Lade Inhalte...

Nachruf auf die "Eiserne Lady" Das Vermächtnis der Lady

Die frühere britische Premierministerin Margaret Thatcher ist an den Folgen eines Schlaganfalls gestorben. Das teilten ihre Kinder mit. Ein Nachruf auf die "Eiserne Lady".

08.04.2013 14:23
Sabine Rennefanz
Margaret Thatcher im Juni 2007. Foto: REUTERS

Allein die Erwähnung ihres Namens spaltet über zwanzig Jahre nach ihrem Abgang als Premierministerin noch immer die Briten. Die einen sahen in ihr die Retterin des im Niedergang begriffenen Königreichs, die wichtigste Premierministerin seit Winston Churchill; die anderen die Zerstörerin von Gemeinsinn und Zusammenhalt, die ganze Landstriche deindustrialisierte.

Am Montag starb Margaret Thatcher im Alter von 87 Jahren an den Folgen eines Schlaganfalls in London.

Sie hat das Land revolutioniert – im Guten wie im Schlechten. Sie brachte die soziale Kälte, die erbarmungslose Leistungsgesellschaft. Aber sie sorgte auch dafür, dass Leute aus kleinen Verhältnissen auf einmal bis ganz nach oben aufsteigen konnten – so wie sie selbst. Ihre Reformen brachen die Macht der Gewerkschaften und sorgten für den Aufstieg der Londoner City, eine der Keimzellen des globalen Finanzkapitalismus. Die Auswirkungen sind bis heute spürbar. Dass Großbritannien kein sehr bedeutendes produzierendes Industrieland mehr ist, ist auch Maggie Thatcher zu verdanken. „Wir werden auf ihrem Grab tanzen“, stand auf T-Shirts, die 2012 auf dem Gewerkschaftskongress verkauft wurden.

Es gibt eine Errungenschaft, die nicht mal die schlimmsten Feinde von Margaret Hilda Thatcher bestreiten können: Als sie am 4. Mai 1979 in Downing Street einzog, war sie die erste Premierministerin Großbritanniens – in derart konservativen Zeiten, als die meisten Clubs in der britischen Hauptstadt nur Männer zuließen und es undenkbar war, dass der Thronfolger Prinz Charles eine geschiedene Frau ehelicht.

Margaret Thatcher mag stets betont haben, dass sie sich in erster Linie als Politiker mit Prinzipien sah, der zufällig eine Frau war – und doch veränderte ihr Geschlecht alles. „Wenn man die erste Frau ist, die ganz nach oben kommt, dann ändert man die Regeln“, hat ihr Biograf Charles Moore beobachtet. „Keiner der Männer wusste, wie damit umzugehen war. Das war von unglaublichem Vorteil. Margaret Thatcher hat das hervorragend genutzt.“

Auf die Frage, was sie während ihrer elfeinhalbjährigen Amtszeit bis 1990 geändert hat, hat sie einmal geantwortet: „Alles.“

Heute kann man sich kaum noch vorstellen, wie sensationell es gewesen sein muss, als die Tochter eines Lebensmittelhändlers aus dem Städtchen Grantham in der Grafschaft Lincolnshire 1975 die wohl konservativste Partei Europas übernahm. „Shocking“ fand sie das verstaubte Londoner Establishment aus altem Adel und Klerus. Die Chemikerin mit Abschluss der Elite-Universität Oxford war immer die Rebellin, die gegen ihre auf Konsens und auf Streitvermeidungsstrategien erpichte Partei ankämpfte.

1979 hatte das Königreich gerade den „Winter der Unzufriedenheit“ überstanden, den die militanten Gewerkschaften heraufbeschworen hatten, die Arbeitslosigkeit war auf einem Rekordhoch, Großbritannien der kranke Mann Europas. Thatcher sah sich als Krankenschwester, die das Land einer rabiaten Radikalkur unterziehen würde.

Sie wusste nicht nur, dass es weh tun würde, sie glaubte, dass es weh tun müsste. „Nach einer größeren Operation fühlt man sich meist schlechter, bevor man schließlich genesen kann – aber man würde die OP doch deshalb nicht ablehnen, wenn man weiß, dass man ohne sie nicht überlebt“, argumentierte sie. Ihr Aspirin war die Kraft des Marktes, dem sie alles überließ. Sie kürzte den Arbeitslosen die Stütze, nahm den Bergwerkern Minen und Stolz, verkaufte Eisenbahnen und Kraftwerke. Die Methoden der Iron Lady, wie sie in den Achtzigerjahren von der Moskauer Prawda nicht gerade bewundernd genannt wurde, wurden tausendfach kopiert.

