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Nach G20 „Linke Gewalt hat abgenommen“

Der Extremismusforscher Schuhmacher spricht im Interview mit der FR über entgleisten Protest auch bei G20 und über die Vielfalt der kritischen politischen Szene.

Ausschreitungen beim G20-Gipfel
Plünderer, Randalierer und Aktivisten des Schwarzen Blocks ziehen am 7. Juli durchs Schanzenviertel. Foto: epd

Herr Schuhmacher, waren die Krawalle in Hamburg ein Schaulaufen des Linksextremismus?
In Hamburg war eine sehr heterogene Masse unterwegs, nicht miteinander verbunden durch eine gemeinsame politische Idee oder Motivation. Es waren sicher Linksradikale und Autonome beteiligt. Schon bei denen gibt es unterschiedliche Strömungen. Und dann gab es politisch unbestimmbare Gruppen wie Voyeure und Selfie-Narzissten. Die sind da nicht unbedingt hingegangen, um Krawall zu machen, sondern haben sich mitreißen lassen.

Und plötzlich plündert man Geschäfte und zündet Autos an?
Im autonomen Spektrum gibt es die Grundhaltung, sich über Grenzen hinwegzusetzen – auch durch Sachbeschädigung oder Widerstand gegen die Polizei. Je nach Land werden diese Grenzen sehr unterschiedlich definiert. Es gibt kein gemeinsames Gewaltverständnis. Das zeigt sich daran, dass es in der hiesigen autonomen Szene zunehmend Stimmen gibt, die sich von dem Geschehen distanzieren.

Was wird mit der Gewalt bezweckt?
Die politisch motivierten Akteure setzen auf das Element des Spektakulären. Störungen und Gewalt erzeugen mehr Aufmerksamkeit und Nachhall als eine große Demonstration von 70 000 Teilnehmern. Das sehen wir ja jetzt auch.

Aber Sympathien erzeugt man damit nicht.
Das ist die Ambivalenz. Man erzielt zwei Effekte. Die einen schreckt man ab. Aber aus Sicht mancher Akteure ist es ein politischer Erfolg, dass darüber diskutiert wird, ob so ein Gipfel mit diesen Teilnehmern überhaupt in einer Großstadt stattfinden kann.

Wirklich? Wenn der Gipfel aufs platte Land zieht, findet er ja trotzdem statt.
Wenn der Gipfel sich aus der Stadt zurückziehen muss, wenn G20 hinter Mauern, auf einer Insel, auf der grünen Wiese tagt, bestätigt sich das Bild von Politikern, die weit weg sind von den Problemen. Damit sind sie ein Stück weit delegitimiert. Der Gipfel wird als Machtdemonstration begriffen, die möchte man stören. Es ist ein Kräftemessen. Und zwar von beiden Seiten.

Die Folgen des Kräftemessens bekommen Privatleute zu spüren, deren Autos jetzt verbrannt sind.
Die Grundidee ist, durch Störung Unordnung zu schaffen, und damit die Gipfel-Inszenierung zu durchbrechen. Das hat zunächst mal noch nichts mit Gewalt zu tun. Da geht es zum Beispiel um Sitzblockaden oder um den Versuch, in Sperrzonen zu kommen. Die bezeichnet die eine Seite als Schutzzone für die Politiker, die andere Seite sieht sie als demokratiefreie Zone, weil dort das Versammlungsrecht nicht gilt. Was dann passiert, ist nicht Teil eines Plans. Es ist eine Eigendynamik, die sich entfaltet, ohne dass die Demonstranten darüber noch Kontrolle haben. Es gehören ja noch andere Akteure dazu, wie die Polizei und die Politik.

Aber man nimmt in Kauf, dass es entgleist?
Man nimmt die Eigendynamik in Kauf. Die Alternative wäre, sich an keinerlei Konfliktsituationen zu wagen. Das ist für diese Gruppe keine Alternative.

Wird linksextreme Gewalt unterschätzt?
Zunächst einmal: Die Schwere der politisch motivierten Gewalt von links ist über die letzten Jahrzehnte zurückgegangen. Wir hatten in Deutschland schon sehr viel höhere Konfrontationsniveaus. Gleichzeitig ist aber die Toleranzschwelle der Gesellschaft gesunken. Die Wahrnehmung dessen, was Gewalt und was hinnehmbar ist, hat sich verändert. Sie unterscheidet sich auch von der etwa in Frankreich, Italien oder Griechenland. Bestimmte Gewaltakte werden dort auch kritisch gesehen, gehören aber stärker zu einer Art Protestfolklore. Was man auch sehen muss: Ein Gipfel ist eine außergewöhnliche Situation, es ist nicht der Alltag. Was dort passiert, ist nicht der Normal-, sondern ein Sonderfall. Der Blick muss aber auf das Alltagsgeschehen gerichtet sein.

Wird bei rechtsextremer Gewalt mehr hingeschaut als bei der von links?
Bei Rechtsextremismus wird in der Tat hingeschaut. Das erklärt sich aus der Geschichte, aus der Form und aus der Adressierung der Gewalt. Es erklärt sich auch aus der hohen Vernichtungskraft des Neonazismus, des Rassismus. Je nach Zählung haben wir seit Anfang der 90er Jahre in Deutschland zwischen 70 und 150 Tote durch rechtsextreme Gewalt. Deswegen ist die Gesellschaft da zum Teil auch sehr aufmerksam.

Und ist mit dem linken Auge eher nachsichtig?
Man kann nicht sagen, dass man die radikale Linke nicht im Blick hat und sich mit ihr nicht auseinandersetzt. Das Spezifische ist, dass es eine breite, heterogene, links orientierte Alltagskultur gibt, die weder radikal noch extremistisch ist.

Und die hat Schwierigkeiten, sich abzugrenzen?
Im Gegenteil. Auf der Linken besteht eine große Angst, dass man selber in Haftung genommen wird für die Gewalt. Das ist ja gerade zu beobachten. Da wird dann etwa gesagt, Gewalt habe nichts mit links zu tun. Dabei gibt es eine ganz lange Tradition revolutionärer Bestrebungen auf der Linken. Revolutionen haben in der Regel sehr viel mit Gewalt und Umsturz zu tun. Es ist nicht zielführend, das abzuspalten. Man muss eher diskutieren: Was ist links? Wie groß ist die Bandbreite? Die SPD steht ja nicht für revolutionäre Umwälzungen. Ihre Idee linker Politik ist weit entfernt von den Ideen der Autonomen.

Was würde eine Schließung der Roten Flora und anderer links-autonomer Zentren denn bringen?
Natürlich würde es linker radikaler Gegenkultur erst mal Räume nehmen. Aber es wäre vor allem Populismus und Aktionismus. Es würde suggerieren, dass die Verantwortung für die Vorfälle klar zu lokalisieren ist, bei einer ganz bestimmten Gruppe – was nicht stimmt. Und die Vorstellung, dass in der Flora welche herumsitzen, die diese Krawalle geplant haben, erscheint mir weltfremd. Zum einen weil es eben eine hohe Eigendynamik hatte. Zum anderen, weil die Flora auf dem Präsentierteller liegt. Das ist kein geschlossener Raum. Die Polizei weiß wohl recht genau, was dort los ist. Übrigens ist die Flora nicht nur ein Fremdkörper, sondern auch ein positives Symbol für die Buntheit und Widerspenstigkeit des Viertels geworden. Sie gehört in anderen Zusammenhängen sogar zum Standortmarketing der Stadt.

Interview: Daniela Vates

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier G20 in Hamburg

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