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Nachdenkseiten Die Anti-Lügenpresse-Front

Der Co-Chef des erfolgreichen Online-Magazins „Nachdenkseiten“, Wolfgang Lieb, wirft hin: Der Preis für das rasante Wachstum der Szene neuer Medien, die gegen „Lügenpresse“ und „Nato-Huren“ anschreiben, ist ihm zu hoch.

Dr. Wolfgang Lieb, Autor und Mitherausgeber NachDenkSeiten, will nicht mehr. Foto: imago stock&people

Lange war es eine Erfolgsgeschichte, die sich da im Internet abspielte. Zwei gestandene, einst einflussreiche Sozialdemokraten gründeten 2003 das Weblog „Nachdenkseitenseiten“, um gegen den neoliberalen Zeitgeist und die Agenda-Politik der Schröder-SPD anzuschreiben: Albrecht Müller (77), unter den Brandt und Schmidt Planungschef im Bundeskanzleramt, sowie Wolfgang Lieb (71), einst Staatssekretär im NRW-Wissenschaftsministerium.

Schnell wurden die Nachdenkseiten zur wichtigen Adresse für linke Gewerkschafter, Genossen und Globalisierungskritiker. Sie seien „ein gutes und sehr erfolgreiches Stück linker Gegenöffentlichkeit“, lobte der Publizist Wolfgang Storz (61), Ex-Chefredakteur der Frankfurter Rundschau, jüngst. Jetzt meldete Müller sogar, er erreiche inzwischen rund 109.000, bisweilen 150.000 Besucher am Tag. Damit läge das Blog auf Augenhöhe mit vielen Regionalzeitungswebsites.

Allerdings: Mit der wachsenden Reichweite, die im letzten Jahr „beachtlich gestiegen“ sei, verteidigte Müller sich. Denn gerade hatte er mit seinem neuen Kurs nach 12 Jahren Zusammenarbeit seinen Co-Herausgeber Lieb vertrieben. „Meinem Verständnis von Überzeugungsarbeit entspricht es nicht, wenn man Menschen mit konträrer Meinung als ‚gekauft‘, ‚nicht unabhängig‘, als ‚Agenten der US-Eliten‘, als ‚Einflussagenten‘“ beschimpfe, schrieb Lieb zum Abschied. Müller teile „die Welt moralisch in Freund und Feind“ und sehe als „Ursache nahezu allen Übels auf der Welt ‚einflussreiche Kräfte‘ (oft in den USA) oder undurchsichtige ‚finanzkräftige Gruppen‘ oder pauschal ‚die Eliten‘“. Statt zum Nachdenken rufe er nur noch zum „‚Kampf‘ gegen ‚die Herrschenden‘ und ‚die Medien‘“.

Amazon-Charts voller Verschwörungstheoretiker

Das macht den Einzelfall prototypisch: Berauscht von steigenden Klickzahlen und Verkaufserfolgen wenden sich immer mehr Online-Projekte, Nischen-Publizisten und Polit-Aktivisten an ein wachsendes, diffuses Publikum. Das kommt aus gegensätzlichen politischen Lagern, ist aber geeint darin, dass es klassische Medien als „Lügenpresse“ oder „Nato-Netzwerk“ ablehnt, „gleichgeschaltet“ oder „gekauft“.

Längst sind die Amazon-Charts für „Deutsche Politik“, für die kein Buchhändler eine Vorauswahl trifft, dominiert von Titeln, die Verschwörungen und Schandtaten von Gutmenschen, Medien und Muslimen anprangern. Der rechtspopulistische Autor Udo Ulfkotte (55) warnt seit Jahren vor Islamisierung  und einem Bürgerkrieg in Deutschland. Seine Anklage gegen „gekaufte Journalisten“ hat nun Fans bei Pegida wie bei den angeblich friedensbewegten „Mahnwachen“. Der einstige taz-Journalist Mathias Bröckers (61) verkauft heute seine Bestseller über den 11. September 2001 als Terrorwerk der US-Regierung und seine „Ansichten eines Putinverstehers“ an Linken- wie AfD-Anhänger.