Gab sie in der Innenpolitik Schwester Margaret, spielte sie in der Außenpolitik eine Mischung aus Pin-up-Girl für „our boys“, die britischen Truppen, und Übermutter, die alles, was britisch war, mit Unnachgiebigkeit verteidigte. Unter dem Motto „I want my money back“ senkte sie die Netto-Zahlungen des Königreichs an die EU. Der Krieg 1982, bei dem sie ihre Soldaten 8?000 Kilometer um den Globus schickte, um die Falklandinseln von Argentinien zurückzuerobern, sicherte ihr das Amt für die kommenden Jahre und sollte sie zur Regierungschefin von internationalem Format machen.

Großbritannien unter Thatcher galt wieder etwas in der Welt. Sie pflegte gute Beziehungen zum amerikanischen Regierungschef Ronald Reagan, den sie bewunderte und mochte, und zum starken Mann der Sowjetunion, Michail Gorbatschow, dessen Bedeutung sie früher als andere erkannte. Schon 1984 lud sie ihn nach London ein.

Feministin hinter der Fassade

Die Europäer nahm sie eher als Kontrahenten wahr. Mit Kanzler Helmut Kohl wurde sie nie warm, weil er alles verkörperte, was sie an den Deutschen nicht schätzte: seine Behäbigkeit, den großen Appetit, die riesige Statur. Und wohl auch, dass er sich ihrem Machtspiel verweigerte. Nur Francois Mitterrand entdeckte in ihr weibliche Reize: „Sie hat die Augen von Caligula und den Mund von Marilyn Monroe.“

Margaret Thatcher hatte eine Kunst daraus gemacht, sich als Über-Frau zu stilisieren. Alles, was als weiblich ausgelegt werden könnte, vermied sie: Sie war nicht nachgiebig, als die Minenarbeiter ein Jahr lang gehen die Stilllegung der Bergwerke im Norden des Landes protestierten. Sie blieb während des Hungerstreiks der IRA 1981 hart, bis die nordirische Terrortruppe aufgab, nachdem zehn Mann gestorben waren.

Vier Jahre später ging während des Parteitags eine IRA-Bombe hoch, die vier Menschen tötete. Thatcher gab sich demonstrativ gelassen. Sie glaubte, dass Frauen die besseren Nerven hätten und deshalb eher für Führungspositionen geeignet seien. Das heißt aber nicht, dass hinter der eisernen Fassade eine Feministin steckte.

Unfähig, ihre methodistisch-puritanische Erziehung abzuschütteln, propagierte sie das Image der pflichtbewussten Hausfrau, deren Erfüllung zwischen Kindern, Küche und Kirche liegt. Minister berichteten, wie sie erst Kabinettssitzungen in Downing Street 10 leitete, um danach in die Küche zu eilen, um ein Abendessen zu bereiten. Während ihrer gesamten Amtszeit kochte sie für ihren Mann Denis und ihre beiden Kinder Mark und Carol selbst.

Sie hat während ihrer Amtszeit keiner anderen Frau zu einer führenden Position in der Partei verholfen. Sie ließ männliche Bewunderer für sich arbeiten, die sie eigentlich verachtete – und das auch zeigte.

Berühmt ist die Episode, die in einem Restaurant spielte, in dem sie vom Kellner gefragt wurde: „Wie hätten Sie Ihr Steak gerne, Frau Premierministerin?“ Die Antwort der Eisernen Lady fiel wenig überraschend aus: „Britisch und gut durchgebraten.“ Die um den Tisch gruppierte Ministerriege verfiel in süffisantes Grinsen. „Und das Gemüse?“ Thatcher warf einen Blick in die Regierungsrunde: „Die nehmen das Gleiche.“ Mal war es Gemüse, dann waren es Hamster – sie hatte die verrücktesten Namen für ihre Kollegen. Und natürlich kann man weder mit Gemüse noch mit Hamstern Freundschaften haben. Man kann sie ja nicht einmal ernst nehmen.

Es gab einen einzigen Mann, dem Thatcher jemals vertraut hat: ihren Ehemann Denis, der 2003 starb. Sie hatte den zehn Jahre älteren, geschiedenen Geschäftsmann auf einer Wahlveranstaltung 1950 kennengelernt, ein Jahr später waren sie verheiratet. Denis Thatcher hielt ihr finanziell den Rücken frei, als sie sich den Weg durch die Parteigremien hocharbeitete. Er fügte sich herrlich selbstironisch und souverän in die völlig neue Rolle des First Gentleman. Auf die Frage, wer in der Ehe die Hosen anhabe, hat er geantwortet: „Ich natürlich. Und ich wasche und bügle sie auch.“

Am Ende sollte eintreten, was der inzwischen verstorbene Konservative Ian Gow, ein ehemaliges Regierungsmitglied unter Thatcher, bereits 1980 beobachtete: „Sie behandelt ihre Mitarbeiter so schlecht, dass es klar war, dass es irgendwann eine Bumerang-Reaktion geben würde.“ Die Reaktion trat im November 1990 ein, ein Jahr, nachdem Labour bei den Europawahlen zum ersten Mal vor den Torys lag. Das Gemüse begehrte auf. Drei Wahlen hatte Thatcher für ihre Partei gewonnen, dann rebellierte die Fraktion.

