann, dessen Parteispendenaffäre ihre Wahlchancen zu gefährden droht, ohnehin rasch fallen lassen, nimmt ihm das Amt des CDU-Ehrenpräsidenten.

Überhaupt, die Parteifreunde lassen sich in seinen letzten Lebensjahren nur noch selten mit ihm sehen. Dann wieder Komödie: Er publiziert seine mehrbändigen Memoiren, in die weder Einsicht noch Zweifel am Lebensgang und am eigenen politischen Handeln Eingang finden. Sie wiederholen nur die Grundmelodie seines Lebens: Ich übernehme die Deutungshoheit meines politischen Wirkens lieber selbst.

Welch ein Unterschied zu den sensiblen Betrachtungen und Spiegelungen in den Büchern Willy Brandts oder zu den scharfsinnigen (wenn auch von Eitelkeit umrankten) Analysen in Helmut Schmidts Veröffentlichungen. Selbst Adenauers trockene und rechtfertigende Erinnerungen lesen sich da noch wie ein Politkrimi.

Am Ende tobt im Hause Kohl ein kleinkarierter Kampf zwischen der zweiten Ehefrau und dem Ghostwriter der Erinnerungen, in dem auch die Justiz bemüht wird. Wieder geht es um den Eintrag in die Geschichtsbücher, um die Deutungshoheit von Kohls politischer Leistung.
Das Geheimnis seiner vielen Wahlerfolge und seines politischen Überlebens in Zeiten der persönlichen und innerparteilichen Krise ist in seinem teils naiven, teils skrupellosen Machtwillen zu finden.

Helmut Kohl lernte Politik von der Pike auf. Sonst hatte ihn jenseits eines braven Geschichtsstudiums und einer kurzen Zwischenstation im Verband der Chemieindustrie beruflich nichts anderes beschäftigt. Als Zwölfjähriger beseitigte der Sohn des den Nationalsozialisten kritisch gegenüberstehenden Steuersekretärs Hans Kohl in der Heimatstadt Trümmer.

Der ältere Bruder ist in den letzten Kriegsmonaten gefallen. Noch als Schüler trat Helmut Kohl der CDU bei, als 23-Jähriger wurde er Vorstandsmitglied der rheinland-pfälzischen Christdemokraten, mit 36 war er Ministerpräsident in Mainz. Ein Reformer, der die Alten um Regierungschef Peter Altmeier kühl und gekonnt beiseite schob. Gebietsreform, Verwaltungsreform, Abschaffung der Zwerg- und Konfessionsschulen – da räumte ein Modernisierer in seinem Land auf und machte im CDU-Klüngel der Bundeshauptstadt auf sich aufmerksam.

In seinem Hausblatt, der „Mainzer Allgemeinen“, drohte man unverhohlen in Richtung Bonn: „Helmut Kohl – pfälzischer Hannibal“.

Bald beherrscht er die Mechanismen der Macht nahezu blind. Ob im Mainzer Hinterzimmer oder mit Gorbatschow an der Wolga: Bei Saumagen und Wein, in Strickjacke und mit jovialem Schulterklopfen macht er Politik, später sogar Weltpolitik.

Das Telefon wird Kohls wichtigstes Handwerkszeug. Da werden täglich die Fäden gezogen, die Karrieren bestimmt, die Intrigen gesteuert. Wer für ihn ist, kann aufsteigen, wer ihn „verrät“, den trifft ein Bann, der häufig zur politischen Vernichtung führt. Seine intelligenten Generalsekretäre Kurt Biedenkopf und Heiner Geißler ertragen die Atmosphäre um den Mann mit der schlichten Sprache und den schrecklichen Redekaskaden nur kurze Zeit. Dann rebellieren sie und müssen gehen. Mit dem einst von ihm ernannten „Thronfolger“ Wolfgang Schäuble überwirft er sich so heftig, dass zwischen ihnen nur noch Sprachlosigkeit herrscht.

Aus dem politischen Barrikadenstürmer und Reformer wird in den Bonner Jahren ein Konservativer, der als Oppositionsführer „die Liebe der Menschen für die freiheitliche Demokratie“ gewinnen will und als Kanzler die „geistig-moralische Wende“ beschwört. Die Intellektuellen aber haben ihn mit ihrem häufig gemeinen Spott und ihrem unberechtigtem Hochmut gewaltig unterschätzt. Auch Franz Joseph Strauß. Nach seiner gescheiterten Kanzlerkandidatur bremste ihn sein Unions-Konkurrent Kohl mit meisterlicher Strategie aus und verbannte ihn bis ans Lebensende in das heimatliche Bayern.

Willy Brandt, diesen Intellektuellen in der sonst so erbärmlich denkfaulen politischen Welt, hat Kohl heimlich bewundert. Als Helmut Schmidt sein Gegner im Kampf ums Kanzleramt wird, lebt er auf: Da trifft er auf einen Polemiker und Wahlkämpfer, der ihn nicht das Fürchten lehren kann, weil er ihm beim Austeilen von Unfreundlichkeiten in Nichts nachsteht.

Auf dem Bremer Parteitag von 1989 – viele journalistische Beobachter läuten schon das politische Totenglöcklein für den Kanzler, unter dem die Bonner Republik zu erstarren droht – besiegt er seine innerparteilichen Gegner, weil diesen im entscheidenden Augenblick der Mut zur Revolte ausgeht.

Der Zusammenbruch der Sowjetunion wurde zum Wendepunkt für Kohls Kanzlerschaft. Er nutzte die Chancen, die sich daraus für die Wiedervereinigung entwickelten und ließ die Landsleute im Osten einen hohen Preis dafür zahlen. Aus den „blühenden Landschaften“ wurden Regionen mit Industrieruinen, und der Machtübernahme der Wessis stand ein Heer von arbeitslosen Ossis gegenüber.

Keine politische Meisterleistung des Kanzlers und seiner Mitstreiter boten diese dramatischen Monate. Immerhin, Kohl hat den historischen Augenblick, in dem die Wiedervereinigung möglich war, nicht verspielt, und der Kanzler trat gegenüber einer misstrauischen Welt im sich anbahnenden Einheitsprozess ohne gefährliche deutsche Großmannssucht auf.
Bedeutend war seine Europapolitik.

Er kämpfte erfolgreich für die Weiterentwicklung der Europäischen Gemeinschaft, setzte den Euro durch und den Vertrag von Maastricht, der eine gemeinsame Außen- und Sicherheitspolitik der EU festschrieb. Und Frankfurt verdankt es Kohl, dass die Europäische Zentralbank ihren Sitz am Main gefunden hat.

Der Politiker Helmut Kohl hat die Wähler immer wieder polarisiert. Zäh und mit häufig unsympathischen Mitteln hielt sich der „schwarze Riese“ länger als alle seine Vorgänger an der Macht. Am Ende aber stolperte er über sich selbst. Die Geschichtsbücher werden auch das aufarbeiten.

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