Hinter Charlie-Hebdo-Morden vermuten sie die CIA

Wenn der Ex-Radiomoderator Ken Jebsen (49) – heute auf seinem eigenen Internetkanal sowie im Kreml-Sender „RT deutsch“ als Russlandverteidiger und Kritiker einer „amerikanisch-israelischen Lobby“ erfolgreich – schreibt, dass hinter 9/11 wie hinter dem Anschlag auf Charlie Hebdo wohl die Nato steckte, verbreiten das auch die „Nachdenkseiten“.

Auch Müllers alter SPD-Weggefährte Andreas von Bülow (78), von 1980 bis 1982 immerhin Bundesforschungsminister, schreibt seit 2001 Bestseller darüber, dass die US- und israelische Geheimdienste den 11. September inszenierten. Müller zitiert ihn wohlwollend, inklusive seiner These, Geheimdienste steckten auch hinter den Charlie-Hebdo-Morden. 

„Compact“-Konferenz: Wo Merkel an Hitler erinnert

Dabei stört ihn nicht, dass Bülow heute im rechts-esoterischen Kopp-Verlag erscheint und enger Verbündeter von „Compact“: Das rechtspopulistische Monatsmagazin mit dem Herz für Putin und Verschwörungstheorien ist ebenfalls ein Erfolgsprojekt. Sein Chefredakteur, der Ex-Linke Jürgen Elsässer, meldete gerade die neue Rekordauflage von 50.000 Heften.

Er verkündet offen, dass er dabei auch politische Ziele verfolgt: Elsässer unterstützt Pegida, auch als Redner, und will linke und rechte Systemgegner zur „Querfront“ vereinen. Am vorvergangenen Wochenende rief er in Berlin auf der „Compact“-Jahreskonferenz vor 1000 zahlenden Gästen zum Widerstand gegen den Angela Merkel auf, deren Regierungsstil an Hitler erinnere – nur dass ihr Dogma kein Nationalsozialismus, sondern ein „Anti-Nationalsozialismus“ sei. Auf der Konferenz sprachen Rechtsaußen-Politiker und -aktivisten aus ganz Europa – und Andreas von Bülow, der die Flüchtlingsströmen zum jüngsten Aktionsplan der CIA erklärte.

Bei Jebsen findet man alle wieder, die an der neuen Gegenöffentlichkeit arbeiten: „KenFM“ hatte Bülow und Elsässer ebenso auf dem Expertensessel seiner Videointerviews wie Albrecht Müller, Udo Ulfkotte und Daniele Ganser – ein 9/11-Zweifler, der jüngst auf den „Nachdenkseiten“ die Schuld an der Ukraine-Krise allein dem Westen zuschreiben durfte. Deren Chef Müller verweist stolz auf sein Jebsen-Interview. Erwähnen jedoch Außenstehende die Verbindungen, macht er sie umgehend verächtlich – zuletzt ausgerechnet Wolfgang Storz, der für die gewerkschaftsnahe Otto-Brenner-Stiftung ein Dossier über die „Querfront“ schrieb.

Obwohl Storz die klassischen Medien aufruft, öfter abweichenden Meinungen Raum zu geben, ist Müllers Urteil unversöhnlich: Schon der Auftrag an Storz zeige, dass der Stiftung die „sozialen Verhältnisse beschönigt“ und sie „eine Außenstelle der (neoliberalen) Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft“ sei.

Das eint die Macher der neuen Gegenöffentlichkeit: Hinter Fehlern, aber auch hinter Einschätzungen, die sie nicht teilen, sehen sie sofort  Absprachen und Manipulationen, befohlen von ganz oben. Wer Fakten recherchiert, die nicht in ihr Weltbild passen, hat sie erfunden. Beobachtungen, die ihnen missfallen, sind „schon vorher ausgedacht“. Und wer anderer Meinung ist, lügt.

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