Es begann mit einer Rede des glücklosen Außenministers George Howe, den sie wegen eines Streits über Europa geschasst hatte. Er munterte seine Kollegen zur Meuterei auf, in einer Kampfabstimmung kandidierte Thatchers alter Intimfeind Michael Heseltine gegen sie. Er wurde nie Parteivorsitzender – sondern ging in die Geschichte als Königinnenmörder ein.

Auf Druck der Partei trat Margaret Thatcher am 22. November 1990 zurück. Sie hatte Tränen in den Augen. Auf den Straßen Großbritanniens spielten sich spontane Freudenszenen ab, als die Nachricht bekannt wurde.

Es war für Thatcher nicht einfach, sich aus dem Alltagsgeschäft zurückzuziehen. Sie hatte Politik als ihr Leben gesehen. Schon 1979 hatte die damals frisch gewählte Regierungschefin dem Observer gesagt: „Ich wundere mich manchmal, wie ich mit meinem Leben ohne Zukunft zurechtkommen werde. Denn das muss man wissen, früher oder später spielt man politisch keine Rolle mehr.“

Blair als treuer Erbe

Erst reiste sie als Gastrednerin um die Welt, nach dem Tod ihres Mannes erlitt sie eine Reihe kleinerer Schlaganfälle und zog sich aus der Öffentlichkeit zurück.

Es dürfte für Thatcher ein täglicher Trost gewesen sein, die Nachrichten zu schauen und zu sehen, wie sich die ehedem sozialistische Labour-Partei ganz dem Thatcherismus geweiht hat. Der Schatzkanzler Gordon Brown pries Immobilien- und Aktienbesitzer als Rückhalt der Gesellschaft. Den Britenrabatt verteidigte Tony Blair, als er hätte er ihn selbst erkämpft. Der vermeintliche Sozialdemokrat Blair hat sich als treuer Erbe der eisernen Lady erwiesen.

Groß feierte Thatcher noch mal ihren 80. Geburtstag im Oktober 2005. Selbst die Queen, mit der Maggie Thatcher zu Amtszeiten in herzlicher Abneigung verbunden war, gratulierte persönlich.

Mit David Cameron kam in der Partei 2005 ein Konservativer an der Macht, der alles verkörperte, was Thatcher verachtete: Geld, Landadel, Snobismus. In seiner ersten Rede distanzierte sich der spätere Premierminister, indem er davon sprach, dass es sehr wohl etwas wie Gesellschaft und gesellschaftliche Verantwortung gebe. Thatcher hatte 1987 in einem berüchtigten Interview behauptet, „there is no such thing as society“, jeder Bürger sei für sich selbst verantwortlich. Es war ein Zeichen, dass die Partei mit ihrer Übermutter gebrochen hat. Allerdings wirkte ihr Geist in einer Hinsicht weiter: Der Mythos, dass die Insel ein amerikanischer Brückenkopf ist und nicht zu Europa gehört, gilt in ihrer Partei bis heute.

Maggie Thatchers leibliche Kinder distanzierten sich auf andere Weise. Cameron wurde am selben Tag zum Premier gewählt, an dem Thatchers Tochter Carol in der Dschungelshow im Fernsehen zur Siegerin gekürt wurde, weil sie die meisten Würmer und andere Ekeleien verzehren konnte. „Wir Thatchers wussten schon immer, wie man gewinnt“, ließ die Mutter damals mitteilen. Zu Carol hatte sie nie ein herzliches Verhältnis, die Tochter flüchtete nach Australien. Ihren Sohn Mark, der in dubiose Geschäfte in Afrika verwickelt war, vergötterte sie.

Die „Eiserne Lady“ beschäftigte die Briten weiter, jeder Schritt in der Öffentlichkeit wurde breit diskutiert. Vor fünf Jahren machte ein Buch ihrer Tochter Carol Schlagzeilen, in dem die sich mit der Demenz ihrer übermächtigen Mutter auseinandersetzte. Die Krankheit thematisierte auch der Film „The Iron Lady“, der vergangenes Jahr ins Kino kam. In dem kunstvoll mit Rückblenden gebauten Film spielt Meryl Streep Maggie Thatcher, wie man sie noch nie gesehen hat. Der Film ist kein politisches, sondern ein sehr privates, einfühlsames Porträt, es zeigt, wie die Macht einen Menschen verändern kann. Berührend ist vor allem die Szene, als Maggie Thatcher ihren Sitz im Londoner Norden 1959 gewonnen hat und das stolz ihrer Mutter verkünden will. Ihre Mutter, an der Spüle, dreht sich nur kurz um, sagt kein Wort, dreht sich wieder zurück. Sie wollte nie wie ihre Mutter sein, vielleicht erklärt das ihren Kampf.

Am Ende des Films sieht man Maggie Thatcher an der Spüle stehen. Der Film wurde auf der Insel heftig diskutiert. Man weiß nicht, wie viel Thatcher davon noch mitbekommen hat.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen